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Dürrenmatt-Komödie polarisiert Potsdamer Publikum

Hans-Otto-Theater Dürrenmatt-Komödie polarisiert Potsdamer Publikum

Eine monströse Bühne, ganz in schwarz. Und die Schauspieler um Jahrzehnte gealtert. Die Premiere der tragischen Komödie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt am Potsdamer Hans-Otto-Theater wartet mit einigen Überraschungen auf. Wie reagiert das Publikum? Eine Premierenkritik.

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Die Einwohner von Güllen (oben) hoffen auf die reiche, alte Dame (Rita Feldmeier).                                                 

Quelle: Foto: HL BOEHME

Potsdam. Mit herkömmlicher Schönheit möchte dieser Theaterabend beim Publikum nicht punkten. Die ein oder andere markante Zuspitzung wird aber sicher in Erinnerung bleiben. Allein schon die gewagte rabenschwarze Bühne von Alissa Kolbusch imponiert als hässliches Monstrum. Die Zuschauer blicken in den Querschnitt eines Beckens – eine Art Kläranlage, auch im moralischen Sinne. Aufklappbare Luken führen wahrscheinlich direkt in den Hades. Die zehn Schauspieler müssen extreme Schrägen erklimmen und stehen dann ziemlich weit oben verloren auf dem Rand. dort in der Mitte endet eine Stiege, die noch höher führt. Vier Neonröhren spenden fahles, kaltes Licht. Wacklige Buchstaben ergeben einen Schriftzug „Willkommen unsere Cläri!“

Der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt (1921-1990 ) feierte mit der Tragikomödie „Besuch der alten Dame“ 1956 seinen internationalen Durchbruch. Für das Hans-Otto-Theater hat Regisseur Niklas Ritter das Skelett des pittoresken Stückes freigelegt. Ritter verzichtet auf etliche Ausschmückungen, auf Requisiten und auf so manche Figur. So gibt es unter den Bewohnern von Güllen keinen Pfarrer. Das Elend des sterbenden Ortes wird in der ersten Szene durch live erzeugte Geräusche akustisch vorgeführt. Auf dem Bahnhof von Güllen rasen die Züge durch. Doch dann gibt es diese alte Dame, die es sich leisten kann, die Notbremse zu ziehen.

Mit der Rolle der Claire Zachannasian verbindet sich die Hoffnung, Rita Feldmeier noch einmal aus der Reserve zu locken. Seit 40 Jahren Ensemble-Mitglied war es der Charakterdarstellerin kaum mehr vergönnt, ihre Qualitäten auf der Bühne auszuspielen. Doch Titelrollen sind oft auch nur Blendwerk. Im Stück „Fritz!“ (2013) bestand ihre Königsrolle aus einem kurzen Eingangsmonolog. Und im „Besuch der alten Dame“ kommt ihr lediglich die machtvolle Aufgabe zu, die Spielregeln zu erklären.

Denn Maurerstochter Claire Zachannassian ist durch Heirat Milliardärin geworden und hat in Güllen noch eine Rechnung offen. Sie wurde vor 45 Jahren aus dem Ort vertrieben, weil sie schwanger war. Der reiche Krämerssohn Ill stritt die Vaterschaft ab und ließ Koby und Loby vor Gericht behaupten, Claire sei eine Hure. Nun fordert sie den Kopf ihrer Jugendliebe und stellt Güllen dafür eine Milliarden-Spende in Aussicht.

Ein Name – drei Milliardäre

Die Uraufführung „Der Besuch der alten Dame“ fand vor 60 Jahren in Zürich mit Therese Giehse statt. Friedrich Dürrenmatts Komödie wurde oft verfilmt, zuletzt 2008 fürs Fernsehen.

„Zachanassian“ – der Name der alten Dame geht auf reale Milliardäre der 50er Jahre zurück: Zaharoff, Onassis und Gulbenkian.

Nächste Aufführungen: 13., 14., 20., 21. und 24. Februar, 19.30 Uhr. Neues Theater. Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/9811-8.

Rita Feldmeier mimt also eine von Rachgier Getriebene. Der Zorn hinter der vornehmen Fassade bekommt aber wenig Raum, da die Inszenierung vor allem auf stilisierte, statische Posen setzt. Mit der ihr eigenen nasal gepressten Stimme erklärt Rita Feldmeier, dass Claire die beiden gekauften Zeugen „kastrieren, blenden und zusammennähen“ ließ.

Durch den Musiker, Comedian und Schauspieler Jan Kersjes, der das Potsdamer Ensemble eindrucksvoll unterstützt, schafft es eine Nebenfigur wie Koby/Loby sogar bis ins Gedächtnis. Die Hauptfiguren, die Einwohner von Güllen, bleiben zunächst Untote, schemenhafte Gestalten, die im Halbdunkel agieren. Das ist so gewollt. Die Abteilung Maskenbild bekam viel zu tun, da sie Jon-Kaare Koppe als Bürgermeister, Franziska Melzer als Krämersfrau, Florian Schmidtke als Lehrer, Wolfgang Vogler als Polizist und Meike Finck als Ärztin um Jahrzehnte altern ließ. Bis zur Pause der 150-minütigen Aufführung wagt es Regisseur Ritter, die Starre dieser verlorenen Seelen abstrakt zu karikieren.

Doch wie ein Tropfen Blut vertrockneten Insekten plötzlich Flügel verleiht, reicht bei diesen Zombies schon die Aussicht auf das große Geld, um ungeahnte Lebensenergien freizusetzen. Auf Pump kaufen sie Möbel, Lampen und Autos. Jugendliche Frische hält in ihren Gesichtern Einzug. Die Inszenierung schlägt deshalb aber nicht in einen Farbenrausch um, sondern bleibt auf der ungegenständlichen Ebene. Jan Kersjes parodiert bald einen TV-Showmaster (so gekonnt und zynisch wie einst der junge Christoph Schlingensief) und dirigiert zum Schluss auch noch einen Sprechchor (so besessen wie einst Einar Schleef). Doch das alles sind aneinandergewürfelte ästhetische Elemente. Aus sich heraus entwickelt die Bühnenerzählung keinen zwingenden Sog, keine Dynamik. „Mit jedem Kredit steigt die Notwendigkeit, mich umzubringen“, weiß Ill, die Jugendliebe der Milliardärin. Peter Pagel spielt den Gejagten merkwürdig gelassen und abgeklärt.

Niklas Ritters Aufführung polarisiert. Die einen Zuschauer finden den heruntergedimmten Purismus vor der Pause interessanter, die anderen den Aktionismus danach. Das zu erkunden, lohnt sich – im Zweifelsfall also anschauen!

Von Karim Saab

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