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Kultur Die Sängerin Racelle Jeanty jazzt gegen ein schlechtes Fußballspiel
Nachrichten Kultur Die Sängerin Racelle Jeanty jazzt gegen ein schlechtes Fußballspiel
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00:18 20.06.2016
Roberto Badoglio, Max Punstein und Racelle Jeanty. Quelle: Zeichnung: Mareike Graf
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Potsdam

Wenn der Anpfiff eines Deutschlandspiels auf eine Veranstaltung fällt, die seit zweieinhalb Jahren jeden dritten Donnerstag im Monat um 21 Uhr beginnt, ist guter Rat teuer. Max Punstein von der Jazzinitiative Potsdam war skeptisch, ob seine Musiker und der besondere Gast des Abends mit der Fußball-EM würden konkurrieren können. Um ausreichend Zuhörer ins Babelsberger Kulturhaus zu locken, machte er Versprechungen, an die er sich nicht ganz hielt. Trotzdem waren am Ende alle glücklich.

„Keine Angst“, schrieb er vorab in seiner Einladungsmail, „jedes Tor wird in Echtzeit während des Konzertes bekannt gegeben!“ Ein angehängtes Video sollte verdeutlichen, „wie gut sich Musik und Fußball verbinden lassen“. Es zeigt einen klassischen Cellisten, der mit der linken Hand nicht in die Saiten greift, sondern einen Fußball auf dem Steg hoch und runter rollt.

Als Punstein, der Schlagzeuger, dann vor gut gefüllten Stuhlreihen die schwarze Sängerin Racelle Jeanty begrüßt, ist von „Echtzeit“ und von „Toren“ nicht mehr die Rede. Nun verspricht Max Punstein, dass sich ihr Konzert auf die erste Halbzeit beschränkt. In der zweiten wollten die Musiker dann eine Videoleinwand aufbauen und gemeinsam zu den bewegten Bildern aus Paris improvisieren.

Die exotische Kanadierin mit Vorfahren aus Haiti beginnt mit dem Standard „Blue Skies“. Ihre Stimme gleicht zunächst der undefinierbaren Farbe ihres Kleides – dunkel, warm, nicht aufdringlich, dezent. Auch die Ballade „Cry Me A River“, vor der sie ausdrücklich Bezug auf Ella Fitzerald nimmt, intoniert sie ruhig und zurückhaltend, schwerblütig und ernst. Ein tiefer Durchatmer mit geschlossenen Augen, als gelte es, neue Energiequellen in sich anzuzapfen, leitet zu „Autem Leaves“ über. Hier räumt sie ihrem Pianisten Falk Bonitz ein virtuoses Solo ein, der bewundernswert filigrane Bögen schlägt, wobei er sich emotional sehr zurückhält. Die gelernte Gospel- und Soulsängerin geht nun immer mehr aus sich heraus und brilliert gerade in den hohen Stimmlagen. Kaum zu glauben, dass Bassist Roberto Badoglio und Drummer Max Punstein ohne gemeinsame Probe so beherzt mit eigenen Akzenten am dynamischen Klangbild mitwirken. Die Faszination überträgt sich auf Mareike Graf, Animations-Studentin der Filmuniversität Potsdam, die im Publikum sitzt und der MAZ ihre Zeichnung spontan zur Verfügung stellt.

Solistin Racelle Jeanty spricht deutsch mit französischem Akzent. Sie lebt heute in Berlin und nahm 2015 erfolgreich an der Castingshow „The Voice of Germany“ teil. Wie sie den Prince-Song „Don’t Have To Be Rich“ und den 80er-Jahre-Discohit „Just An Illusion“ verjazzt, ist einfach mitreißend und originell. Den Vogel schießt sie dann aber mit einer Zugabe ab, die das Publikum einfordert, obwohl die zweite Halbzeit des Fußballspieles längst im Gange ist – „Summertime“ als fröhlich-beschwingter Bossa. Die Trübsal ist wie weggeblasen und kommt erst wieder auf, als die Jazzmusiker ihr Versprechen wahrmachen und die letzten zehn Minuten der zähen Nullnummer Polen gegen Deutschland mit ihren Instrumenten in ihre Musiksprache übersetzen.

Von Karim Saab

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