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Die Off-Szene Brandenburgs kann sich sehen lassen

Freie Theater in Brandenburg Die Off-Szene Brandenburgs kann sich sehen lassen

Alle Jahre wieder veranstaltet das Potsdamer T-Werk eine Lange Nacht der Freien Theater. Dieses Mal waren neun Ensembles am Start. Die stilistische Vielfalt war verblüffend.

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Das Ton und Kirschen Wandertheater glänzte mit einer poetischen Inszenierung von Shakespeares Sonetten.

Quelle: Foto Jean-Pierre Estournet

Potsdam. „Es ist eine so schöne Nacht“, schwärmt Maxwell. Er ist Arzt und möchte mit seiner Sprechstundenhilfe ein romantisches Wochenende mit Freunden auf dem Lande verbringen. Doch dann spielen die Gefühle verrückt und Maxwell verliebt sich in eine andere Braut.

Das zähe Drama des deutschen Rumpelfußballs interessierte am Samstagabend im Potsdamer T-Werk niemanden. Es gab nicht einmal einen Techniker, der heimlich auf sein Handy schaute, um zu erfahren, ob Dortmund den Pokalsieg dieses Mal schafft. Die 12. Lange Nacht der Freien Theater war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die volle Aufmerksamkeit galt den neun Theatergruppen, die aus ganz Brandenburg angereist waren, um jeweils in halbstündigen Ausschnitten in ihr aktuelles Repertoire einzuführen. Und das ohne Honorar.

Als Maxwell setzt Reiner Gabriel alles daran, seine Bühnenfigur psychologisch fein auszuloten. Die „Mittsommernachts-Sex-Komödie“ brachte das Potsdamer Poetenpack bereits im letzten Jahr heraus. Woody Allens boulevardeske Antwort auf Shakespeares „Sommernachtstraum“ wird ab Juli im Park Sanssouci aufgeführt und soll das Heckentheater vor dem Neuen Palais wachküssen. Das Poetenpack ist das einzige Ensemble, das bisher bei allen zwölf Theaternächten dabei war. Impresario Andreas Hueck muss aber gerade einen deutlichen Rückschlag verkraften. Eine Jury strich seiner rührigen Wandertruppe die 20 000-Euro-Förderung vom Land. Doch das Potsdamer Kulturministerium, das mit drei leitenden Mitarbeitern bei der Langen Nacht Präsenz zeigte, bemühte sich um Schadensbegrenzung.

Freie Theater in Brandenburg

Der Landesverband Freie Theater in besteht aus 25 Mitgliedern. Acht Ensembles bespielen ein festes Haus, fünf verfügen über feste Räume. Neun Gruppen existieren schon länger als 20 Jahre, zehn länger als zehn Jahre.

Bei mehr als 2000 Vorstellungen im Jahr 2015 wurden ungefähr 200 000 Besucher gezählt, so Frank Reich, Geschäftsführer des Verbandes. Die Freien Theater decken damit mehr als ein Drittel aller Theaterbesuche im Land Brandenburg ab.

Die Besucherzahlen sind in ihrem Segment in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen, während die Stadttheater stagnierende oder gar sinkende Zahlen vermelden.

Die Freien Theater arbeiten im eigenen Auftrag und können nicht auf feste Förderzusagen bauen. Sie müssen immer wieder neu Projektmittel beantragen. Das Land fördert ihre Arbeit mit etwa einer Millionen Euro im Jahr.

Verglichen mit den Millionen-Etats für die Stadttheater geht es bei freien Theatern um kleine Förderbeträge. In der Szene wird aber Innovation mehr geschätzt als Kontinuität und das Bedienen herkömmlicher Erwartungen.

In den Genuss der Förderung kamen 2016 deshalb zwei neue Off-Gruppen, die ebenfalls professionell arbeiten. „Vom Schweben und Fahren“ heißt eine Produktion auf Segway-Rollern vom Potsdamer Kombinat, die am Samstag aber nur in einer Videoaufzeichnung präsentiert wurde. Und das Neue Globe Theater Potsdam vergegenwärtigt in seinen Aufführungen, dass in der Shakespeare-Zeit die Frauenrollen von Männern gespielt wurden.

Bei der Leistungsschau der Freien Theater Brandenburgs wollte auch das theater 89 nicht fehlen. Das Stück des Gegenwartsdramatikers Oliver Bukowski „Wer ist die Waffe, wo ist der Feind“ widmet sich der Generation der Expressionisten, die kühn allen Konventionen eine lange Nase drehte, um dann doch in den Ersten Weltkrieg zu marschieren. Regisseur Hans-Joachim Frank möchte keine Individuen zeichnen, sondern anhand von Prototypen die Ideengeschichte veranschaulichen. So darf Laila Maria Witt ein auftrumpfendes Weib im roten Kleid geben, das sich aus der patriarchalischen Umklammerung befreit.

Das Tanztheater „Oxymoron“ gab einen ersten Einblick in „Temporare_3“ - die Premiere als Crossover mit zwölf Streichern der Kammerakademie Potsdam steht noch bevor. Hier tanzen sich zwei Frauen mit starkem gestischen Impetus die Seele aus dem Leib. Es geht um Einsamkeit und die Beziehung zu einem Mann, den U-Gin Boateng vor allem als Athleten darstellt. Die Frauen setzen den Rhythmus oft selbst, während Komponist Sven Helbig live düster-pathetische Soundwolken und Dub-Klänge aus dem Laptop mit analogem Musizieren vermixt. Beeindruckend sind die hautengen Kostüme und das Bühnenlichtbild.

Im Schirrhof ging die Lange Nacht unter herrlichem Vollmond mit einer trashigen und grotesken open-air-Revue zu Ende. Das Kanaltheater aus Eberswalde erweiterte den bunten Stilmix noch um eine politische, soziokulturelle und kabarettistische Komponente. „Die Welt ist in Gefahr – Rettung naht aus Eberswalde“ riefen fast 20 blutige Laien in Brandenburger Mundart, aber nicht ohne Selbstironie. Zugrunde lag eine Auseinandersetzung mit den apokalyptischen Szenarien, die die Arbeit der örtlichen Hochschule für nachhaltige Entwicklung bestimmen. In einem Zukunftsszenario geht die Aufführung der Frage nach, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppen, vor allem Punks oder auch Naturfreundinnen, reagieren würden, wenn der Staat die Versorgung in der Umgebung einstellt und alle Bürger auffordert, ins Zentrum zu ziehen.

Von Karim Saab

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