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07:45 12.03.2018
“Sie haben mich höflich ermutigt, mehr in Richtung Radiopop zu gehen“: Elise LeGrow hat nicht auf die Plattenfirmenbosse gehört – und legt ein wunderbares Debüt mit Neuaufnahmen großer Rock’n’Roll- und Rhythm’n’Blues-Hits vor. Quelle: Shervin Lainez
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Den Song kennt jeder – aus dem Kino. Killer Vince Vega sitzt da mit Mia Wallace bei Steaks, Burger und Fritten in einem Fünfzigerjahrerestaurant und will sich nicht so recht auf ihr Aggro-Geflirte einlassen. Denn sie ist die Braut von Marsellus, seinem Boss, und die Gerüchte besagen, dass der schon mal einen vom Balkon geworfen hat, weil er Mia zu nahe kam. Massage und so.

Mia aber will partout Twist tanzen mit Vince, um den Twist-Pokal zu bekommen. Und schon geht’s ab, sie kommt schnell in Schwung, er braucht eine Weile, bis er dann auf seinen zweifarbigen Socken wippt und twistet und die berühmte Fingergabel an seinen Augen vorbeizieht, was ihm in den Jahren nach “Pulp Fiction“ jeder auf allen Tanzflächen der Welt nachmachte. “You Never Can Tell“ heißt der Song, und erzählt davon, dass es nur eine Sache gibt, die einen das Leben lehrt: “Man weiß vorher nie, wie es kommt.“

Eine Stimme, die für “live“ gemacht ist

Bei Elise LeGrow hätte man es durchaus wissen können. “Playing Chess“ heißt ihr Debütalbum, auf dem sie Songs des Chicagoer Rock’n’Roll- und Rhythm’n’Blues-Labels der Brüder Leonard und Phil Chess aufnahm – unter anderem eben Chuck Berrys “You Never Can Tell“. Die 30-jährige Sängerin hat eine von diesen Stimmen, die für “live“ gemacht sind, zärtlich und rau zugleich, samtig und kratzig.

Jedes Wort jedes Songs wird ausgelebt wie in den guten alten Zeiten, als heute vergessene Namen von Chess-Sängerinnen wie Sugar Pie De Santo oder Fontella Bass einen Klang hatten in Amerika. “Ich wusste noch nicht mal, dass Chess in Chicago saßen, als ich für dieses Album zu recherchieren begann“, gesteht Le Grow im Interview. Aber es gibt quasimagische Bezüge. “Zufällig wurde mein Vater in einer Vorstadt von Chicago geboren. Und mein Großvater war dort Schlagzeuger – immer im Einsatz, wenn die Jazzgrößen durch die Stadt rollten.“

Leidenschaftlich live: Elise LeGrow im Oktober 2017 im Berliner Schwulenclub Schwuz. Quelle: POP-EYE

Außerdem war LeGrow schon immer in anderen Musikgenres unterwegs als die breite Meute. Kein “contemporary pop“ aus den Charts stand auf ihrer privaten Playlist, dafür die Lieder aus den Zeiten, als eine bezwingende Melodie noch das oberste Gebot für einen Hit war. “Ich steckte in der Musik der Fünfziger- und Sechzigerjahre, seit ich ein kleines Mädchen war und in mein Haarbürstenmikrofon sang“, sagt die Frau mit dem Prinz-Eisenherz-Schnitt, den tomatenroten Lippen und den großen, grüngoldenen Augen, in die man stürzt, wenn man nicht aufpasst.

Zu diesen Sounds fand sie über die Platten ihrer Eltern. “Meine Mutter hörte Beatles, Stones und Talking Heads. Ich bin sicher, dass meine Liebe zum Rock’n’Roll daher stammt.“ Chess Records sei dabei der Inkubator für die Stile, die sie am meisten beeinflusst haben – Rock, Blues und R’n’B. Sie sagt: “Ich stehe halt auf Gesangsaufnahmen, die nahe am echten Leben sind, und auf die Energie, die nur dann in Aufnahmen fließt, wenn eine richtige Band im Studio spielt. Die meisten der Produktionen in der Popmusik von heute haben weder das eine noch das andere.“

