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14:57 04.01.2016
Arther Elgort inszenierte 1990 fünf Athletinnen mit Lendenschurz. Quelle: OZBILD
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Köln

Welches Jahrzehnt war eigentlich freizügiger? Es ist schon seltsam, während man gern auf die prüde Zeit der Eltern, vielleicht in den 60er-Jahren, verweist, ändert sich der Zeitgeist unmerklich zu einer neuen Prüderie und Widersprüchlichkeit. Sich in den 60er-Jahren völlig nackt zu zeigen, war tabu. Sich so fotografieren zu lassen ebenso. Heute ist das anders. Junge Leute entwickeln zwar in der Öffentlichkeit – Strand, Schwimmbad, Sauna – eine neue Prüderie; erste Wellnesshotels verlangen im Saunabereich Badebekleidung. Zugleich fallen virtuell Hemmungen. Selfies mit viel Haut im world wide web – kein Problem.

Pirelli-Kalender wird seit 1963 produziert

Das ist der Zeitgeist! Ist das Zeitgeist? Zumindest ist es ein Ausschnitt ästhetischer Realitäten. Der Drahtseilakt mit dem Akt, die Angst vor der Nacktheit oder eben die Lust an ihr.

Laetitia Casta 1999 von Herb Ritts im Stile der 1950er fotografiert. Quelle: Calendario Pirelli/Herb Ritts

Ein üppiges Stück Zeitgeschichte und weltweiten Ästhetizismus legt der Taschen Verlag vor. Seit 1963 wird der legendäre Pirelli Kalender produziert. Bei Taschen liegt nun ein großformatiger, fast 600 Seiten dicker Band mit Bildern aller Kalender und als Give-away für Fans, Szenen der Produktion „Behind-the-scenes and outtakes“ vor. Ein wuchtiger Bildband, der Bände spricht über jedes Jahrzehnt, das er im Akt festhält.

Von 1964 bis 1971 waren die Models noch bekleidet

Es beginnt 1963 mit einer unveröffentlichten Fotostrecke des Pirelli-Fotografen Terence Donovan, der Models aus Exportregionen des italienischen Reifenherstellers ablichtet. Ziel war es, Kunden mit einem PR-Artikel zu binden, der an die Pin-up-Tradition von Norma Jean Baker, später bekannt als Marilyn Monroe, aus den 50ern anknüpft. Von 1964 bis 1971 waren die Models noch bekleidet. Der Akt spielte keusch mit Dekolletés, Bikinis und einer Art Wet-T-Shirt-Vorläufer. Nacktheit war nur in aussortierten Fotos (Outtakes), die der Band zeigt, zu sehen. Die ersten Nackten tauchen ab 1971 mit Francis Giacobetti auf Jamaica auf. Das hat wie auch 1972 mit Sarah Moon in Paris noch die Weichzeichner-Erotik eines David Hamilton. Bis 1974 spielen die Fotografen gern mit Accessoires wie Wasser, Bodypainting oder Strapsen. Dann die große Pause oder, wie es im Bildband heißt: der lange Winter für Pirelli-Fans. Von 1975 bis 1983 erschien der Kalender nicht.

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Seit 1963 zeigt der legendäre Pirelli-Kalender Aktfotos berühmter Fotografen. Bis hin zum Jahr 2015, in dem Annie Leibovitz neue Maßstäbe setzte. Jetzt gibt es erstmals alle Fotos in einem Band versammelt. Ein Stück Ästhetiklehre über fünf Jahrzehnte.

Auch Spitzensportlerinnen haben sich ausgezogen

Dann die 80er. Hier tauchen nicht nur erste Supermodels wie Waris Dirie und Naomi Campbell auf, die von Stars wie Bert Stern oder Terence Donovan glänzend in Szene gesetzt werden. Es wird im Akt-Hochglanz so wild wie im gesamten Jahrzehnt. Das hemmungslose Spiel mit aufgehobenen Geschlechterrollen, ausschweifend wilder Sexualität und hochauflösender Ästhetik. 1990, zum Höhepunkt des Körperkults, zieht Arthur Elgort nicht nur Models, auch Spitzensportlerinnen aus. Hochspringerin Laurie Bernhardt und andere Athletinnen des französischen Olympia-Teams wurden auf einer Finca in Spanien im Stil antiker Wettkämpfe fotografiert. Weiblichkeit erhält hier erstmals nicht nur einen ästhetisch-verspielten oder erotischen, auch einen athletischen Touch – gemäß gesellschaftlicher Übereinkünfte jener Zeit.

Es geht weiter mit den Stars hinter der Kamera wie Avedon, Herb Ritts, Peter Lindbergh, Karl Lagerfeld, Bruce Weber, Mario Testino, Annie Leibovitz, für die sogar Supermodels wie Cindy Crawford, Tajana Patitz, Helena Christensen, Kate Moss, Nadja Auermann, Carré Otis, Laetitia Casta, später Gisele Bündchen oder Heidi Klum und Hollywoodstars wie Nastassja Kinski, Monica Bellucci, Penélope Cruz oder Julianne Moore die Hüllen fallen lassen. Nacktheit wird hier über die Ästhetik zur Pose völliger Natürlichkeit – vorausgesetzt, sie entspricht den exorbitant hohen Anforderungen der Foto-Künstler.

2011 gab es zum ersten Mal männliche Models

Die Überhöhung des Ästhetizismus im hochauflösenden Körperkult liefert Lagerfeld 2011 mit Bildern gottgleicher Models wie Lara Stone, Erin Wasson oder erstmals männlich, androgynen Models wie Baptiste Giabiconi. Freizügiger, direkter wurde es 2012 mit Mario Sorrenti, der seine Models auf Korsika ohne Tabus zeigte, während Steve McCurry 2013 eine Retro­spektive bot und seine Mädchen angezogen ließ. Schönheit, die über Gesichter und Lebensfreude wirkt.

2015 setzt Annie Leibovitz neue Maßstäbe, indem sie Frauen wie die Komikerin und Feministin Amy Schumer oder Tennisstar Serena Williams zeigt, wie sie sind. Eben nicht vollkommen. Eine globale Ästhetik über 50 Jahre, wie es im Vorspann von Pirelli-Chairman Marco Tronchetti Provera heißt.

Von Michael Meyer

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