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Kultur „Dirty Dancing“ erklärt die USA
Nachrichten Kultur „Dirty Dancing“ erklärt die USA
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00:19 09.12.2017
„Dirty-Dancing“ als Live-Show mit 23 Tänzern, Sängern und Schauspielern, hier „Baby“ (Anna-Louise Weihrauch) und Johnny (Máté Gyenei).
Berlin

Anna-Louise Weihrauch verrät nicht, wie alt sie ist. Aber sie erzählt gern, dass sie aus Stendal stammt und heute in Augsburg lebt, wo sie mit einem Bundesliga-Fußballer liiert ist. In der ersten Szene muss die Schauspielerin eine unbedarfte Teenagerin darstellen, aus der dann binnen 90 Minuten eine laszive Frau und rassige Tänzerin wird. Tatsächlich scheint ihr die Schamröte ins umlockte Gesicht zu schießen, wenn sie am Anfang des Urlaubs der Familie Houseman im Ferienressort Kellerman den berühmt-kuriosen Satz sagt: „Ich habe eine Wassermelone getragen“.

„Dirty Dancing“ – eine Theaterfassung des Kultfilmes ist ab 6. Dezember 2017 im Berliner Admiralspalast zu erleben. Das mit 23 Tänzern, Schauspielern und Sängern international besetzte Tourneetheater zieht dann weiter in die großen Häuser von Frankfurt am Main, Luxemburg, Wien, Bregenz, Wien und Zürich. Im Mittelpunkt der Neuinszenierung von Alex Balga steht Anna-Louise Weihrauch. Schon als Besucherin der Kindervorstellungen im Theater der Altmark in Stendal träumte sie von großen Rollen. Nun verkörpert sie seit vielen Jahren Frances „Baby“ Houseman, die Identifikationsfigur aus dem US-Klassiker.

Seit ihrer Ausbildung zur Musicaldarstellerin an der Hamburger Stage School, die sie 2005 abschloss, stand sie schon mehr als 1600-mal als eine der beiden Arzttöchter auf der Bühne. Zunächst als ältere Schwester Lisa Housman. Bis aus ihr „Baby“ wurde. Und wenn im Schlussbild der gelernte Maurer und Tanzlehrer Johnny in die feine Gesellschaft platzt und verkündet „Mein ,Baby‘ gehört zu mir“ und dem Paar die berühmte Hebefigur gelingt, dann sollte unter den Theaterbesuchern kein Auge trocken bleiben.

„Dirty Dancing“ ist eine übliche Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte, aber kein herkömmliches Musical. Die Story wird nicht anhand von Liedern erzählt, die Hits bilden eher eine Folie für das Schauspiel.Vor den Augen der Zuschauer gewinnt ein schüchternes Mädchen aus gutem Hause zusehends an Selbstbewusstsein. „Baby“ lernt nicht nur atemberaubend zu tanzen und zu küssen, sie beweist auch Mitmenschlichkeit und Mut, wenn sie die herrschenden sozialen Schranken einreißt. Sie bricht mit der Regel, die Angestellten zu ignorieren. In ihrer Sphäre, am Rande des Urlauberressorts, werden aber die besseren Partys gefeiert. Hier grassieren Rockabilly, Mambo und heiße kubanische Rhythmen, fiebrige Moment der Selbstbefreiung.

Unter den Angestellten trifft „Baby“ auf das Unglück der professionellen Tänzerin Penny, die schwanger geworden ist und einen Abtreibungstermin nicht wahrnehmen kann. Sie und ihr Tanzpartner Johnny sind auf das Honorar eines bereits verabredeten Auftritts angewiesen. „Baby“ springt ein und lässt sich von Johnny in einem Crashkurs das Tanzen beibringen.

„Baby“ verkörpert den Optimismus in den USA im Sommer 1963. Inmitten der spießigen Urlauberidylle stellte ihr Vater amüsiert fest, dass sich seine Tochter der Friedensbewegung anschließen und die Welt verbessern will. Die Kubakrise ist gerade überwunden, Martin Luther Kings Rede „Ich habe einen Traum“ wird auch ins Kellerman übertragen. Der Kennedy-Mord wird aber kurz darauf die Aufbruchsstimmung durchkreuzen.

Der Musik- und Tanzfilm kam vor genau 30 Jahren heraus. Damals handelte es sich bereits um einen historischen Stoff, in den obendrein der Zeitgeist von 1987 hineinprojiziert wurde. Aus dem atomaren Wettrüsten ging die westliche Welt gerade als Sieger hervor. Der Triumph der Liberalität schien unaufhaltsam. Dank der Antibabypille erschienen Abtreibungsdramen wie dieses exotisch. Die Flower-Power-Bewegung hatte weltweit eine Kulturrevolution ausgelöst und die Popkultur war zum unwiderstehlichen Markenzeichen der USA geworden.

„Time Of My Live“, der letzte Song, zelebriert dieses Happy End. Der ruhige Mambo wächst sich zu einer wilden Disco-Nummer aus, zu der alle tanzen. Die Klassenschranken fallen, der amerikanische Traum wird eingelöst. Baby kann sich auf einen Satz ihres Vaters berufen: „Alle Menschen sind gleich und verdienen faire Chancen.“

Was uns das heute sagt? So weit haben sich die USA von sich selbst entfernt!

info „Dirty Dancing. Das Original. Live auf Tour.“ 6. bis 8. Dez. 20 Uhr.
9. Dez. 15 Uhr +999. 14 Uhr + 18 Uhr. 12. bis 15. Dez. 20 Uhr.
15. Dez. 15 Uhr + 20 Uhr. 16. Dez. 20 Uhr. 17. Dez. 14 Uhr + 18 Uhr. Admiralspalast, Friedrichstraße 101. Berlin-Mitte. Karten unter 0331/28 40 284.

Von Karim Saab

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