Bezugsgröße Etta James

Am Anfang ihrer Karriere war Elise Sängerin einer klassischen Indieband namens Whale Tooth, die an Blondie erinnerte, einprägsame Songs lieferte, den Durchbruch aber nicht schaffte: “Ich stieg da ein, als ich 19 war“, erinnert sie sich. “Und ich bekam dort eine Tonne Erfahrung, was das Songschreiben und das Touren betrifft. Möglicherweise habe ich aber mit meiner Solokarriere und der Entscheidung, den Gitarristen zu daten, das Schicksal der Band besiegelt. Immerhin …“, sie feixt, “meine Erinnerungen an diese Zeit – an die Band und die Beziehung – sind hauptsächlich positiv.“

Die Sache mit Chess war nicht ihre Idee. “Diese Ehre gebührt Steve Greenberg, meinem Manager“, räumt LeGrow ein. Ihre Bezugsgröße war Etta James, die schwarze Blondine, die in ihrem Hit “At Last“ einst so bodenlos traurig davon sang, dass am Ende alles gut wird. “Sie hatte diese unglaubliche Qualität in der Stimme, so süß und so wild, so weich und so stark“, schwärmt LeGrow.

Kennt sie die Biografie der 2012 verstorbenen James, die für Chess Riesenhits aus ihrem privaten Unglück meißelte? “Ich versuche bewusst, nicht an zu viele Fakten über meine geliebten Künstler und Labels zu gelangen“, antwortet LeGrow. “Es ist komisch, aber zu viel Wissen verändert meine Einstellung zu der Kunst oft – und meist zum Schlechteren.“

LeGrow vergrub sich für “Playing Chess“ mit ihren Produzenten Greenberg, Michael Mangini und der immer sonnig gesinnten Soullegende Betty Wright in den Archiven der Plattenfirma. Hörte sich monatelang durch Songs, Songs, Songs. “So viele wunderbare alte Songmöbel gibt es da“, schwärmt sie, “das Problem war am Ende, sich auf elf zu beschränken.“

Und so tauchen von der Geschichte verschluckte Lieder von Bands wie Bobby Moore and the Rhythm Aces oder Lee Andrews and the Hearts über Elise LeGrows Debüt wieder in der Welt auf. Eingespielt mit Musikprofis wie Questlove und Kirk Douglas von den Roots. Im besten Fall, um sie an die nächsten Publikumsgenerationen zu reichen – oder? “Mein Ziel ist es allein, große Songs zu singen. Habe ich das Glück, ein Publikum zu bekommen, das mich trägt, werde ich nun aber gewiss nicht seiner demografischen Zusammensetzung nachspüren“, sagt Le Grow.

Und wie steht es um die Leute von den Plattenfirmen, die immer sagen: “Mach‘ uns Hits!“? Die gab’s mehrfach in ihrer Karriere. “Sie haben mich höflich ermutigt, mehr in Richtung Radiopop zu gehen. Und ich bin froh, mir treu geblieben zu sein. Meine Einstellung dazu wird perfekt in dem Song ,Hit or Miss‘ wiedergegeben.“ “Ob Hit oder keiner – ich muss es sein“, sang die Folksängerin Odetta 1970.

Elise LeGrow: Playing Chess Quelle: Awesome Inc.

Solodebüts sind normalerweise mit eigenen Songs gefüllt. “Bei mir kommen sie dann eben aufs zweite Album“, meint LeGrow, “die Vorproduktion dazu läuft auch schon.“ Wie diese Lieder klingen werden? “Die stehen in der selben Tradition wie ,Playing Chess‘.“

So macht sie also erst mal die fremden Songs zu ihren eigenen. Macht das gut. Ändert Tempo, Arrangement und auch mal die Melodie und bringt etwa Bo Diddleys Uptempo-Blues “Who Do You Love?“ funky. Am eindrucksvollsten ist ihre Verwandlung von Chuck Berrys Rockabilly in eine tiefblaue Mitternachtsballade. “You Never Can Tell“ wird von einer Erzählung jungen Glücks zu einer geseufzten Versammlung wehmütiger Vergangenheitsmomente.

Vince Vega wäre bei dieser Version garantiert beim Steak geblieben, hätte nachdenklich zugehört statt getanzt, und die Sache in “Pulp Fiction“ wäre vielleicht besser ausgegangen für ihn. Wobei: Man weiß vorher ja nie, wie es kommt ...

Elise LeGrow live in Deutschland

6. Mai: Köln, Yard-Club

7. Mai: Hamburg, Imperial-Theater

8. Mai: Berlin, Auster-Club

10. Mai: Leipzig, Neues Schauspiel

11. Mai: München, Einstein Kultur

Von Matthias Halbig

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