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Diese Fehler hat der Lenné-Wikipedia-Eintrag

MAZ-Interview mit Lenné-Biograf Diese Fehler hat der Lenné-Wikipedia-Eintrag

Clemens Alexander Wimmer (57) erforscht seit drei Jahrzehnten Leben und Werk von Lenné. Er weiß, welche Fehler, der Lenné-Wikipedia-Eintrag enthält. Wimmer würdigt den Altmeister als charismatischen Beamten und weniger als ein Künstlergenie. Die MAZ hat mit Wimmer gesprochen.

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Clemens Alexander Wimmer.

Quelle: Autor

Potsdam. Clemens Alexander Wimmer (57) erforscht seit drei Jahrzehnten Leben und Werk von Lenné. Der in Potsdam lebende Gartendenkmalpfleger würdigt den Altmeister in seiner Biografie ehe als charismatischen Beamten, weniger als Künstlergenie.

Lenné – der Gärtner der Könige. Eine Würdigung.

Herr Wimmer, wenn Sie sich bei Wikipedia den Eintrag über Peter Joseph Lenné durchlesen, auf welche Fehler stoßen Sie da?

C. A. Wimmer: Auf zahllose, aber das kann sich jeden Tag ändern. Jeder Wikipediamitarbeiter benutzt andere Quellen, oft ohne sie kritisch zu prüfen. So heißt es zum Beispiel immer wieder, Lenné habe die Gärtnerlehranstalt gegründet, obwohl das bereits 2010 in einer Doktorarbeit widerlegt wurde, oder er habe die Bornimer Feldflur gestaltet, obwohl vor 15 Jahren anhand der Akten nachgewiesen wurde, dass sie Hermann Sello entworfen hat. Auch Details aus seiner Jugend wie der von ihm selbst angegebene Ausbildungsgang halten einer Nachprüfung nicht stand.

Die meisten Lebenszeugnisse Lennés gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Um so mehr Aussagekraft kommt den Briefen des Vaters zu, der seinem Sohn immerfort auffordert, sich den Mächtigen unterzuordnen und vorauseilenden Gehorsam zu leisten. Wie erfolgreich war diese Erziehung?

Wimmer: Meines Erachtens sehr erfolgreich. Als er jung war, hat er sich zwar manchmal etwas gegen die Bevormundung durch den Vater gewehrt. Letztlich ist es aber auffallend zu sehen, dass er sich genau so karrierebewusst verhalten hat wie er. Um Einfluss zu gewinnen, scheint ihm fast alles recht gewesen zu sein. Notfalls auch die Anpassung seiner fachlichen Prinzipien.

Wie sähe die Potsdamer Kulturlandschaft aus, hätte Lenné hier nicht fünf Jahrzehnte gewirkt?

Wimmer: Das weiß natürlich niemand genau. Aber man muss im Auge behalten, dass die treibende Kraft, die das alles ermöglichte, Friedrich Wilhelm IV. war. Er hatte wie Lenné große Visionen – übertraf sie vielleicht sogar in ihren utopischen Zügen. Es muss davon ausgegangen werden, dass der König Ähnliches bewirkt hätte, auch wenn ein anderer als Lenné sein Gartendirektor gewesen wäre.

Im September 1989 war die preußische Kulturlandschaft noch politisch geteilt, aber der 200. Geburtstag von Lenné wurde in West und Ost intensiv gewürdigt. Der heutige 150. Todestag geht fast unter. Wie erklären Sie sich das?

Wimmer: Das Grün scheint mir eine immer geringere Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen, es werden andere Schwerpunkte als wichtiger erachtet. Aber ich kann nicht für die Landesregierungen, die Stiftung Schlösser und Gärten oder Potsdams Oberbürgermeister sprechen.

Der Magdeburger Volksgarten, den Lenné anlegte, gilt als erster kommunaler Park Deutschlands. Wie bürgernah dachte Lenné?

Wimmer: Ich glaube, er dachte nicht gezielt bürgernah. Er dachte: Wie kann ich möglichst viele Anlagen gestalten? Es war ihm jeder Auftrag willkommen, egal, ob er nun von einem Fürstenhof, einem Stadtparlament oder einer Privatperson kam. Seine Entwürfe für öffentliche und private Anlagen unterscheiden sich kaum voneinander.

Woher nahm Lenné seine Visionen vom Landschaftsgarten? Bei seiner einzigen und recht flüchtigen England-Reise war er bereits 33 Jahre alt.

Wimmer: Man muss bedenken, dass die Begeisterung für Landschaftsgärten seit 50 Jahren in der Luft lag und nach den Einschnitten der Freiheitskriege erneut groß auflebte. Er musste sich nicht auf England beziehen. Schon sein Vater entwarf selbstverständlich Landschaftsgärten, und in Paris oder Wien, wo er seine Gesellenzeit verbrachte, sprach man von nichts anderem. Lenné war nicht so sehr Ausnahmekünstler als vielmehr ein typisches Kind seiner Zeit.

Ist Ihnen Lenné während der vielen Jahre der Beschäftigung sympathischer geworden?

Wimmer: Lenné war offenbar ein Mensch voller Widersprüche, mal gewinnend charmant, mal unnahbar und berechnend. Man kann das wahrscheinlich aus seinen Jugenderlebnissen heraus erklären. Lenné ist eine Figur aus der Geschichte. Ich habe versucht, mich ihm möglichst neutral zu nähern. Ohne Verherrlichung und ohne Vorurteile. Was bei ihm nicht immer leicht fällt.

Werden Sie bei der bevorstehenden Volksabstimmung in Potsdam für oder gegen die Einführung des Parkeintritts in Sanssouci stimmen?

Wimmer: Die königlichen Gärten waren von Anfang an kostenlos zugänglich. Die Demokratie ist selbstverständlich herausgefordert, hier nicht weniger zu leisten als die Monarchie.

Interview: Karim Saab

Das Buch. C. A. Wimmer: Der Gartenkünstler Peter Joseph Lenné. Eine Karriere am preußischen Hof. Lambert Schneider, 224 Seiten, 29,95 Euro.

Von Karim Saab

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