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Nachrichten Kultur Die Last mit dem Aufräumen
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14:13 16.08.2013
Jürgen Bernsen hilft Messies beim Aufräumen. In besonders schwierigen Fällen kann sich das über Jahre hinziehen. Quelle: Privat

Zusammen mit Vereinsgründerin Andrea Hüttinger sitzt er an einem großen, ovalen Tisch in Berlin-Weißensee und wartet auf Klienten. Es ist ein verregneter und trister Nachmittag. Auf großen Tellern liegen kleine Donuts und Windbeutel. Um 16 Uhr soll der "Kaffeeklatsch" beginnen. Mit einer kurzweiligen Plauderei hat das Ganze allerdings nicht viel zu tun. Daphne Blume* ist eine der ersten Gäste. Nach Luft schnappend nimmt die 62-Jährige Platz. Ihren schwarzen Stock stellt sie neben sich. Sie ist eine von Bernsens Klienten, ein Messie. In den 70er Jahren hat es sie "der Liebe wegen" nach Berlin verschlagen, erzählt sie. Die Liebe ging, Daphne blieb. Wenn es heute ums Aufräumen ihrer 60-Quadratmeter-Wohnung geht, sind sie und Bernsen ein eingespieltes Team. Immerhin kennen sie sich seit mittlerweile zwei Jahren.

"Sowas gibt es nicht mal in der Geisterbahn", sagt sie und lacht. Immer wenn Bernsen kommt, will er den Flurboden ein bisschen lichten. Er weiß, wie schwer es den Klienten fällt, Dinge auszusortieren und zu entsorgen. Aus diesem Grund, sagt er, gehe er mit "ganz viel Fingerspitzengefühl, Höflichkeit und Respekt vor den Leuten" ans Werk. Auch die Wohnung eines Messies ist ein ganz privater Bereich. "In den kann man nicht einfach eindringen, eins, zwei, drei aufräumen und alles schick machen", erklärt Bernsen. Was weggeworfen wird, entscheiden Klient und Therapeut gemeinsam. "Wir arbeiten zusammen", erzählt Daphne.

Wo etwas hingehört und was umgestellt werden darf, bestimmt allein Daphne. Sie behält die Kontrolle. Auch das ist wichtig. Wird sie ihr genommen, ist das Risiko, dass sie eine Panikattacke bekommt, ungleich höher. "Ich verliere schnell den Überblick", sagt Daphne, "dann bin ich überfordert und weiß nicht mehr, in welchem Zimmer ich zuerst anfangen soll." Dieser Ratlosigkeit folgt die Tatenlosigkeit. Statt das Sofa frei zu räumen, liest sie dann lieber ein Buch oder beschäftigt sich mit Horoskopen. "Ich weiß aus meinem Horoskop, dass ich eine suchtgefährdete Person bin. Ich bin nikotin-, spiel- und esssüchtig. Nur alkohol- und sexsüchtig bin ich nicht." Daphne lacht.

Von Anne Stephanie Wildermann

Das Messie-Syndrom

Der Begriff „Messie“ stammt aus dem Englischen von „mess“ für „Unordnung“. Das Messie-Syndrom ist eine Störung der menschlichen Psyche. Es ist allerdings keine anerkannte Krankheit. Die Symptomatik umfasst Unordentlichkeit, zwanghaftes Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge, Probleme mit der Zeiteinteilung, das Nichterledigen sozialerVerpflichtungen (Briefe, Anrufe, E-Mails beantworten, Rechnungenbezahlen). Die Ursache sind Trau mata, die die Betroffenen nicht verarbeiten können – etwa Depressionen, der Verlust eines geliebten Menschen oder Vernachlässigung in der Kindheit. Der Verein „Freiraum“ Berlin-Brandenburg hat ein sechsköpfigesTeam und betreut bisher 14 Klienten in Berlin. In Brandenburg ist der Verein noch im Aufbau. Zwei- bis dreimal in der Woche kommt ein Helfer vorbei und räumt mit den Betroffenen etwa zwei Stunden auf. Das kann über einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu zwei Jahren gehen. Pro Stunde kostet die Hilfe 40 Euro plus zehn Euro für die Anfahrt. Die Kosten übernimmt entweder das Sozialamt, wenn ein Antrag gestellt wurde, oder müssen von den Be-troffenen aus eigener Tasche bezahlt werden. asg

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