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Dirigent Christian Thielemann wünscht sich die alte Potsdamer Stadtmitte zurück

Stadtentwicklung Dirigent Christian Thielemann wünscht sich die alte Potsdamer Stadtmitte zurück

Christian Thielemann lebt in einer wilhelminischen Villa am Babelsberger Griebnitzsee. Als Herausgeber eines Buches mit dem Titel „Der Untergang des Potsdamer Stadtschlosses“ bekennt sich der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu seiner preußischen Heimat. Warum soll in Potsdams Mitte alles wieder wie früher sein?

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17 Sprengungen waren 1960 nötig, um die Ruine des Potsdamer Stadtschlosses restlos zu beseitigen.

Quelle: Herbert Posmyk/Edition Braus

Potsdam. Christian Thielemann sagt gern von sich, er habe eine preußische Erziehung genossen. Friedrich der Große, Johannes Brahms und Richard Wagner waren die Helden seiner Jugend. 2005 wählte er seinen Lebensmittelpunkt in Potsdam, obwohl er als Dirigent viel in Dresden und in der Welt unterwegs ist.

Herr Thielemann, Sie sind Jahrgang 1959 und am Schlachtensee in West-Berlin aufgewachsen. Wie weit war Potsdam damals?

Schon in der Grundschule sprach unsere Lehrerin immer von Sanssouci, aber ich wusste nicht, wo das ist. Später hat mir mein Vater erzählt, dass er als junger Soldat in Potsdam am Heiligen See in einer Kaserne gewesen sei. Da sind wir dann später hingefahren und er hat mir die Stube gezeigt, wo er kurz vor Kriegsschluss übernachtet hat. Als Jugendlicher fuhr ich manchmal mit einer Freundin zur Glienicker Brücke und verstand endlich, dass Potsdam gleich dahinter anfängt. Ich dachte immer, Potsdam sei weiter weg.

Was waren Ihre ersten Eindrücke von Potsdam?

Ich war 1974 oder 75 das erste Mal in Potsdam. Als West-Berliner fuhr man von Drewitz aus mit dem Bus nach Potsdam - am Marstall vorbei, der noch nicht saniert war. Im Park Sanssouci war ich überrascht, dass da noch so ein großes Ding stand – das Neue Palais. Ich bin vor der Wende öfters mit Tagesvisum dagewesen. Ab meinem 16. Lebensjahr habe mich dann intensiv mit Potsdam beschäftigt, habe mir zum Beispiel im Antiquariat alte Vorkriegs-Schlossführer gekauft. Hier habe ich mich auch in das Potsdamer Stadtschloss verguckt: das wunderbare Friedrich-Schlafzimmer, das Zedernkabinett, der Marmorsaal, das herrliche Treppenhaus. Das gezähmte Rokoko war von einer unnachahmlichen Eleganz. Und da das alles nicht mehr da war, war es für mich besonders geheimnisumwoben. Der Platz, wo es gestanden hat, sah – wie vieles in der Stadt – mehr als ernüchternd aus.

Sie stellen heute in Potsdam ein Buch mit Ruinen-Fotos vom Potsdamer Stadtschlosses vor. Mit welchen musikalischen Komposition würden Sie die Aufnahmen unterlegen?

Das weiß ich nicht, das wäre ein trauriges Stück, dissonant, elegisch und sanft. Aber gibt es so etwas? Die Ruinen haben ja auch schöne Seiten. In Griechenland sagen wir ja auch nicht, schade, dass der Tempel nicht mehr steht. Die Bilder sind wirklich hochmusikalisch, nicht knallig farbig, sondern so ein bisschen verblasst. Ich sah nur drei Fotos in einer Ausstellung und dachte sofort, da ist ein Künstler am Werk mit einem Auge für Motive und Stimmungen. Dann bekam ich heraus, dass Herbert Posmyk 400 Fotos gemacht hat.

Herausgeber eines Bildbandes

Das Buch „Der Untergang des Potsdamer Stadtschlosses“ wird heute, 18 Uhr, von Christian Thielemann ­(Herausgeber) und Herbert Posmyk (Fotograf) im Potsdam-Museum, Am Alten Markt 9, vorgestellt.

Christian Thielemann ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Er wurde 1959 in Westberlin geboren und lebt seit 2005 in Potsdam-Babelsberg.

