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Drama um Lotte Ulbricht

MDR-Dokumentation Drama um Lotte Ulbricht

Mit einer Dokumentation um Lotte Ulbricht, der Frau von Walter Ulbricht, des späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR, setzt der Mitteldeutsche Rundfunk seine Serie zur Geschichte Mitteldeutschlands fort. Am Sonntagabend (20.15 Uhr) geht es um die Tragödie ihrer Adoptivtochter Beate. Zu einer sozialistischen Musterfamilie reichte es nicht. Das Kind rebellierte.

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Stephan Boden als Walter Ulbricht, Angelina Anett Heilfort als Lotte und Sarah (4) als Adoptivtochter Beate.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Die Briefe, die sie aus Leningrad schrieb, begannen oft mit „Lieber Papi, böse Lotte ...“. Der Liebe war Walter Ulbricht, die Böse Ehefrau Lotte, die Schreiberin Beate, die Adoptivtochter des ersten Paares der DDR. Im Januar 1946 adoptierte der sächsische Landtagsabgeordnete Walter Ulbricht und Lotte, noch nicht miteinander verheiratet, beim Jugendamt Dresden das eineinhalbjährige Waisenmädchen Maria Pestunowa. Die Mutter, eine ukrainische Zwangsarbeiterin, starb bei einem Bombenangriff auf Leipzig, der Vater war unbekannt.

Was eine sozialistische Musterfamilie werden sollte und auf frühen Fotos auch so aussieht, wurde Anfang der 50er zu einem Mutter-Tochter-Drama. Das Mädchen, das jetzt Beate hieß, rebellierte, verweigerte die sozialistische Perfektion und wurde 1954 zum Abitur nach Leningrad geschickt. Alle ihre Hilferufe aus der sowjetischen Fremde blieben bei den Funktionärs-Eltern unerhört. Sie musste funktionieren, studierte am Herzen-Institut und heiratete 1963 Ivanko Matteoli, Sohn eines italienischen KP-Funktionärs.

Das passte den Ulbrichts ganz und gar nicht, die Tochter sollte sich erst mal als Löterin im VEB Stern-Radio Berlin bewähren, der Pass wurde eingezogen und erst nach der Scheidung zurückgegeben. Beate reiste nach Leningrad, Matteoli war verschwunden. So heiratete sie 1968 den Ex-Schulfreund Juri Polokownikow, einen Trinker und Schläger. Flucht nach Berlin mit den Kindern Patricia von Ivanko und André von Juri, Scheidung 1973. Beate verfiel dem Alkohol, schmiss Jobs, wurde häufig betrunken aufgegriffen. Lotte brach die Beziehung ab.

Im Herbst 1991 gab Beate der Super Illu ein honoriertes Interview über ihr Leben. In der Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1991 wurde sie in ihrer Wohnung erschlagen. Vermutlich beim Streit mit Saufbrüdern um Geld. Der Fall blieb unaufgeklärt. So erzählt der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) nun in seiner neuen Staffel der Geschichte Mitteldeutschlands das Drama eines Mutter-Tochter-Konflikts. „Wir wollen herausfinden, ob das, was Beate im Interview erzählt hat, wirklich so war“, sagt Pepe Pippig, der die Spielszenen für die Doku inszeniert.

Ein Leben für die Revolution

Charlotte „Lotte“ Ulbricht (1903 – 2002) war an 1953 die zweite Ehefrau des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Die Diplom-Gesellschaftswissenschaftlerin arbeitete bis 1973, dem Todesjahr ihres Mannes, am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED.

Der Berufsrevolutionär Walter Ulbricht (1893 – 1973) war bis zu seiner Entmachtung 1971 durch Erich Honecker der bedeutendste Politiker der DDR. Er veranlasste den Aufbau des Sozialismus und der Mauer.

Ab Sonntag strahlt der MDR neue Porträts der Geschichte Mitteldeutschlands aus. Zum Auftakt steht Lotte Ulbricht im Fokus (20.15 Uhr). Es folgen die Mystikerin Mechthild von Magdeburg, Schauspieler Gert Fröbe, Maler Lucas Cranach der Jüngeren und Emmy Göring.

Die wurden von der Saxonia Entertainment im Schloss Marquardt bei Potsdam gedreht: Jugendamtszimmer in Dresden, Hotelzimmer im Emigranten-Hotel „Lux“ in Moskau in den 30ern, Arbeitszimmer Ulbrich in Pankow, Hotel-Lobby „Astoria“. Das heruntergekommene Schloss ist ein Drehort mit Film-Geschichte. Hier entstanden u.a. Szenen zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ und zu Spielbergs „Bridge of Spies“. Für Aufnahmeleiter Tilo Gläßer ist es ideal, dass alle Motive an einem Ort gemacht werden können, nur etliche Möbel mussten herbeigeschafft werden.

Ein Glücksfall war es für die MDR-Produktion, dass Autor Steffen Jindra im Stadtarchiv Dresden die Adoptionsurkunde von Beate gefunden hat. Für Regisseur Pepe Pippig ist das Leben Beates zweigeteilt und das Verhältnis zu Lotte kompliziert: „Sie war dominant, wollte alles unter Kontrolle haben. Vor der Heirat mit dem Italiener Matteoli gab es durchaus ein freundliches Verhältnis. Der Bruch kam mit der Heirat.“

Die Lotte spielt Angelina Anett Heilfort, 1983 in Leipzig geboren, in Taucha aufgewachsen und Ende der 80er nach Berlin weggezogen. Mit zwei Büchern („Mein Leben“, „Lotte und Walter“), Archivszenen und Fotos hat sie sich auf die Rolle vorbereitet: „Das Bild von Lotte Ulbricht, das ich im Kopf hatte, war: Das ist eine ganz unbeliebte Frau. Beim Lesen ist sie mir dann aber durchaus sympathisch geworden.“ Das Elternhaus von Beate sei streng, aber freundlich gewesen: „Erst als sie in der Sowjetunion mit dem Italiener Matteoli zusammentraf, kam es zum Bruch.“

Lotte Ulbricht ist nicht der erste Dreh für die 32-Jährige, die es schon als Jugendliche stark auf die Bühne zog. Bei „Eine wie keine“ stand sie ein Jahr für SAT.1 vor der Kamera, war im Usedom-Krimi (ARD) und in „Hungerwinter 1946“ zu sehen, räumt aber ein, dass ihr die Bühne etwas fehlt. Mit einer Einschränkung: „Nachdem ich 18 Monate in Schwerin gespielt hatte, wusste ich: Ensemble ist nicht meins.“

Luise Schälike, die Freundin von Lotte in den 30er Jahren im Moskauer Hotel „Lux“, spielt Stella Hilb, seit drei Jahren am neuen theater in Halle („Effi Briest“, die Barbara in „Mephisto“ nach Klaus Mann) und in „Nackt unter Wölfen“ in der ARD in Rückblenden die Frau des Häftlings Pippig. Stephan Boden aus Jena ist Walter Ulbricht. Er musste sich vor dem Dreh als 53-jähriger Ulbricht einen Bart wachsen lassen: „Der wurde mir am Set passgenau rasiert.“ Zum Spitzbart.

Von Norbert Wehrstedt

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