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Ein Chanson kann eine Brücke sein

Zum Todestag von Sängerin Barbara Ein Chanson kann eine Brücke sein

Vor 20 Jahren starb die Chansonsängerin Barbara. Die Französin wurde mit ihrem Lied „Göttingen“ berühmt. Das Chanson half in den Sechzigerjahren bei der Annäherung zwischen ihrem Heimatland und Deutschland. Nun sind ihre Memoiren auch auf Deutsch erschienen.

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Barbara

Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Hannover. Der Abschied aus den Konzertsälen hat sie geschmerzt, in ihrer Existenz erschüttert: „Niemals mehr werde ich eine Bühne betreten. Ich werde nie wieder singen.“ Die Worte, mit denen die 67-jährige, französische Chansonsängerin Barbara ihre Memoiren beginnen lässt, klingen erst richtig nach, wenn man weiß, dass sie das endgültige Ende ihres ewigen Lebensmottos bedeuten: „Ich werde singen“. Monique Andrée Serf, die 1930 in Paris als zweites von vier Kindern einer jüdischen Familie geboren und sich später nach ihrer Großmutter Barbara nennen wird, wollte von jungen Jahren an auf der Bühne stehen und ihre Stimme erklingen lassen. Und sie tat es, sie sang. Berühmt wurde Barbara, die am 24. November vor 20 Jahren starb, 1964 mit ihrem Lied „Göttingen“. Dem Chanson, das wie kein zweites eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich baute.

Die Geschichte dieses Chansons beginnt in einem kleinen Cabaret in Paris, wo die Mittdreißigerin Barbara eigene Lieder wie auch Chansons von Jacques Brel oder Juliette Gréco singt. 1964 kommt der Leiter des Jungen Theaters Göttingen, Hans-Gunther Klein, nach Paris und möchte die Sängerin nach Göttingen lotsen – für ein Gastspiel in der Studentenstadt. Barbara lehnt sofort ab. Zu frisch sind ihre Erinnerungen an ihre Verfolgung als Jüdin im besetzten Frankreich. Überleben konnte sie nur in einem Versteck. „In Deutschland zu singen kommt für mich nicht in Frage“, schreibt Barbara in „Es war einmal ein schwarzes Klavier“, ihren unvollendeten Memoiren, die pünktlich zum 20. Todestag auf Deutsch bei Wallstein (200 Seiten, 18,90 Euro) erschienen sind. Barbaras Entscheidung steht und hält – genau eine Nacht. „Am nächsten Tag entscheide ich mich urplötzlich, Gunther zuzusagen, allerdings unter einer Bedingung: Ich muss auf einem schwarzen Salonflügel spielen können“, erinnert sich Barbara in ihrem Buch.

Im Göttinger Juli des Jahres 1964 kommt es dann fast zum Ende des Konzerts, bevor es überhaupt angefangen hat. Denn auf der Bühne des Jungen Theaters steht nur ein schwarzes Klavier, nicht der zugesicherte Konzertflügel. Das Problem: Seit dem Vortag streiken die Klaviertransporteure. Doch zehn Göttinger Studenten retten den Abend, sie tragen einen Flügel aus dem Wohnhaus einer alten Dame auf die Bühne.

Karriere von Barbara nimmt durch „Göttingen“ eine neue Wendung

Der Abend dann wird für Künstlerin und Publikum so wundervoll, dass sie sich entschließt, einige Tage länger zu bleiben. Sie verliebt sich in die Stadt, in die Menschen. Am Nachmittag vor ihrem letzten Auftritt verfasst sie im Garten des Jungen Theaters ein Chanson, in dem sie ihre Eindrücke der letzten Tage festhält, aber auch über die jüngere deutsch-französische Geschichte und die Möglichkeit, sich auszusöhnen, nachdenkt. Sie schreibt ihn auf Französisch, später übersetzt ihn Walter Brandin ins Deutsche. Das Lied nennt sie schlicht und einfach „Göttingen“.

In ihrem Chanson singt Barbara von den Brüdern Grimm, von den wunderschönen Rosen, die in Göttingen blühen, von deutschen Männernamen. Keine Strophe aber drückt den Wunsch nach einem neuen Miteinander so aus wie die Zeilen: „Was ich nun sage, das klingt freilich / für manche Leute unverzeihlich: / Die Kinder sind genau die gleichen / in Paris wie in Göttingen.“ Für Barbara ändert sich in diesen Tagen nicht nur ihre Sicht auf Deutschland, auch ihre Karriere nimmt durch „Göttingen“ eine neue Wendung. Das Lied wird in Frankreich ein großer Erfolg, ihr erstes wirklich eigenes Album „Barbara singt Barbara“ erscheint, ihr Chanson macht sie in ihrer Heimat zum Star. Drei Jahre später singt sie es auch auf Deutsch.

Das Chanson ist ins kollektive Gedächtnis der Franzosen eingegangen. Da es seit 2002 Teil des offiziellen Schulprogramms der Vor- und Grundschulen ist, lässt sich getrost sagen: Das Lied kennt jedes Kind. Und auch wenn es in Deutschland zumindest in der jüngeren Generation anders sein mag, ist „Göttingen“ ein Lied, das noch heute eine Brücke baut.

Als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck im Januar dieses Jahres die Ehrendoktorwürde der Sorbonne in Paris entgegennahm, begann er seine Dankesrede mit zwei Strophen aus „Göttingen“. Und fuhr fort: „Als die unvergessene Barbara 1964 dieses Lied und damit ihren mutigen Beitrag zur deutsch-französischen Aussöhnung schrieb, da waren für mich, da waren für uns alle drüben in der DDR und in den anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, Paris und Göttingen gleichermaßen sternenweit entfernt.“ Deswegen sei es wie die Erfüllung eines Traumes, nun im Herzen des alten Paris zu stehen. Und 2003 zitierte der ehemalige Göttinger Student und damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich des 40. Jahrestages des Élysée-Vertrags in seiner Rede die drittletzte Strophe des Liedes: „Lasst diese Zeit nie wiederkehren/ und nie mehr Hass die Welt zerstören: / Es wohnen Menschen, die ich liebe, / in Göttingen, in Göttingen.“ Wie verbunden die Franzosen ihrer Barbara noch immer sind, zeigt, dass in diesem Jahr zwei Erinnerungsalben erschienen sind. Eines hat der Pianist Alexandre Tharaud mit Künstlerinnen wie Jane Birkin, Vanessa Paradis und Juliette Binoche veröffentlicht. Mit Liedern wie „Ma plus belle histoire d’amour“, „Pierre“ und natürlich „Dis, quand reviendras-tu?“, hier in einer englischen Fassung, gesungen von Hindi Zahra. Für das andere hat Gérard Depardieu Songs seiner ehemaligen guten Freundin aufgenommen. In Göttingen erinnert heute eine Gedenktafel und eine Straße an die große Adoptivtochter der Stadt. Und seit 20 Jahren legt die Stadt am Todestag Blumen auf das Grab der Sängerin auf dem Cimetière parisien de Bagneux nieder. Sie lieben ihre Barbara noch immer. In Paris wie in Göttingen.

Von Kristian Teetz/RND

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