Herbert Posmyk fotografierte 1960 aus Protest den Abriss der Ruinen des Potsdamer Stadtschlosses.

Christian Thielemann

Christian Thielemann

Quelle: MatthiasCreutziger

Wenn Sie diese innerstädtische Ruinenlandschaft sehen, überkommt Sie dann eine Wut gegen die englischen Bomberstaffeln?

Mich überkommt die Wut, dass die Menschen nach dem Krieg gemeint haben, dass könne weg. Man hätte ja auch sozialistisch argumentierend sagen können, das Schloss ist das Werk von namenlosen Maurern zur Freude der ganzen Bevölkerung. Über die, die darin gewohnt haben, kann man verschiedener Meinung sein. Aber das Stadtbild war sehr schön und wenn man es ausradiert, tut man allen Menschen etwas Schlechtes. Doch die SED-Führung hat aus blankem Hass auf die vermeintlich schlimmen Aristokraten vielen Städten und Dörfern ihr Herz geraubt, das sieht man ja noch heute. Hätte man nach der Wiedervereinigung den Adligen ihr Land zurückgegeben, würden heute vielleicht auch mehr wieder das Land bewirtschaften und die Schlösser wären wieder belebt.

Kann Sie die Schloss-Replik in Potsdam über Ihr Verlustgefühl hinwegtrösten?

Überhaupt nicht. Deshalb bin ich auch dafür, dass die Attika-Figuren aus Berlin wieder kommen. In 100 Jahren wird sich nicht mehr die Frage stellen, ob das Schloss nun 100 Jahre oder 400 Jahre alt ist. Das ist nicht das Problem. Der Kölner Dom wurde ja auch erst im 19. Jahrhundert vollendet und wir freuen uns heute. Ein Gemälde lässt sich nicht so leicht rekonstruieren, aber ein Gebäude, das Knoblensdorff oder Gontard entworfen hat, lässt sich wieder aufbauen. Ich sehe das mit ganz großer Freude, dass in Potsdam das Stadtbild repariert wird. Das Schloss war die Urzelle der Stadt. Sicher, viele Proportionen stimmen nicht. Die Lange Brücke ist viel zu groß, die Breite Straße viel zu breit. Schön, dass nun das Schloss und das Palais Barberini wieder stehen.

Wollen Sie die Zeit zurückdrehen und die Erinnerung an historische Zäsuren völlig tilgen?

Die ganze Stadt und das ganze Land sind ein einziges Mahnmal. Es gibt keinen Ort, an dem nicht vom Krieg die Rede ist. Es ist schön, wenn es Inseln gibt, wo das nicht so auffällig ist. Deshalb fahren die Leute im Urlaub ja auch nicht in zerstörte Städte, sondern nach Siena, nach Bamberg, nach Avignon und erfreuen sich an dem Heilen. Weil der Mensch auch was Heiles möchte. Ich glaube, wir übertreiben es in Deutschland mit diesem ewigen Draufrumgehacke, mit dem Bestehen auf Brüchen. Deshalb sind die Leute hier auch so übellaunig, obwohl es ihnen eigentlich gut geht. Gucken Sie mal in die Gesichter. Wie oft erlebt man Radfahrer, die einem den ausgestreckten Mittelfinger zeigen. Was habt Ihr denn alle nur so einen angestrengten Ton? Man hört immer nur von Brüchen und Widerständen.

Sie leben in einem Haus in Potsdam, das der letzte deutsche Kaiser für einen Künstler errichten ließ. Hadern Sie auch manchmal mit diesem Kaiser, der uns den Ersten Weltkrieg mit eingebrockt hat und damit vielleicht auch den zweiten?

Das führt mir zu weit weg. Wissen Sie, was hat Ludwig XIV. oder Napoleon den Franzosen eingebrockt. Was haben die Herrscher überhaupt den Leuten eingebrockt. Wenn man so argumentiert, dann hat man an nichts mehr Freude. Dann müsste man das Colloseum in Rom abreißen, wenn man bedenkt, was sich da abgespielt hat. Ich weiß nicht, was da noch übrig bleibt zum Schluss, wenn Sie das bereinigen wollen. Ich erfreue mich an der Formsprache des Hauses. Wilhelm II. hat auch schöne Sachen bauen lassen.

