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„Downsizing“: Die Verzwergung der Welt

Kino „Downsizing“: Die Verzwergung der Welt

Matt Damon wird geschrumpft: Die Satire „Downsizing“ (Kinostart: 18. Januar) macht sich an die Lösung der Menschheitsprobleme – und scheitert lustvoll

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Normalo triff Däumling: Das Männlein auf dem Tisch hat die Miniaturisierung schon hinter sich, Paul Safranek (Matt Damon) ist sichtlich fasziniert.

Quelle: Paramount Pictures

, Hannover. Was für eine verlockende Vorstellung das ist: Die Probleme der Menschheit lassen sich schrumpfen. Überbevölkerung, Vermüllung, Klimaerwärmung, Armut, Hunger: All diese überlebensbedrohlichen Gefahren schnurren plötzlich zusammen. Und hier ist die Lösung, die die Augen von Paul Safranek (Matt Damon) und seiner Frau Audrey (Kristen Wiig) zum Glänzen bringt: Wir verkleinern die Menschen auf Miniaturformat – auf, sagen wir, knapp 13 Zentimeter Körpergröße.

Ein norwegischer Wissenschaftler hat ein Verfahren entwickelt, organische Masse zu komprimieren. In den Fjorden hat bereits eine Aussteiger-Kommune für das Experiment zusammengefunden. Nun werden die Glücklichen der weltweiten Öffentlichkeit präsentiert: Winkend stehen die Mini-Menschen auf einem Servierwägelchen, auch ein Mini-Baby ist schon geboren. Daneben schüttet ein Normalgroßer demonstrativ einen halb vollen Plastikbeutel in den Saal: Mehr Müll ist nach vier Jahren in dem Pionierdorf nicht angefallen.

Man kann ein guter Mensch sein – und sich selbst Gutes tun

Nachhaltiger geht’s kaum. So versprechen es jedenfalls die globalen Marketingkampagnen. Man kann also ein guter Mensch sein – und sich nebenbei selbst etwas Gutes tun. Denn in der US-Kolonie namens Leisureland ist weniger eindeutig mehr. Alles ist dank des minimalen Materialverbrauchs zum Spottpreis zu haben: Eine Mini-Prachtvilla zum Beispiel ist leicht finanzierbar, auch für abstiegsgefährdete Mittelklasse-Schlucker wie Paul und Audrey, die bislang nur von einem modernen Eigenheim träumen können.

In dieser luxuriösen Gated Community, abgeschirmt unter einer Glasglocke, ist praktisch jeder ein Millionär, die Gesundheitsversorgung grandios, genau wie das Freizeitangebot. Und Steuererleichterungen gibt`s obendrauf! Der Physiotherapeut Paul, der es nicht zum Mediziner gebracht hat, sieht seine Chance. Mit Audrey ringt er sich zur ultimativen Schrumpfungskur durch.

Akribisch geht US-Regisseur Alexander Payne den Transformationsprozess an. Zahnfüllungen, Haare, persönliches Eigentum: Alles muss weg, damit hinterher die Proportionen stimmen und Köpfe nicht plötzlich wegen eines Porzellan-Inlays explodieren. Schon bei der Umsetzung beschleicht einen jedoch leichtes Unwohlsein, wenn Mediziner sich mit klinischer Kälte an ihr Werk machen und Menschen nach dem neuen Ideal formen. Nach erfolgreicher Verzwergung werden die Liliputaner per Tortenheber „auf die andere Seite“ verfrachtet.

Schon bis hierher ist „Downsizing“ mehr als eine irrwitzige Science-Fiction-Komödie nach dem Muster: Liebling, wir haben uns selbst geschrumpft. Die politische Tragweite dieser Satire ist unterschwellig immer präsent, egal mit welch kuriosen Details der Regisseur aufwartet – für die er überraschenderweise kaum Spezialeffekte braucht. Hier stehen moralische Fragen im Raum, zum Beispiel diese: Kann man sich wirklich vor Problemen wegducken, indem man sich zum Däumling machen lässt?

Egoisten gibt es auch in Kleinformat

Direkt nach dem Aufwachen merkt Paul, dass Schwierigkeiten keinesfalls kleiner werden, nur weil der eigene Lebensraum kleiner geworden ist. Auch in Leisureland gibt es lärmende Nachbarn, die sich selbst als „Arschlöcher“ (Christoph Waltz und Udo Kier als prächtige Hedonisten) bezeichnen und Edelgüter von der großen in die kleine Welt schmuggeln. Der Kapitalismus funktioniert auch hier, Egoisten gibt’s überall. Bald entdeckt Paul, dass hinter einer Mauer – wie sie sich ein Präsident Trump wünschen würde – das Miniatur-Arbeitsvolk in Slums haust. Irgendwer muss die Reichenhäuser ja putzen, zum Beispiel die vietnamesische Dissidentin (Hong Chau), die vom Staat zwangsgeschrumpft wurde, in einem TV-Pappkarton in die USA flüchtete und dabei einen Unterschenkel verlor. Von jetzt an lacht der Zuschauer mit bitterem Unterton in diesem scheinbar so leichten Film.

Payne und sein langjähriger Drehbuch-Koautor Jim Taylor (“Sideways“, „About Schmidt“) haben noch eine überraschende dramaturgische Abzweigung parat: „Downsizing“ entwickelt sich zur Romanze. Aber auch diese ist mehr als die übliche Flucht ins Happy End: Was könnte im Zusammenleben der Menschen denn noch zählen, wenn es mit der Weltverbesserung im großen Stil nicht klappt? Mit Matt Damon in einer weiteren Rolle als einer von uns Normalbürgern hat Payne einen Darsteller gefunden, dem man diesen Lernprozess gerne abnimmt.

„Downsizing“ hat Ende August das Festival von Venedig eröffnet, so wie dies in den Jahren zuvor „Gravity“, „Birdman“, „Spotlight“ und zuletzt „La La Land“ taten. Fällt jemandem etwas auf? Genau: Diese Satire hat mehr Chancen im Oscar-Rennen.

Von Stefan Stosch / RND

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