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„Die Quote ist nicht so wichtig, die Zuschauer sind es“

MAZ-Gespräch „Die Quote ist nicht so wichtig, die Zuschauer sind es“

Die Deutsche Filmakademie zeichnet am Freitag die Kinoproduzentin Regina Ziegler für ihr Lebenswerk aus. Die 1944 geborene Tochter einer Journalistin und eines Brunnenbauers gründete 1973 ihre eigene Produktionsfirma. Ein Gespräch über Quoten, Lebenslust und Udo Jürgens.

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Die Berliner Produzentin Regina Ziegler.

Quelle: kurier

Potsdam. Regina Ziegler ist seit Jahrzehnten eine Institution in der Filmbranche. 500 Filme hat sie bislang produziert. Das Museum für Film und Fernsehen am Berliner Potsdamer Platz widmet ihr eine eigene Werkschau, zu sehen bis zum 19. Juni.

Frau Ziegler, wir reden am Telefon: Wo stecken Sie gerade?

Regina Ziegler : Auf Mallorca. Ich bereite die Dreharbeiten für den ZDF-Film „Von Erholung war nie die Rede“ nach dem Roman von Andrea Sawatzki vor. Der erste Teil „Tief durchatmen, die Familie kommt“ hatte 6,5 Millionen Zuschauer. Bei so viel Erfolg müsse es eine Fortsetzung geben, hat das ZDF gesagt. Ich habe Mallorca als Drehort ausgesucht, und alle Beteiligten waren sofort dafür.

Und was genau machen Sie auf Mallorca?

Ziegler: Ich führe Verhandlungen mit den Besitzern der verschiedenen Drehorte. Das muss ja alles vertraglich geregelt werden. Früher hat man das per Handschlag gemacht.

War das besser?

Ziegler : So lange das funktioniert hat, war das gut. Aber jetzt würde ich mich nicht mehr darauf verlassen.

Sie reisen viel an Drehorte – auch deshalb, weil Sie Angst haben, dass die Filmemacher zu viel Geld ausgeben?

Ziegler: Nein, so sind die meisten Regisseure nicht. Ich fahre auch nicht zu jedem Drehort. Zum Beispiel dreht Volker Schlöndorff gerade in New York „Return to Montauk“ mit Nina Hoss, Susanne Wolff und Stellan Skarsgård. Da freue ich mich auf die Dreharbeiten in Berlin. Tatsächlich ist es aber auch nicht leicht, Kunst und Kasse in Übereinstimmung zu bringen. Qualität kostet oft mehr, als die Budgets hergeben.

Bei dem Schlöndorff-Projekt gehört Til Schweiger zu den Koproduzenten. Wie kam das denn?

Ziegler: Das nennt man Omelette surprise und gehört zu den wunderbaren Dingen, die das Leben schreibt. Ist doch toll, wenn sich Konstellationen eröffnen, an die früher niemand gedacht hätte. Film und Fernsehen verändern sich gerade sehr. Wer nicht flexibel ist, bleibt auf der Strecke. Nehmen Sie „Return to Montauk“: Wir haben internationale Koproduzenten aus Frankreich und Irland. Auch Wild Bunch ist Koproduzent und wird den Film nächstes Jahr in die Kinos bringen. Bei so einem Arthouse-Projekt muss man Verbündete finden. In eineinhalb Jahren haben wir fünf Millionen Euro zusammen bekommen, das ist recht schnell für einen Spielfilm.

Schaut eine Produzentin immer nur aufs Geld?

Ziegler: Ich habe in erster Linie nie aufs Geld geguckt, sondern auf die Qualität. Natürlich schaut eine Produzentin täglich auf die Muster. Spätestens wenn ich den Rohschnitt eines Films sehe, weiß ich, ob er gelungen ist.

Und was, wenn dem nicht so ist?

Ziegler: Dann weine ich. Das kommt aber nur manchmal vor. Ich muss im Übrigen von der Qualität eines Projekts überzeugt sein. Sonst kann ich auch keinen Partner überzeugen. Da müssen bei mir Leidenschaft und Begeisterung dabei sein.

Wie haben sie sich über 43 Jahre Ihre Begeisterung bewahrt?

Ziegler: Das hat mit meiner Lust am Leben zu tun.

Sind Sie tatsächlich in Ihrer Anfangszeit den Fahrstuhl beim ZDF rauf- und runtergefahren, um an die Entscheider ranzukommen?

