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Kultur Ein Berliner im Buhgebiet der Nation
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13:54 10.09.2016
Für auswärtige Besucher gibt es in Brandenburg viel zu bestaunen: Kiefern uns ausbaufähige Ruinen wie hier in Beelitz-Heilstätten. Quelle: dpa
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Brandenburg

Ein Vorabdruck auf dem Buch „Niemannsland“ von Robert Niemann, der aus Berlin nach Falkensee ins Land Brandenburg gezogen ist.

„Als ich mit Ende dreißig genug hatte vom Leben in der Stadt, zog ich aufs Land. Jedenfalls beinahe aufs Land. So richtig weit weg will man ja doch nicht, wegen der Kultur und überhaupt. Ich kann vom Dachfenster aus mit dem Periskop aus dem alten Lego-Kasten meiner Kinder noch die Plattenbauten der Stadtrandsiedlung sehen und mich freuen, welch schönen Blinklichterschmuck die dort lebenden Menschen in der Weihnachtszeit an ihren Balkonen befestigen. Von unserem Haus aus – ja, Haus, auch wenn westdeutsche Wohlstandsbesucher in der Rohbauphase umhergingen und meinten: »Schöne Garage! Und wo kommt das Haus hin?« – ist man rasch in der Stadt. Wenn ich mal wieder live dabei sein will, wie mir beim Überqueren des Alexanderplatzes Trickbetrüger unbemerkt ein Urlaubsapartment auf einer Südseeinsel verkaufen, die es gar nicht gibt, oder wenn ich die aktuellen Drogenpreise wissen will, habe ich es nicht weit.

Was meinen Sie?

Urteilen Berliner, die nach Brandenburg ziehen, zu hochnäsig über die Mark? Welche Erfahrungen machen Sie mit Großstädtern? Wäre die Provinz ohne sie erträglicher? Welches Bild haben Sie von Brandenburg?

Bitte schreiben Sie uns: Märkische Allgemeine, Leserpost, Postfach 601153, 14411 Potsdam. Oder schicken Sie uns eine E-Mail: leserbriefe@MAZ-online.de

Ich muss allerdings auch nicht lange fahren, um in sogenannte strukturschwache Regionen vorzustoßen. Es ist jedes Mal ein Abenteuer: Leben dort Menschen? Gehen sie aufrecht? Falls ja: schon oder noch? Gibt es irgendwo eine Tankstelle, und haben sie dort noch was anderes als Beck’s? Solche Landstriche sind die Hartz-IV-Bezieher unter den Regionen. Es geht ihnen schlecht, aber immer noch besser, als es ihnen eigentlich gehen dürfte. Aus strukturschwachen Gebieten ziehen immer zuerst die jungen Frauen weg. Das ließe sich noch verschmerzen, doch dann folgen die Ziegen und Schafe.

Daran sind die durch den Weggang der jungen Frauen angepassten Sexualpraktiken der männlichen Restbevölkerung schuld, von denen sich die Tiere belästigt fühlen. Zurück bleiben die Alten, die Deppen und die Bürgermeister, die sich als Dagegenstemmer unermüdlich engagieren. Für den Erhalt des Papierkorbs vor dem früheren Dorfkonsum zum Beispiel oder gegen die Ansiedlung von wilden Tieren. Strukturschwache Regionen sind regelmäßig Wolfserwartungsland.

Drei Fragen an den Satiriker Niemann

Herr Niemann, warum sind Sie nach Falkensee gezogen?

Ich arbeite hart an der Legende, dass sich mehrere europäische Top-Städte um mich bemüht haben, und dass meine Wahl letztlich auf Falkensee fiel, weil mein Berater meinte, das sei das beste Angebot. Diese Geschichte wiederhole ich so lange, bis sie endlich in Wikipedia steht.

Gibt es in Brandenburg auch etwas, das Sie in den höchsten Tönen preisen würden?

Es ist nicht alles Brandenburg, was glänzt. Aber das Meer, die unverfälschte provencialische Küche, der Flamenco – von allen Bundesländern, die Berlin umgeben, ist Brandenburg einfach das vielfältigste.

Betrachten Sie es als Erfolg, wenn sich ein Leser durch Ihre Satire beleidigt fühlt?

Das ist das eigentliche Ziel! Damit setzt man sich natürlich auch gewissen Risiken aus. Doch damit kann ich umgehen. In meinem vorherigen Buch („Besser ein Vorurteil als gar keine Meinung“, 2012) gibt es zum Beispiel einen beleidigenden Text über Henry Maske. Bei meinen Lesungen habe ich immer erst geschaut, ob er im Publikum sitzt – und wenn nicht, habe ich den Text ohne zu zögern vorgetragen. In meinem neuen Buch beleidige ich zum Beispiel Bergsteiger, Online-Dater, Läufer, Chorsänger, Warentester, Parteienforscher, Esperantisten und Tiere. Hoffentlich ist niemand beleidigt, weil ich ihn vergessen habe.

