Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Die Liebe siegt im Schlachthaus

Berlinale Die Liebe siegt im Schlachthaus

Kluge Berlinale-Jury: Die Ungarin Ildikó Enyedi gewinnt den Goldenen Bären mit der Liebesgeschichte „On Body and Soul“.

Voriger Artikel
„Twin Peaks“-Star Warren Frost gestorben
Nächster Artikel
Donna Leon kommt zu Lit:Potsdam

Goldener Bär für den Film „Körper und Seele“ von Regisseurin Ildiko Enyedi.

Quelle: AP

Berlin. Die Berlinale-Jury hätte es sich leicht machen und Aki Kaurismäki für „Die andere Seite der Hoffnung“ zum großen Sieger der 67. Berlinale erklären können. Niemand hätte wohl Einwände gegen diese melancholische Komödie erhoben, in der an den gesellschaftlichen Rand Gedrängte eine Notgemeinschaft bilden. Der Finne Kaurismäki gilt seit Jahrzehnten als Spezialist für solche Beschwörungen der Nächstenliebe – aber gerade deshalb wäre diese Auszeichnung nicht sonderlich originell gewesen bei einem Festival, das nach frischen künstlerischen Ausdrucksformen sucht. Und so hat die Jury am Samstagabend klug entschieden, Kaurismäki mit dem Regiepreis zu bedenken, den Goldenen Bären aber an „On Body and Soul“ der Ungarin Ildikó Enyedi zu verleihen.

d0f9ff18-f61b-11e6-a442-2fe4bd3bf501

Die Internationale Jury der 67. Berlinale unter Vorsitz von Regisseur Paul Verhoeven hat die begehrten Preise vergeben. Der Goldene Bär ging nach Ungarn. Hier sehen Sie Bilder von der Preisverleihung.

Zur Bildergalerie

Die Regisseurin – eine von vier Frauen im Bären-Rennen – hat das Kino-Juwel dieser Berlinale präsentiert, eine zart-verschrobene Liebesgeschichte zwischen einem Schlachthauschef und einer Fleischkontrolleurin. Maria und Endre werden ihrer Seelenverwandtschaft erst gewahr, als sie per Zufall herausfinden, dass sie dieselben Träume haben – in denen Hirsch und Hirschkuh Seite an Seite durch verschneite ungarische Wälder traben. In diesem Moment beginnen zwei verschlossene Seelen, sich zaghaft einander zu öffnen. Diese unwahrscheinliche Annäherung inmitten einer blutgesättigten Umgebung, obwohl gleich zu Beginn des Festivals gezeigt, blieb im Bildergedächtnis haften.

Gedreht mit einer Laiendarstellerin

Überhaupt, die Liebe in vielerler Form: Sie scheint es dem siebenköpfigen Bären-Gremium um Paul Verhoeven angetan zu haben: Der Große Jury-Preis ging an die Barsängerin „Félicité“ aus dem Kongo. Regisseur Alain Gomis schickt sie auf eine entwürdigende Betteltour durch Kinshasa, um Geld für ihren schwer verletzten Sohn aufzutreiben. Gedreht hat er diese Geschichte einer Mutterliebe vornehmlich mit einer Laiendarstellerin und dabei ganz auf die treibenden Rhythmen der Musik gesetzt.

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi

Die ungarische Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi (61) hat schon viele internationale Auszeichnungen bekommen. Sie begann ihre Karriere als Konzept- und Medienartistin. International bekannt wurde Enyedi 1989 mit ihrem im gleichen Jahr in Cannes ausgezeichneten Debütfilm „Mein 20. Jahrhundert“. Die Mutter zweier Kinder lebt mit ihrem Mann, dem deutschen Autor und Politologen Wilhelm Droste (63), abwechselnd in Ungarn und Deutschland.

In Berlin gewann sie nun mit der zarten Liebesgeschichte „Körper und Seele“ den Hauptpreis, den Goldenen Bären. Sie zeichnet darin auch ein Porträt der gegenwärtigen ungarischen Gesellschaft zwischen Profitstreben, Korruption und geistiger Enge.

Mit Blick auf ihr Heimatland sagte sie zum Abschluss der Berlinale im Deutschlandradio Kultur: „Was jetzt in unserem Land passiert, ist eine Schande und macht wirklich Angst.“ Und: „Es ist in gewisser Weise deshalb so beängstigend, weil es nicht nur eine unehrliche Art und Weise ist, die Regeln zu umgehen, sondern eine grundlegende Veränderung und Zerstörung der Regeln, eine Zerstörung der Basis der Demokratie und demokratischer Kontrolle. Ich wäre so gerne stolz auf mein Land, aber seit so vielen Jahren kann ich das nicht mehr sein und das tut weh.“

Den Alfred-Bauer-Preis gab es für die hexengleiche Waldbewohnerin in Agnieszka Hollands subversivem Öko-Krimi „Pokot“, die die Natur mehr liebt als ihre Mitmenschen – und ganz besonders die Jäger darunter. Die Drehbuch-Auszeichnung holten die Chilenen Sebastián Lelio und Gonzalo Maza mit „Eine fantastische Frau“: Die Transgender-Frau Marina steht gegen alle Drangsalierungen zu ihrem überraschend gestorbenen Lebenspartner. Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung erhielt Cutterin Dana Bunescu für den Schnitt im rumänischen Wettbewerbsbeitrag „Ana Mon Amour“ – also noch eine, wenn auch bittere Liebesgeschichte zwischen zwei psychisch Labilen.

