Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Nebel

Navigation:
ESC: Zu viele gegen Xavier Naidoo

Analyse ESC: Zu viele gegen Xavier Naidoo

Xavier Naidoo singt doch nicht für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC). Der NDR ist blamiert. Und das Internet stürzt sich auf diesen kleinen Skandal. Naidoo selbst sieht keinen Grund zum Rücktritt.

Voriger Artikel
Schwedens König möchte Badewannen verbieten
Nächster Artikel
Doo Dah Parade: Festival der Exzentriker

Xavier Naidoo.

Quelle: dpa

Berlin. Googeln. Einfach mal googeln. Vielleicht hätte es dabei geholfen, vorher zu erkennen, welche Sprengkraft die Idee hatte, Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest 2016 zu schicken. Gewiss hat man recherchiert beim NDR. Aber es brauchte erst eine überhitzte, gnadenlose Debatte, um die Entscheidung – die doch als Scoop gedacht war – rückgängig zu machen. Nun hat der NDR entschieden: Xavier Naidoo wird im kommenden Frühjahr doch nicht für Deutschland singen. Ein massiver Shitstorm – weit in die analoge Presse hinein – hat ihm das Ticket für Stockholm wieder aus der Hand gepustet. Und der Sender steht blamiert da. „Es war klar, dass er polarisiert“, sagte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber am Wochenende. „Aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht. Wir haben das falsch eingeschätzt.“

Die Entscheidung fiel am Sonnabend, nach hitzigen Gesprächen hinter den Kulissen. Naidoo-Zitate wurden verglichen, Songtexte geprüft, die gedruckte Meinung herangezogen. Am Ende war vor allem eines ausschlaggebend dafür, dass die ARD den Stecker zog: die Sorge, dass die Debatte über den Soulstar – ob zu Recht geführt oder nicht – nach ganz Europa schwappen und alle musikalischen Qualitäten überlagern könnte. Spätestens, als der „Daily Telegraph“ über den „deutschen ESC-Kandidaten“ berichtete, dessen Liedtexte „Juden verhöhnen“, war die Sache im Kern nicht mehr zu retten.

„Die Diskussionen hätten dem ESC ernsthaft schaden können“, sagte Schreiber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er wolle jetzt so schnell wie möglich entscheiden, wie der deutsche Beitrag für den ESC in Stockholm gefunden wird. „Wir haben schon erste Gespräche geführt. Aus der Musikbranche kommt viel Unterstützung, sie signalisiert deutlich: Wir lassen euch nicht im Regen stehen. Wir haben sehr schöne Ideen für eine gute Show.“ Ein Star? Ein Solokandidat? Ein Nachwuchswettsingen? Derzeit ist alles offen.

Für Naidoo aber ist das Abenteuer Stockholm nach nur drei Tagen schon wieder beendet. „Wir wollten ihn jetzt aus der Schusslinie nehmen“, sagt Schreiber. Naidoo selbst sah keinen Anlass zum Rücktritt. „Es gab und gibt gute Gründe, sich für ihn zu entscheiden“, sagt Schreiber. „Er sah den ESC als Riesenchance, und kaum jemand brachte je so eine Begeisterung mit.“

Der Fall Naidoo. Ein Tiefschlag im ESC-Seuchenjahr 2015. Andreas-Kümmert-Rücktritt. Letzter Platz für Ann Sophie. Nun das. Tatsächlich hatten die ESC-Beauftragten beim NDR gedacht, sie könnten die seltsamen Meinungsunfälle von Naidoo als Beiwerk, als putzige Marotte abschütteln und den Blick schnell auf das Musikalische lenken. Naidoo! Ein Star!

Endlich mal! Das gelang nicht. Der Druck war zu groß. Selbst innerbetrieblich wuchs die Opposition. Das öffentlich-rechtliche System ist eben pluralistisch, auch NDR-Mitarbeiter stellten sich in Posts, Tweets und Kommentaren gegen den Plan.

Die Suche nach dem Schuldigen für das Desaster, spätestens gestern lief sie auf Hochtouren: Mit der Nominierung durch den NDR seien aber Fakten geschaffen worden, ärgerte sich ARD-Programmdirektor Volker Herres öffentlich in der „Welt“. Xavier Naidoo habe „mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss“, weswegen vor der Nominierung eine senderinterne Debatte notwendig gewesen wäre. Und Naidoo selbst? Der kommentierte die Absage des NDR am Sonnabend bei Facebook als „okay für mich“.

Die weit verbreitete Lesart ging dann so: Der NDR hat nicht gepeilt, welchen Spinner er sich da ausgesucht hat, und muss nun zurückrudern. In Wahrheit ist es komplizierter.

Lässt sich aus dem, was Naidoo öffentlich geäußert hat, wirklich eine ernsthafte rechtsnationale, homophobe und antisemitische Gesinnung herauslesen? Von den wirren Thesen der „Reichsbürger“ hat er sich distanziert.

Das verbreitete Zitat aus dem ersten Teil des Naidoo-Songs „Wo sind sie jetzt?“, das tausendfach als schwulenfeindlich gebrandmarkt wurde, ist bei genauer Betrachtung die Rachefantasie eines missbrauchten Kindes. Die von Jagdfieber und reflexhafter Fassungslosigkeit über öffentlich-rechtliche Unfähigkeit befeuerte Debatte aber ließ komplexere Interpretationen gar nicht zu.

Ist mit Naidoo fair umgegangen worden? Nein. Er ist kein Engel, er hat viel Mist geredet. Aber das gilt auch für seine Jäger.

Die provokantesten Aussagen des Sängers:

Naidoo über die deutsch-amerikanischen Verbindungen: „Geheime Vereinbarungen zwischen Amerikanern und der Bundesregierung (...) existieren wirklich. (...) Deutschland ist insoweit kein souveränes Land.“

Naidoo in dem Song „Wo sind sie jetzt?“, der als schwulenfeindlich eingestuft wird: „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

Naidoo zum Dutroux-Fall in Belgien und Kindesmissbrauch: „So etwas gibt es auch in Deutschland, aber sehr organisiert.“

Naidoo zu seinem Auftritt bei den „Reichsbürgern“ 2014 in Berlin: „Mein Image war eh schon immer etwas verdreht.“

Naidoo über seine Heimatstadt: „Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.“

Von Imre Grimm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?