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Die Schweizer als Dorftrottel

Max Frischs letztes Buchmanuskript Die Schweizer als Dorftrottel

Als Ende 1989 mit der sogenannten „Fichen-Affäre“ bekannt wurde, dass 150 000 Eidgenossen vom Schweizer Staatsschutz während des Kalten Krieges observiert wurden, forderte Schriftsteller Max Frisch seine Akte an. Und war so erzürnt, dass er sich in einer Textcollage daran abarbeitete. Jetzt wird sie unter dem Titel „Ignoranz als Staatsschutz?“ bei Suhrkamp publiziert.

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Der 1991 verstorbene Schriftsteller Max Frisch.

Quelle: dpa

Potsdam. Zweiundvierzig Jahre lang wurde Max Frisch vom Schweizer Staatsschutz observiert. Mit ihm 150 000 andere Eidgenossen und 600 000 Ausländer. Der Skandal war groß, als die „Fichen-Affäre“ Ende 1989 publik wurde. Mehr als eine Million Karteikarten (in der Schweiz „Fichen“ genannt) hatte die Bundespolizei während des Kalten Krieges zusammengetragen. Der Schriftsteller forderte seine Akte an und war so erbost, dass er sich gleich in einer Textcollage daran abarbeitete. Die wird jetzt unter dem Titel „Ignoranz als Staatsschutz?“ publiziert und vom Verlag etwas großspurig als „das letzte Buchmanuskript von Max Frisch“ beworben.

Lange schlummerte der Text in der Nachlass-Schublade, bis er nach den Enthüllungen von Edward Snowden und Julian Assange jetzt „aus aktuellem Anlass“ veröffentlicht wird. Von literarischem Wert ist das knapp 30-seitige Manuskript nicht, das mit Faksimiles, Anmerkungsapparat sowie Vor- und Nachwort der Herausgeber David Gugerli und Hannes Mangold erst zum richtigen Buch aufgeblasen wird.

Herausgefunden hat der Staatsschutz mit der Akte damals nicht viel. Frisch war ja kein Verbrecher oder Landesverräter. Er selbst spricht von einem „Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität“, das die Schweizer als „Dorftrottel“ dastehen lasse. Schon beim Namen fange die Nachlässigkeit an, sei doch nur „Max Frisch“ vermerkt. „Im Pass heißt es Max Rudolf.“ Für erwähnenswert befanden die Staatsschützer Lappalien, etwa, dass der Literat vom Schriftstellerverband der UdSSR zum Weltkongress der Intellektuellen für Frieden eingeladen wurde.

Den aus der Akte ausgeschnittenen behördlichen Vermerken stellt Frisch seine Kommentare entgegen. Er wundert sich, wenn notiert wird, wie er eine Kaution stellt, damit ein autonomes Jugendzentrum einen Saal mieten kann. Selbst als der Fichen-Skandal schon öffentlich war, gingen die Einträge in seine Akte weiter.

Info: Max Frisch: Ignoranz als Staatsschutz? Suhrkamp, 128 Seiten, 20 Euro.

Von Welf Grombacher

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