Ziegler: Ja, klar, mich kannte ja keiner. Ich hätte bei den wichtigen Leuten keinen Termin bekommen. Meistens hat das auch geklappt. Der ZDF-Unterhaltungschef aber wollte nicht – bis ich „Hexenschuss“ produziert hatte. Die Komödie hatte 19,2 Millionen Zuschauer, ein Riesenerfolg. Danach hat er mich angerufen.

Wie war das damals, so ganz allein unter Männern?

Ziegler: Ich bin ausgesprochen skeptisch beäugt worden. Aber dann habe ich gemerkt, dass die Männer mich gut leiden können. Der Regisseur Ulrich Schamoni hat gesagt: Die Ziegler ist wie ein Silberstreif am Männerhorizont. Geholfen hat mir, dass schon mein erster Film „Ich dachte, ich wäre tot“ 1973 für Furore gesorgt hat.

Und heute? Leben wir im Goldenen TV-Zeitalter, von dem alle reden?

Ziegler: Kommt drauf an. Wenn Sie das Binge Watching von Serien meinen, dann ja. Für mich ist Fernsehen generell dann interessant, wenn es Geschichten zeigt, die mich betreffen und berühren. Das können natürlich auch Serien sein. Ich habe aber immer aufgepasst, dass ich als Produzentin nicht in eine Schublade gesteckt werde.

Wie oft kommt es denn vor, dass ein Film Sie berührt?

Ziegler: Eigentlich immer. Ich denke etwa an „Der Mann mit dem Fagott“, „Weissensee“, „Im Schatten der Macht“ oder „Der Verleger“. Oder nehmen Sie „Kommissarin Heller“, die jüngste ZDF-Folge hatte sieben Million Zuschauer.

Sie reden viel von der Quote: Ist sie das oberste Kriterium?

Ziegler: Die Quote ist nicht so wichtig, die Zuschauer dahinter sind es. Für sie mache ich Filme. Und wenn dann noch gute Kritiken und Preise dazu kommen wie beispielsweise bei „Weissensee“, dann tut das einer Produzentin gut.

Glauben Sie an die Zukunft des Kinos?

Ziegler: Wenn ich nicht daran glauben würde, dann würde ich keine Kinofilme produzieren. Dann würden meine Tochter Tanja und ich auch kein Kino besitzen. Wir betreiben die „Filmkunst 66“ in Berlin. Da habe ich kürzlich eine ganze „Weissensee“-Nacht veranstaltet. Und am nächsten Morgen habe ich für die Gäste auch noch Frühstück serviert.

Sie lehren auch an der Filmuniversität Babelsberg: Welches ist Ihr wichtigster Rat für Studierende?

Ziegler: Ich mache ihnen klar, dass Produzieren Teamarbeit ist und dass die Bretter in diesem Geschäft besonders dick sind. Man braucht Fantasie und Geduld, Ideen und ein Gefühl für Routine. Also: früh aufstehen, professionell arbeiten, nicht aufgeben!

Sie haben viele Preise gewonnen, in Kürze kommt der Deutsche Filmpreis fürs Lebenswerk dazu: Zählen Sie Ihre Auszeichnungen?

Ziegler: Warum sollte ich das tun? Die Preise stehen bei mir auf der Fensterbank, einige sind momentan an die Deutsche Kinemathek in Berlin ausgeliehen, die eine Ausstellung über mich zeigt. Ich zähle nicht meine Preise, ich zähle lieber meine Produktionen. Und da bin ich bei 492.

Erinnern Sie sich an einen besonders bewegenden Moment Ihrer Karriere?

Ziegler: Als ich das Leben von Udo Jürgens verfilmt habe, wollte Udo zwischendurch aufgeben. Es ist ziemlich kompliziert, eine Familiengeschichte zu verfilmen, wenn die Familie noch lebt. Am liebsten hätte er die Filmrechte von „Der Mann mit dem Fagott“ von mir zurückgekauft. Aber als wir endlich bei der Rohschnittabnahme in Hamburg zusammen saßen, haben wir Händchen gehalten, und er hatte feuchte Augen.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre roten Haare aus jeder Menschenmenge hervorleuchten?

Ziegler : Meine roten Haare sind mein Markenzeichen. Aber Sie wollen jetzt hoffentlich nicht wissen, welche Farbkarte ich bevorzuge. Die würde ich Ihnen nämlich nicht nennen. In dieser Sache will ich keine Konkurrenz.

Interview: Stefan Stosch

Von Stefan Stosch

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