Oft sind sie Heimat für solche Dinge wie das erste Komma-Museum Deutschlands, eine Reißzweckenmanufaktur oder die Außenstelle eines Bundesamts mit ungeklärtem Aufgabenbereich. In Reiseführern findet gelegentlich auch das Elternhaus Erwähnung von jemandem, der irgendwann mal als Bremser Sechster bei einer Vierer-Bob-Junioren-EM geworden ist oder im Wald einen besonders großen Pilz gefunden hat.

Landwirtschaftliche Flugzeuge lassen über strukturschwachen Regionen gern nicht mehr benötigte Herbizide ab. Die Proteste halten sich, da von der Grundstimmung »Ist ja eh egal« getragen, in Grenzen. Im Speckgürtel bin ich vor dem Abwurf relativ sicher, weil in der Nachbarschaft gleich mehrere ehemalige brandenburgische Landesminister leben, die in den Einsatzkarten der Flugstaffeln als geschützt eingetragen sind und nicht besprüht werden dürfen. Darum gibt es bei uns auch noch intakte Blattlausbiotope und von Schädlingen aller Art befallene Äpfel, die aussehen wie Kinderschrumpfköpfe aus einem belgischen Kolonialmuseum.

Robert Niemann geboren 1966 in Berlin-Friedrichshain, studierte Geschichte und Jura an der Universität Leipzig. Seit vielen Jahren verfasst er satirische Texte. Sein erstes Buch »Besser ein Vorurteil als gar keine Meinung« erschien 201 2 im Eulenspiegel Verlag. Quelle: privat

Doch bereits ein paar Kilometer weiter draußen gelten ganz andere Regeln! In strukturschwachen Regionen stehen am Sonntag zur besten Gottesdienstzeit noch genau drei Fahrzeuge vor der Kirche: ein älterer Kombi des Organisten, das Fahrrad des Pfarrers und ein Rollator, den sich die Gemeinde teilt. Die Bewohner leben von Transferleistungen, Flaschenpfand und davon, dass sie beim »Frauentausch « auf RTL mitmachen.

Fast immer gibt’s für solche Landstriche ein von externen Experten erarbeitetes Entwicklungskonzept. Wäre dieses befolgt worden, so wäre manches vorpommersche Hundertzwanzig-Seelen-Dorf längst weltweit führendes Wintersportzentrum, Ausrichter der Oscar-Preisverleihung oder Hauptsitz der Coca-Cola Company. Missliche Umstände und inkompetente Politiker verhindern dies jedoch regelmäßig, so dass über Jahre und Jahrzehnte hinweg Fördermittel eingesetzt werden müssen.

Schlauerweise aber natürlich so, dass der Status als strukturschwache Region und damit die weitere Förderung nicht verloren gehen. Als sehr praktisch hat sich hier der Umbau des Landratsbüros zur Festung, alternativ zum Lustschloss erwiesen, außerdem die Eröffnung einer Wasserskianlage, und zwar selbst dann, wenn sich im gesamten Landkreis bis auf ein paar Feuerlöschteiche mit dick Entengrütze drauf kein einziges Gewässer befindet.

Hinzu kommen fast flächendeckend modernste Schützenvereinshäuser und neu gestaltete Ortszentren mit einer unverständlichen Edelstahlplastik inmitten eines Wasserspiels. Im Bundesland Brandenburg, das überwiegend aus stillgelegten Truppenübungsplätzen und Paintball-Anlagen besteht, die man für seinen Junggesellenabschied mieten kann, werden strukturschwache Regionen erst mal überdacht, und dann sieht man weiter. So ist Tropical Islands entstanden, eine Großraumschwimmhalle mit Tanzshow und Zikadenzirpen vom Band. Andere Bundesländer versuchen, ihre strukturschwachen Landkreise an Nachbarländer zu verkaufen oder siedeln dort Gewerbe an, die herkömmliche Leistungen in modernem Gewand anbieten, etwa den Blowjob to go.

Services dieser Art haben wir nicht nötig. Wobei, an der Landesstraße nach Potsdam laufen seit einigen Jahren in der warmen Jahreszeit stark geschminkte junge Frauen in hochhackigen Schuhen auf und ab. Als meine achtjährige Tochter fragte, was die da eigentlich machen, klärte sie ihr drei Jahre älterer Bruder auf: »Die suchen Pilze!«

Am Ende aber helfen in strukturschwachen Regionen auch ausgefallene Dienstleistungsangebote nichts. Denn eine strukturschwache Region ist auf dem Atlas der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit das, was am männlichen Körper ab dreißig die beginnende Hinterkopfhalbglatze ist: Wenn du sie erst einmal hast, wirst du sie auch nicht wieder los.“

Robert Niemann: Niemannsland. Willkommen in der 30er-Zone. 160 Seiten, 9,99 Euro

Von Robert Niemann

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