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Die Schauspielerin Katrin Sass gibt sich unzeitgemäß

Chanson-Abend Die Schauspielerin Katrin Sass gibt sich unzeitgemäß

Die Schauspielerin Katrin Sass begibt sich 25 Jahre nach Mauerfall auf schwierige Mission ins alte West-Berlin. In der Bar jeder Vernunft möchte sie vor allem mit alten DDR-Liedern ihren Rang als Interpretin unter Beweis stellen. Dabei ist sie selbst gar nicht gut zu sprechen auf den SED-Staat. Gelingt ihr dieser Spagat?

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Katrin Sass

Quelle: Foto: DpaXAMAX

Potsdam. Die Bar jeder Vernunft ist ein unsubventioniertes Privattheater im alten Westberlin, eine gehobene Adresse für Chansonniers und Kabarettisten. Die Besucher sitzen vor einem Glas Wein im nostalgischen Spiegelzelt an Tischen. Niemand muss stur zur Bühne blicken. Das Treiben der Kleinkünstler lässt sich auch in den vielen schick geschliffenen Spiegeln an den Holzwänden ringsum einfangen.

Hier wird die nächsten sieben Abende die Charakterschauspielerin Katrin Sass als Sängerin ihren Marktwert testen. In den letzten 25 Jahren gab es kaum einen Künstler mit ausgewiesener DDR-Biografie, der den Sprung in dieses Etablissement der gehobenen Unterhaltungskunst geschafft hat.

Katrin Sass aber gilt seit ihrer Mutter-Rolle in dem großartigen Spielfilm „Good Bye, Lenin!“ (2003) als gesamtdeutscher Star. Als Liedermacherin Dunja Hausmann, die sie in der Fernsehserie „Weissensee“ spielt, konnte sie sich bei einem großen Publikum als Sängerin bekannt machen. DDR-kritische Lieder wie „Königskinder“ wurden ihr 20 Jahre nach dem Fall der Mauer auf den Leib geschrieben.

„Königskinder“ heißt auch dieses Liederprogramm, das sich immerfort auf das vertrackte Leben in der DDR und das Drama der deutschen Teilung beruft. Sass singt auch das prägnanteste Lied aus Weissensee, „Wer sperrt die Menschen ein“, eine Abrechnung mit den Machthabern der DDR, ein Schrei nach einem Leben „ohne Mauer“, „ohne Schuld“ und „ohne Angst“. Die Unfreiheit der ersten Lebenshälfte hat die heute 58-Jährige entscheidend geprägt - so stark, dass sie mit ihrer Rolle als Entertainerin am Premierenabend nicht zurechtgekommen ist.

Zur Begrüßung versucht sie kurz eine Diseuse zu mimen. Aufgeregt verweist sie auf den Frack, der ihre strengen und kantigen Züge noch unterstreicht. Sie kokettiert mit der Idee, die englische Königin, die gerade in Berlin gelandet ist, käme vielleicht noch in ihre Vorstellung. Um dann das Spiel mit der Maske einfach aufzugeben. Sass macht aus ihrer Unsicherheit, ja aus ihren Minderwertigkeitsgefühlen keinen Hehl. Sie gibt sich alles andere als siegesgewiss, verrennt sich wiederholt ungelenk in merkwürdigen Exkursen. Ihre Botschaft lautet: Ich bin, wie ich bin. Und ich kann es immer noch nicht fassen, dass diese DDR endlich vorbei ist. Aber das verhasste Land mit seinen wehmütigen Kunstliedern ist mir immer noch näher als der Kapitalismus heute. Dabei singe auch ich für Geld, um mit neue Bäume für mein großes Grundstück kaufen zu können.

Und sie singt also mit kraftvoller Emphase alte Glanznummern etwa von Holger Biege und Idolen, die in der DDR einst durchgesetzt waren, ehe sie, quasi als Vorhut, in den Westen gingen. Sie wagt sich auch an offizielles Liedgut, das sie zuweilen mit einem bissigen, naiven oder militant-vereinnahmenden Unterton intoniert, etwa das Pionierlied „Unsere Heimat“ oder das Sandmännchen-Lied.

Sie wagt sich auch an „gesamtdeutsche Lieder“, an Reinhard Meys „Über den Wolken“, das in ihrer Diktion stockend und fragend klingt. Ihre Liedauswahl ist aber alles andere als originell. „Sag’ mir wo die Blumen sind“ oder „Über sieben Brücken“ bleiben blasse Kopien. Als dann nach der Pause mit „Auf der Wiese haben wir gelegen“ (Veronika Fischer) und „Du hast den Farbfilm vergessen“ (Nina Hagen) auch etwas mehr Temperament einzieht, verliert Katrin Sass ihre persönliche Note.

Aber worin besteht die? Sie tremoliert gern und bleibt dabei recht fest. In ihrer tiefen, dunklen Stimme schwingen Traurigkeit, Schmerz und auch Bitterkeit mit. Wäre ihre Simme ein Spiegel, so wäre der ungeschliffen. Nur wenige Bilder würden zwischen den vielen schwarz unterlaufenen und auch blinden Stellen aufschimmern. Vor allem hätte dieser Spiegel einen großen, pathetischen, in sich stark gebrochenen Rahmen. Ganz anders als die vielfach geschliffenen Spiegel in der Bar jeder Vernunft.

Chanson-Abende mit Katrin Sass: Bis 2. Juli. Bar jeder Vernunft. Schaperstraße 24, Berlin. Karten: 030/2840 284 und im Netz unter www.ticketeria.de

 

Von Karim Saab

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