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„Dogville“ mit Kreuzigungsszene

Hans-Otto-Theater „Dogville“ mit Kreuzigungsszene

Christoph Mehler hat noch nie in Potsdam inszeniert. Der 43-Jährige konfrontiert die Zuschauer mit einer recht experimentierfreudigen Inszenierung. In „Dogville“ nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier wird viel geschrien, gepost und gestikuliert. Eine Premierenkritik.

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Moritz von Treuenfels (im Vordergrund) spielt nicht nur den Tom, sondern übernimmt auch die Rolle des Erzählers. Die neun Darsteller sind während der Aufführung ständig präsent.

Quelle: FOTO: HL BOEHME

Potsdam. Das Bühnenbild ist radikal und denkbar einfach. Hart an der Rampe errichtet Nehle Balkhausen aus zwei Mal zwei Wannen einen vierteiligen Guckkasten. Es ermöglicht das stärkste Bild eines 90-minütigen Theaterabends, der trotz seiner experimentierfreudigen Eigentümlichkeit nicht in die Annalen des Hans-Otto-Theaters (HOT) eingehen dürfte.

Lars von Trier drehte seinen Film „Dogville“ 2003 in einer horizontalen, minimalistischen Bühnenkulisse. Die Theateraufführung in Potsdam verlagert das Spielgeschehen in die Vertikale. Auch andere Stadttheater haben den ungewöhnlichen, schroffen und in vielerlei Hinsicht desillusionierenden Film schon nachinszeniert. „Dogville“ handelt von der Korrumpierbarkeit einer skurrilen Gemeinschaft in der hintersten Provinz und ähnelt damit überdeutlich dem Friedrich-Dürrenmatt-Stück „Besuch der alten Dame“, das kürzlich ebenfalls auf dem HOT-Spielplan stand.

Lars von Trier hat die Rachegeschichte um einige interessante Aspekte angereichert. Zum einen erzählt er in seiner Parabel, wie gut es einer Dorfgemeinschaft tun kann, eine fremde Flüchtlingsfrau aufzunehmen. Zum anderen wirft seine Figur Grace die Frage auf, ob es möglich ist, einem Vater zu entkommen, der durch Verbrechen reich und mächtig geworden ist. Wie ausbrechen aus den Verhältnissen, in die man hineingeboren wurde?

Christoph Mehler (43), Regieneuling in Potsdam, geht es aber so gut wie gar nicht um die Deutung von Inhalten. Wer den Lars-von-Trier-Film nicht kennt, wird Mühe haben, der Geschichte zu folgen und die Figuren zu verstehen. Und wer den Film kennt, wird feststellen, zu welchen Vereinfachungen und Abstraktionen Regie und Dramaturgie bereit waren. Regisseur Mehler möchte vor allem eines: Körper sprechen lassen. Er verlangt den Schauspielern eine Menge ab. Sie müssen fast jeden Dialogsatz frontal und Wort für Wort ins Publikum schreien, ohne sich dabei anzusehen. Sie müssen oft schon deshalb laut sein, um ein moduliertes Soundgeräusch aus dem Off (Akustikdesign: David Rimsky-Korsakow) zu übertönen. Die neun Schauspieler klettern von Guckkasten zu Guckkasten, stellen sich aus und fordern mit jedem Laut und jeder Geste, dass die Theaterbesucher ihr betont unromantisches Treiben und unrealistisches Spiel bestaunen.

Manche Nebensächlichkeit erhält einen großen Stellenwert, wenn etwa ein Wort wie „Stachelbeerkuchen“ durch ein allgemeines „Mmmhhh“ kommentiert wird. Einzelne Sätze werden von den Mitspielern aufgegriffen und noch einmal chorisch deklamiert. Und plötzlich müssen alle Gartenarbeit mimen, wenn Grace die wilden Stachelbeersträucher ausjätet.

Wichtige Elemente der Handlung bleiben dagegen Kahlstellen. Die das Stück tragende und unerfüllte Liebe zwischen Grace (Denia Nironen) und Tom (Moritz von Teuenfels) wird eigentlich erst deutlich, als Tom sagt: „Jeder in dieser Stadt hat einen Körper besessen, nur ich nicht.“ Das Mädchen Liz (Juliane Götz) bleibt in Potsdam geradezu eine Nichtfigur und darf nur mal mit dem Arsch wackeln.

Zu einem Lars-von-Trier-Stoff gehört natürlich die Triebabfuhr wie das Amen in der Kirche. Grace, die rätselhafte Asylsuchende, wird nach einem „Happy Anfang“ zur Märtyrerin und muss sich mit den männlichen Bewohnern des Dorfes Dogville arrangieren, die sie vergewaltigen. Hier gelingt dem Regisseur dank der intelligenten Bühne ein starkes Bild. Plötzlich ergeben die waagerechte und senkrechte Achse zwischen den vier Wannen ein Kreuz und Grace erscheint, eingerahmt von den Lüstlingen, wie eine Gekreuzigte.

Die Inszenierung bleibt aber unentschlossen und offenbart ihre Stumpfheit schon am Anfang, wenn Grace acht Mal zwei Sätze schreien muss: „Entschuldigung, ich würde Ihnen gern meine Hilfe anbieten. Gibt es irgendetwas, was ich für Sie tun kann?“ Das bleibt ohne Nachhall.

Nächste Aufführungen: 30. April, 14. Mai, 19.30 Uhr. Neues Theater, Schiffbauergasse 11, Potsdam.

Von Karim Saab

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