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Die amerikanische Schriftstellerin Nell Zink

Erfolg made in Bad Belzig Die amerikanische Schriftstellerin Nell Zink

Die Amerikanerin lebt in einer Einzimmer-Wohnung in Bad Belzig und kassierte von einem renommierten literarischen Verlag in den USA für ihr zweites Buch einen sechsstelligen Vorschuss. Wegen ihr kommen immer wieder Journalisten von überregionalen Medien in die Kleinstadt im Fläming. Wer ist Nell Zink?

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Nell Zink

Quelle: Archiv

Bad Belzig. Nell Zink würde auch ohne Jonathan Franzen in Bad Belzig wohnen. Aber ohne den international renommierten Bestsellerautor („Die Korrekturen“) wäre aus ihr keine literarische Stimme geworden, deren Bücher vor allem in den USA derzeit hoch im Kurs stehen.

Seit drei Jahren lebt die 52-Jährige mit den mädchenhaften langen Haaren in der Straße der Einheit in einer Einzimmerwohnung. Dabei soll sie für ihr zweites Buch „Mislaid“ um die 400 000 Dollar Vorschuss bekommen haben. Ihr nomadenhaftes Leben, oft am Existenzminimums, hat plötzlich eine märchenhafte Wendung genommen.

Vier, fünf Mal war Nell Zink in den letzten drei Jahren bereits im Hofgartenkino, um einen Film zu schauen. „Am Anfang habe ich es nicht gefunden, dabei liegt es gleich bei mir um die Ecke“, sagt sie. Doch am vergangenen Samstag sind etwa 50 Einwohner wegen einer Lesung mit Nell Zink gekommen. Sie haben bemerkt, dass in ihrer Mitte plötzlich jemand lebt, der die überregionalen Medien anzieht.

In der Buchhandlung Ritter steht ihr Prosadebüt „Der Mauerläufer“ im Schaufenster. Es wurden vorab nicht mehr als zehnmal verkauft. Die deutsche Übersetzung erschien am 11. März im Rowohlt-Verlag und ist sicher kein leicht verkäuflicher Titel, sondern ein etwas konfuser Lesestoff.

Die Buchhändlerin Bettina Ritter und der Museumsleiter Wolfgang Woizick wissen dennoch, was sie an Nell Zink haben. „Eines Tages kam sie zu uns auf den Berg ins Roger Loewig Museum. Bald darauf gehörte sie zum Freundeskreis, der Haus und Garten in Schuss hält. Sie ist eine schlanke Frau, nicht zufliegend, eher abwartend, ein klein wenig herb. Sie sei Schriftstellerin, komme aus den USA und wohne in Belzig. Für uns ist sie Nell“, heißt es auf einem Handzettel, der für die erste Lesung in Bad Belzig wirbt und an vielen Stellen in Belzig aushängt.

Nach der Veranstaltung stellte sich Nell Zink den Fragen der Leser – zunächst in großer Runde, dann am Signiertisch. Eine Frau sagt zu ihr, das Buch sei unnötig kompliziert geschrieben und der Übersetzer habe ohne Not viel zu viele Fremdwörter verwendet. Ein junger Mann bemerkt, ihn habe das Buch oft ratlos gelassen. Oft wisse man nicht, wo man sei, in Brandenburg oder in der Schweiz, und auch einige Figuren würden nie wieder auftauchen.

