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14:13 22.09.2016
Julia Jentsch und Bjarne Mädel in „24 Wochen“. Quelle: Berlinale;Beta Cinema
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Berlin

Dieser Film lässt niemanden kalt: Das war schon bei der Berlinale so, als sichtlich mitgenommene Zuschauer aus dem Kino auftauchten. Der eine oder andere wischte sich Tränen aus dem Gesicht. Anne Zohra Berracheds Drama „24 Wochen“ erspart einem nichts. Wo andere abblenden, schaut sie hin. Dazu gehört Mut bei einem polarisierenden Thema wie Spätabtreibung. Dieser Film ist unerbittlich, stellt moralische Fragen.

Das Schicksal schlägt hier gleich zweimal zu. Die erste Diagnose lautet: Astrids Kind hat das Downsyndrom. Damit hätten die erfolgreiche TV-Kabarettistin und ihr Freund wohl leben können. So ein „Downie“, Eltern dürfen das so sagen, ist doch ein besonders liebenswertes Geschöpf. Das kleine Glück im Vorstadthaus schien weiterhin machbar, das ältere Schwesterlein war zudem gesund. Aber dann wird auch noch ein schwerer Herzfehler beim Kind diagnostiziert. Was tun? Neun von zehn Frauen ringen sich in einem solchen Fall zur Spätabtreibung durch, heißt es in diesem Film.

Auch Astrid (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel, der sich vom „Tatortreiniger“ freispielt) müssen sich entscheiden. Das heißt: Laut Gesetz muss sich die Mutter entscheiden. Der Fernsehfrau Astrid fällt dies umso schwerer, als sie unter Beobachtung steht. Erst hat sie auf der Bühne noch Witze über ihren Bauch gerissen („Fällt Ihnen etwas auf? Genau, ich habe neue Schuhe.“), dann hat sie sich dem Schmerz in einer Livesendung geschlagen geben und abbrechen müssen.

Schon in ihrem vorigen Film „Zwei Mütter“ hat Anne Zohra Berrached die Verwundbarkeit einer Beziehung getestet: Da wollte ein lesbisches Paar ein Kind. Mit geradezu akribischer Präzision verfolgt die 1982 in Erfurt geborene Regisseurin den Leidensweg ihrer Protagonistin. Manche Ärzte spielen sich selbst, was diesem Film einen dokumentarischen Anstrich verleiht. Emotionslos dozieren die Mediziner über Tod und Leben: „Bei den Herzklappen nehmen wir Gore-Tex als Material.“ Der Anspruch auf eine umfassende Durchdringung des Themas macht auch die Zuschauer zu Getriebenen. Nur ganz selten dürfen wir durchatmen und einfach auf Windräder am Straßenrand schauen.

Julia Jentsch war schon Sophie Scholl und Effi Briest. Nun ist sie eine werdende Mutter in Not. Viele Stufen der Entscheidungsqualen macht sie mit ihrem fein abgestuften Spiel sichtbar. Und dann sitzt Astrid in der Klinik, eine einfühlsame Hebamme neben sich, die allen Besserwissern den Wind aus den Segeln nimmt: „Das kann einem keiner abnehmen. Und das darf auch keiner verurteilen.“

Interview mit Julia Jentsch

„24 Wochen“, Regie: Anne Zohra Berrached, 102 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch

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