Georg Friedrich als bester Schauspieler

Auch der einzige Preis für einen deutschen Film fügt sich in diese Reihe: Der Österreicher Georg Friedrich erhielt ihn als bester Schauspieler im reichlich zähen Drama „Helle Nächte“ des Berliners Thomas Arslan. Friedrich verkörpert einen von einer Midlife-Crisis verunsicherten Vater, der auf einer Norwegentour versucht, versäumte Zeit mit seinem Teenager-Sohn nachzuholen. Friedrich war bei dieser Berlinale viel gefragt: Auch in Josef Haders Komödie „Wilde Maus“ übernahm er eine wichtige Rolle.

Beste Schauspielerin wurde Kim Minhee im südkoreanischen Film „On the Beach at Night Alone“, in dem sie eine viel plappernde und viel trinkende Schauspielerin gibt, die sich durch Hamburg treiben lässt. Es wären durchaus andere Optionen möglich gewesen bei einer Berlinale, die als das Festival der starken Frauenfiguren zu Ende gegangen ist – siehe die unbeirrbare Félicité (Vero Tshanda Beya) oder die tapfere Marina (Daniela Vega).

Aber was soll`s: Insgesamt hat die Jury zielsicher die Rosinen herausgepickt bei einem Festival, bei dem herausragende Werke Mangelware waren. Berlinale-Chef Dieter Kosslick dankte den mehr als 400 Regisseuren, die angetreten seien, „die Welt mit Poesie zu retten“. Er selbst wollte es dabei nicht belassen und erinnerte an den in der Türkei festgenommenen „Welt“-Journalisten Deniz Yücel. So wurde das 67. Festival noch einmal seiner politischen Verpflichtung gerecht, die es als seinen Markenkern betrachtet.

Preise der unabhängigen Berlinale-Jurys

Neben den begehrten Bären-Preisen werden bei der Berlinale auch zahlreiche Auszeichnungen von unabhängigen Jurys vergeben. Die Ergebnisse vom Samstag im Überblick:

PREISE DER ÖKUMENISCHEN JURY: „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) von Ildikó Enyedi (Wettbewerb); „Investigating Paradise“ („Tahqiq fel djenna“) von Merzak Allouache (Panorama Dokumente); „Mama Colonel“ von Dieudo Hamadi (Forum)

FIPRESCI-PREIS DES INTERNATIONALEN VERBANDES DER FILMKRITIK: „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) von Ildikó Enyedi (Wettbewerb); „Pendular“ von Julia Murat (Panorama); „A Feeling Greater Than Love“ („Shu’our akbar min el hob“) von Mary Jirmanus Saba (Forum)

PREIS DER GILDE DEUTSCHER FILMKUNSTTHEATER: „The Party“ von Sally Potter

PREISE DER CICAE (Internationaler Verband der Filmkunsttheater): „Centaur“ von Aktan Arym Kubat (Panorama); „Newton“ von Amit V Masurkar (Forum)

AMNESTY INTERNATIONAL FILMPREIS: „Devil’s Freedom“ („La libertad del diablo“) von Everardo González

LABEL EUROPA CINEMAS (Initiative zur Förderung des europäischen Films): „Insyriated“ von Philippe Van Leeuw

TEDDY AWARD (Queerer Filmpreis): „A Fantastic Woman“ („Una mujer fantástica“) von Sebastián Lelio (Spielfilm); „Small Talk“ („Ri Chang Dui Hua“) von Hui-chen Huang (Dokumentation); „My Gay Sister“ („Min Homosyster“) von Lia Hietala (Kurzfilm)

CALIGARI-FILMPREIS: „Der See die See“ („El mar la mar“) von Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki

HEINER-CAROW-PREIS der DEFA-Stiftung: „Fünf Sterne“ von Annekatrin Hendel

PANORAMA PUBLIKUMS-PREIS: „Insyriated“ von Philippe Van Leeuw

GLÄSERNER BÄR (Bundeszentrale für Politische Bildung): „Butterfly Kisses“ von Rafael Kapelinski (Generation 14plus)

Von RND/Stefan Stosch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Begleitetes Fahren schon ab 16 statt 17 – eine gute Idee?