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Kultur Die Shakespeare-Bilder von Ronald Paris
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20:44 01.01.2018
Ronald Paris, 1984, Shakespeare auf einem Narren reitend, Aquarell Quelle: Wolfgang Lücke VG Bild Kunst Bonn 2018
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Cottbus

Shakespeare hat auf dem Rücken des Narren platzgenommen. Drei Spieße wurden dieser merkwürdig dreinschauenden, komisch-traurigen Narrengestalt in den Hals gerammt. Auf Knien schaut sie irritiert in die Welt – in eine Welt der Komödianten, Intriganten, Querulanten, Spekulanten. Shakespeare sitzt etwas unbequem, aber er notiert mit spitzer Feder.

Popen, Punks und Polizisten

„Shakespeare auf dem Narren reitend“ gehört zu einem Zyklus von 32 Bildern des Malers Ronald Paris, die derzeit im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus zu sehen ist. Der in Rangsdorf (Teltow-Fläming) lebende, 84-jährige Künstler hat das Aquarelle 1984 gemalt. Vor allem in den 80er-Jahren hat er sich immer wieder mit dem britischen Dramatiker und der Inszenierung seiner Stücke auf den Theaterbühnen der DDR auseinandergesetzt.

Im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus sind derzeit 32 Arbeiten des Rangsdorfer Malers Ronald Paris ausgestellt. Ihr gemeinsames Thema: unterschiedliche Shakespeare-Aufführungen in Theater und Oper. Die MAZ zeigt eine kleine Auswahl.

Auf Paris Gemälden, Aquarellen, Gouachen und Zeichnungen tummeln sich Popen, Punks und Polizisten, Narren, Neider und Nackte, Bettler, Betrüger und Beladene. So zum Beispiel auf dem 1984 entstandenen Gouache „König Lear“ nach der Oper von Aribert Reimann, die dieser 1978 erstmals in der Bayrischen Staatsoper aufgeführt hatte. Lear ist dort in Jesus-Pose mit Dornenkrone abgebildet, seine drei Töchter als Punks. Paris präsentiert seine Figuren in kräftigen Farben, zeichnet ihre Umrisse mit ineinanderlaufenden Linien, so dass die Konturen unscharf werden. Anleihen bei den Meistern der Neuen Sachlichkeit sind unverkennbar. Und trotzdem liefern sie eine eigene Weltsicht.

Das Theater der 80er war ein Seismograf der Verhältnisse in der DDR

Abend für Abend hatte Paris damals im Dunkeln verbracht, bei Harry Kupfer in der Komischen Oper etwa, im Deutschen Theater oder der Volksbühne, um zeichnend Shakespeare-Aufführungen zu verfolgen. Das DDR-Theater der 80er-Jahre war ein Seismograf. Dort wurde vorsichtig Kritik geäußert, dort konnte experimentell erprobt werden, was ging und was zu politisch war. „Ronald Paris inszeniert die Inszenierung der Welt“, sagt Museumsdirektorin Ulrike Kremeier. Das Interessante an seinen Shakespeare-Arbeiten sei, dass er sich weniger auf den literarischen Stoff konzentriere als vielmehr darauf, wie dieser auf eine zeitgenössische Bühne gebracht wurde.

Damit hatte Paris eine Weg beschritten, der ihn von ideologischer Vereinnahmung wegführte, ohne sich in das unverfängliche Reich der reinen Kunst zurückziehen zu müssen. Das Theater spiegelte die Realität jener Zeit. Einer Zeit, in der sich die ersten Auflösungserscheinungen der DDR zeigten. Oder, wie es Paris heute bewusst abstrakt formuliert: „Das Theater war ein Spiegel der Verhältnisse und das habe ich versucht, statisch in meinen Bildern einzufangen.“

Seine Arbeiter waren nicht proletarisch genug

Ronald Paris wurde 1933 in Sondershausen (Thüringen) geboren. Er war Meisterschüler von Otto Nagel an der Akademie der Künste in Ost-Berlin. In den späten 80er-Jahren war er Berliner Bezirksvorsitzender des Verbandes der Bildenden Künstler in der DDR.

Für sein Triptychon „Dorffestspiele in Wartenberg“ wurde er 1961 von der Parteiführung scharf kritisiert, weil die Arbeiter darauf nicht dem DDR-Ideal entsprachen. Eines seiner Ernst-Busch-Porträts von 1969 missfiel ebenfalls und wurde vom Ministerium für Kultur aufgekauft. Seitdem ist es verschwunden.

Neben Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Willi Sitte gehörte Paris zu den 16 Malern, die 1976 für den Palast der Republik in Berlin große Wandgemälde anfertigten.

Obwohl er fest zur DDR stand, war Paris eng mit den DDR-Dissidenten Wolf Biermann und Robert Havemann befreundet.

Ronald Paris. Shakespeare. Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Uferstraße/Am Amtsteich 15, Cottbus, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt: 4 Euro, bis 28. Januar.

Die Abstraktion hat ihren Grund. Denn Paris lässt sich nicht gerne vereinnahmen. Nicht von den DDR-Häuptlingen und nicht von deren Kritikern. Für den Palast der Republik malte er 1976 ein großes Wandbild mit dem Titel „Unser die Welt – trotz alledem“, das derzeit in Potsdam in der Ausstellung zur DDR-Kunst im Barberini-Museum zu sehen ist. Wer ihn wegen des Palastbildes zum „Staatskünstler“ macht, dem antwortet er nur: „Mir hat damals keiner reingeredet.“ In den späten 60ern war er allerdings wegen eines unvorteilhaften Ernst-Busch-Porträts ziemlich hart angegangen worden. Trotzdem reicht er nicht jedem DDR-Kritiker die Hand. „Ich bin immer noch Sozialist, auch wenn mir so manches in der DDR nicht gepasst hat“, sagt Paris. Seine Shakespeare-Bilder von damals hält der Künstler heute noch für hochaktuell. „Der gesellschaftliche Kontext ist der gleiche geblieben, nur die Organisationsform hat sich geändert“, sagt er trocken. Im Kapitalismus verkomme eben alles zur Ware.

Die großen Fragen unserer Existenz

Shakespeares Themen sind in der Tat universell. Seine Dramen entstanden im elisabethanischen 16. Jahrhundert, als eine natürliche, von Gott gegebene Herrschaftsordnung zu bröckeln begann und die ersten Ausbruchsversuche stattfinden. List und Leidenschaft paaren sich mit Machtgier und Verbrechen. Shakespeare sitzt auf dem Rücken des Narren und notiert das alles mit spitzer Feder. Und Ronald Paris malt und zeichnet das alles mit aufmerksamem Blick. „In der Kunst geht es um die großen Fragen unserer Existenz. Da ist jedes Mittel recht“, sagt er.

Von Mathias Richter

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