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Die Neuköllner Oper geht ins schicke Berlin-Mitte

Musical Die Neuköllner Oper geht ins schicke Berlin-Mitte

„GRIMM!“, heißt ein Musical von Peter Lund. Es lief lange erfolgreich in der Neuköllner Oper. Nun gastiert die Bühne aus dem Multikulti-Bezirk erstmals in Berlin-Mitte im Admiralspalast.

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Peter Lund, Musicalautor und Regisseur.

Quelle: PR

Berlin. „Das Wunder von Neukölln“ – der Titel des Musicals wurde zum Programm. Mit der Sozialkomödie verschaffte Peter Lund 1998 dem Musical-Genre in Deutschland eine neue Perspektive. Seitdem hat der Autor und Regisseur in Zusammenarbeit mit Komponisten wie Thomas Zaufke oder Wolfgang Böhmer an der Neuköllner Oper Jahr für Jahr die wundervollsten Musicals herausgebracht.

Musicals haben in Deutschland immer noch den Ruf, großformatige, amerikanische Machwerke zu sein. Peter Lund aber steht für überschaubare, quicklebendige Aufführungen, die Gesang, Schauspiel, Tanz und Musik mit gesellschaftskritischen Inhalten verbinden. Lund ist Professor für den Studiengang Musical/Show an der Universität der Künste Berlin. In Jeans und Shirt sitzt der 51-Jährige auf einem Dachboden über der Neuköllner Karl-Marx-Straße, die gerade aufgerissen ist und schick gemacht wird. Dass Lund ganz bei der Sache ist, sieht man an seinen wilden Grimassen, die er scheidet, während der Wolf ein bitterböses Lied mit einem Text von ihm schmettert. In der Probe muss ein Mann am Klavier die siebenköpfige Band ersetzen. Das drei Jahre alte Musical „Grimm“ wird wieder aufgenommen, weil der vornehme Admiralspalast in Berlin-Mitte den temperamentvollen Charme der Neuköllner Inszenierung entdeckt hat. Ab diesem Samstag kommt „Grimm“ in der Friedrichstraße für vier Abende zur Aufführung.

„Sechs von zehn Darstellern sind noch dabei. Einer, der vorher den alten Hund Sultan gespielt hat, wollte jetzt unbedingt den Wolf spielen. Wir haben also fünf Umbesetzungen“, erklärt Lund, der die Geschichte von „Rotkäppchen und dem Wolf“ nicht nur um zwei Hunde-Figuren bereichert hat, sondern auch noch um drei Schweinchen, die Häuser aus Stroh, Holz und Stein gebaut haben, wie um ein Geißlein, eine Eule und einen Bürgermeister. In Lunds Märchen, das zwischen Dorf und Wald spielt, verliebt sich das Rotkäppchen in den gefürchteten Wolf. Ist deshalb die Rolle des edlen Wilden so begehrt?

Lund erzählt, dass wirklich alle fünf Männer den Wolf spielen wollten. „Jeder durfte sich bewerben. Sie sollten eine Rede halten, warum Fleisch fressen voll okay ist. Drei von denen konnten das inhaltlich nicht vertreten und durften den Wolf dann auch nicht spielen. Fast alle haben Probleme mit unverstellter Männlichkeit.“ Dabei sei die Rolle des Wolfes gar nicht so attraktiv. „Der ist nur ruhig und cool und darf auch nicht viel tanzen.“ Das Stück stelle nämlich die Frage, ob der böse Wolf nur eine Propagandalüge ist. „Das Dorf besteht aus vielen Leuten, die sich gar nicht mögen. Sie brauchen das Feinbild Wolf, um selber zusammenzuhalten“, so Lund.

Macht es sich der Städter Lund nicht zu einfach? Was würde ein Bauer aus Brandenburg dazu sagen, dessen Schafe gerade vom Wolf gerissen wurden? Lund setzt zu einer längeren Antwort an. „Wir machen hier kein Stück über Landwirtschaft. Aber übersetzt möchte ich den Bauern sagen: ,Zäumt Eure Schafe besser ein. Lasst dem Wolf seinen Raum im Wald. Lasst uns die Schafe besser schützen, damit die Zivilisation neben dem wilden Leben existieren kann. Radiert das wilde Leben nicht aus!‘“

Inmitten der heiteren Grundstimmung, die das Musical allein schon durch die vielen mitreißenden Lieder setzt, kommen bei Lund oft todernste Themen zur Sprache. „Der Humor ist das Lachen über unsere unfassbare Dämlichkeit und unser Unvermögen“, sagt Lund, und kommt noch einmal auf den Menschen zu sprechen: „Es ist ja nicht so, dass Schafe und Schweine in Deutschland glücklich auf grünen Wiesen leben und dann kommt der böse Wolf vorbei. Die sitzen zu vielen Tausend im Stall und dann kann man sich fragen: Wer ist eigentlich böser, der Wolf, der die Schafe reißt, oder Mensch, der viele Tausend Tiere unglücklich macht.“ Den Bauern als Monster hinzustellen, so weit geht das Stück dann aber doch nicht. „Es ist ja für die ganze Familie und die Kinder sollen keinen Schreck kriegen, in was für eine schreckliche Welt sie hineingeboren wurden.“

Der Widerstreit zwischen Zivilisation und Wildnis lässt sich nicht ganz so krass auch auf das bereits geleckte Berlin-Mitte und das immer noch raue Berlin-Neukölln übertragen. Wurde Peter Lund nicht durch das Schmuddelige und Urige zu seinem „Wunder von Neukölln“ inspiriert? „Wir haben auch in Neukölln ein ziemlich klassisches Bildungsbürgerpublikum, das neugierig ist auf Randbereiche. Für das Stammpublikum der Neuköllner Oper sei aber der Preissprung ein Schock. „Im Admiralspalast muss sich die Aufführung selber tragen, da können wir keine Steuergelder weiterreichen.“ Die teuerste Karte in Neukölln kostete 25 Euro, im Admiralspalast geht der Preis bis zu 60 Euro hoch.

“GRIMM!“ Die Neuköllner Oper gastiert im Admiralspalast. 15.7., 19,30 Uhr, 16.7., 14 Uhr, 16.7., 18,30 Uhr, 19.7. 19.30 Uhr. Friedrichstraße 101. Berlin-Mitte.

Von Karim Saab

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