Gibt es moderne Architektur, die Sie erfreut?

Sicher: der Liebeskind-Bau, die Philharmonie, die Nationalgalerie von Mies van der Rohe, um nur drei Gebäude in Berlin zu nennen.

Sie haben 2005 Ihren Lebensmittelpunkt in Potsdam gewählt, als Sie gerade in München Gerneralmusikdirektor geworden sind. So sehr seien Sie hier verwurzelt, bekannten Sie damals. Aber Kiefernwald und Richard Wagner, wie passt das überhaupt zusammen?

Haben Sie eine Ahnung. Kiefernwald passt mit allem zusammen. Ich dirigiere übrigens nicht nur Wagner, sondern alles, was mir vor die Flinte kommt. Hier ist meine Heimatlandschaft. Da muss man manchmal zwei Mal hingucken. Wenn Sie nach Rheinsberg fahren, hat das einfach einen unglaublichen Zauber.

Aber das ist doch keine Landschaft, die dramatische Register zieht. Es gibt weder großen Berge noch tosenden Wellen.

Das haben wir gar nicht nötig. Sie wissen doch, was der Berliner sagt: „Berge hamma keene, aber wenn wer welche hätten, dann wär’n se höher.“ Das gleiche gilt für Wasserfälle usw. Das prägt die Menschen. Man ist nüchtern, das heißt doch aber nicht, dass die Märker kein Innenleben haben. Da lodert überall ein Feuer.

Nun ist ja in der DDR nicht alles verloren gegangen an deutscher Tradition. Im Gegenteil. In den Orchestern wie in der Dresdner Staatskapelle hat sich ein spezifischer deutscher Orchesterklang erhalten, weil es in den Jahrzehnten der Isolation im eigenen Saft schmorte. Ist es heute eine Gefahr, wenn die Staatskapelle zu viele Musiker aus anderen Teilen der Welt aufnimmt.

Das ist Unsinn. Die Musiker müssen wie auch in Wien vorspielen und wir entscheiden, wer passt. Wo die herkommen, spielt keine Rolle, wir müssen uns nur auf den Brahms einigen. Der Spielplan in Dresden besteht aus der Weltliteratur und die Mitwirkenden kommen auch von überall her. Die Dresdner haben sich ihren Klang erhalten, weil sie selber darauf sehr achten. Und ich achte auch darauf. Wir haben zum Beispiel Musiker aus Tschechien im Orchester, das war schon vor dem Krieg so. Schließlich sind es nur 130 Kilometer nach Prag, nach Berlin ist es weiter.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Sie seien ein Preuße?

Verlässlichkeit, Treue. Was ist daran schlimm? Das liegt doch nur daran, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der diese Tugenden verleumdet und politisiert worden sind. Alle möchten mich labeln und klar einordnen. Aber Sie essen doch auch nicht jeden Tag nur Pizza oder Eisbein, sie essen doch auch Leberwurst und Ćevapčići.

Genießen Sie es manchmal, eine Reizfigur zu sein?

Nein überhaupt nicht, das war nie so.

Was würden Sie Potsdam wünschen?]

Es wäre schön, den Plögerschen Gasthof wieder zu haben und den Einsiedler und die Acht Ecken. Wenn das Potsdamer Schloss schön eingebettet ist in den Organismus der Stadt, dann wird das ein tolles Ensemble. Das war es ja auch. Auch der Lustgarten müsste wieder hergestellt werden. Das hat Weltgeltung, das vergessen wir manchmal.

Würden Sie denn als Autofahrer so weit gehen, dass die Straße neben dem Schloss verschwinden müsste?

Wenn man das Verkehrsproblem lösen würde, dann hätte wir wieder einen Lustgarten, den man begrünen könnte. Schauen Sie sich mal die Vorkriegsaufnahmen an, wie hübsch das mit den Statuen ausgesehen hat. Mensch, war das eine Anlage. Das Mercure können wir noch zehn Jahre genießen. Von Dauer wird es möglicherweise aber nicht sein. Letztendlich ist das ein Fremdkörper. Auch der Stadtkanal müsste weiter geöffnet werden. Man könnte in Potsdam so tolle Sachen machen.

Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

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