„Ich habe das Buch nicht für die Veröffentlichung geschrieben, sondern aus Spaß für einen befreundeten Schriftsteller“, verteidigt sich Nell Zink und lächelt. „Das Buch handelt von schlechtem Sex und von einer getriebenen Frau, die fremdbestimmt lebt“, hat sie zuvor erklärt. Hinzufügen könnte man: Das Buch handelt von einer Umweltaktivistin, die sich manchmal ein Kind wünscht und sich vielen Männern hingibt, die sich irgendwann vom ohrenbetäubenden Lärm in städtischen Nachtclubs abwendet und die leisen Seiten des Lebens und der Natur für sich entdeckt. Viele Motive im Buch versteht Nell Zink als Persiflage auf Stereotype, wie sie in der amerikanischen Gesellschaft und in der amerikanischen Literatur gang und gäbe sind. „Im Mittelpunkt steht eben keine junge, dynamische Karrierefrau“, betont sie. Schon allein das Motto auf der Vorsatzseite, „Ich töte, wo es mir beliebt,/ denn mir gehört alles“, würde als Provokation verstanden. „Die Zeilen stammen aus dem Gedicht über einen Mäusebussard von Ted Hughes und da schrillen bei US-Intellektuellen alle Alarmglocken, denn diesem Unhold wird der tragische Suizid der Schriftstellerin Sylvia Plath angelastet, die von der Frauenbewegung verehrt wird.“

Dem Adressaten Jonathan Franzen hat sie mit den hastig geschriebenen Prosa-Stücken aus der Ich-Perspektive imponiert. „Ihre Sätze und Geschichten sind so stark und überzeugend, dass man sich ihnen nicht entziehen kann“, lobt Franzen das mittlerweile in viele Sprachen übersetzte Werk. Seitdem betrachtet sich Nell Zink als Schriftstellerin, sitzt mit ihrem Laptop am liebsten in ihrer Belziger Einraum-Kemenate im Bett und schreibt. Noch ist nicht zu sagen, ob ihr zweites Buch, das 2015 in den USA prompt auf der Nominierungsliste für den National Book Award landete und auch ihr drittes mit dem Titel „Nikotin“, nicht nur sprachlich, sondern auch als Komposition überzeugen können. Beide Bücher sind noch nicht übersetzt.

„Der Aufsatz von Jonathan Franzen im Magazin „The New Yorker“ hat eine extrem glückliche Wendung eingeleitet“, erklärt Nell Zink. Wer nun denkt, sie spricht über ihre Kontaktaufnahme zu Jonathan Franzen und ihren folgenden Durchbruch als Schriftstellerin, ist auf dem Holzweg. Franzens Artikel handelte vom Mord an den Singvögeln in Ländern wie Italien und Malta. Und da Nell Zink einen deutschen Vogelkundler kannte, der diese Grausamkeit vor Ort in den Balkanstaaten recherchierte, wies sie Franzen in einem empörten und offenbar genial verfassten Leserbrief darauf hin, dass er seinen Horizont erweitern müsse. „Das albanische Parlament hat nach Franzens Aufsatz vor zwei Jahren beschlossen, dass die Vogeljagd abgeschafft wird“, berichtet Nell Zink, „und das Jagdverbot wurde vor einigen Wochen noch einmal um fünf Jahre verlängert.“ Das sei doch ein seltener Triumph, „wenn ein Schriftsteller sagen kann, hier ist ein Gesetz, das kommt von mir!“, freut sie sich.

Nell Zink ist selbst umweltpolitisch engagiert. Sie lebt seit 16 Jahren in Deutschland und ist Mitglied der Grünen. Als Vogelbeobachterin schwärmt sie gern in die Landschaften des Flämings, der Elbauen und der ehemaligen Tagebaue um Bitterfeld aus. Bad Belzig erwies sich für sie als optimaler Ausgangsort. Neben der relativ niedrigen Miete und einem Bahnanschluss im Einstundentakt nach Berlin und Dessau sendet die kleine Stadt viele andere positive Signale aus. Da sind der schmucke historische Stadtkern mit den Burgen, der Therme und einem Netz von Wanderwegen, da sind auch das durch Privatinitiative entstandene Roger-Loewig-Museum und das Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG), das die frei Liebe nicht für anstößig hält. „Nur eine Ausländerbehörde, die fehlt hier. Da soll ich immer nach Werder, das nervt.“

Von Karim Saab

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