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Kultur Ein Experiment mit Folgen für die Freundschaft
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15:41 08.03.2017
Künstlich blind, taub und stumm: Die drei Freunde Bart, Jakob und David gingen im Wortsinn an ihre Grenzen. Quelle: fotos: Verleih
Potsdam

David sagt, nichts zu hören sei am härtesten. „Steck dir mal das Wachs ganz fest ins Ohr. Dann bist du isoliert!“ Es sei keine komplette Stille, eher ein Rauschen. David musste darauf hoffen, dass die Freunde ihm die Wörter, die er nicht hören konnte, in Gestik übersetzen. Oder aufschreiben. Doch dazu hatten sie nicht immer Lust. Und keine Zeit.

David hat die Taubheit für ein paar Tage simuliert – er hat einen Kopfhörer genommen, ein MP3-Player war angeschlossen, zehn Stunden Rauschen waren zu hören. Und wenn der Sound zu Ende war, ging es von vorne los. Als er die Kopfhörer abnahm, hat David vor Erleichterung geweint.

Er hat mit zwei Freunden ein Experiment gewagt, ein derart intensives, dass zwei der Freunde, Bart (jetzt 30 Jahre) und Jakob (28), sich fast entzweit hätten. Noch immer ist nicht alles ausgeräumt. David (30) selbst ist ein umgänglicher Mensch, er blickt mit Ruhepuls zurück auf jene Sommertage im Jahr 2014, die nun überstanden sind, doch seinerzeit unter der Vorgabe begonnen wurden: Wie ist es, wenn wir reihum auf die grundlegenden Sinne des Sehens, Hörens und Sprechens für eine Reise von drei Wochen verzichten?

Sie haben aus dem Selbsterfahrungstrip einen Film gemacht, ein Team von vier Leuten hat sie begleitet und drei Stunden am Tag dokumentiert. Das intensive, aufregende Werk feiert an diesem Donnerstag im Thalia-Kino Potsdam-Premiere.

Beste Dokumentation

Die Freunde David Stumpp, Bart Bouman und Jakob von Gizycki haben sich in der Dokumentation „Drei von Sinnen“ vorgenommen, abwechselnd ohne Hören, Sehen und Sprechen durch Europa zu reisen – nach dem Motto der berühmten drei Affen. Die Tour führt sie vom Bodensee an die Atlantikküste.

Die drei Freunde wechseln sich dabei wöchentlich ab und erfahren ganz unterschiedliche Strapazen: Der „Blinde“ ist stets hungrig, der „Taube“ fühlt sich sozial isoliert, das Aufeinander-Angewiesensein belastet die Freundschaft zusätzlich.

Beim Filmfestival im niederländischen Eindhoven hat „Drei von Sinnen“ den Preis für die beste Dokumentation erhalten.


Im Potsdamer Thalia-Kino ist der Film heute um 18.45 Uhr in Anwesenheit von David zu sehen, im Anschluss ist Zeit für ein Publikumsgespräch. Karten gibt es unter 0331/7 43 70 20 oder an der Kasse.

Die Idee zum Werk kam David und Bart, als sie überlegten, wohin sie damals verreisen sollten. Denn sie verreisten viel. Spät abends, als Bart schon heimgegangen war, rief er bei David noch mal an: „Reise ist auch Selbsterfahrung. Wir erfahren am meisten über uns, wenn wir auf Selbstverständlichkeiten verzichten.“ David war überzeugt. Sie fragten Jakob, ob er mitkommt. Die drei gingen los, oder trampten, manchmal nahmen sie öffentliche Busse: Richtung französische Atlantikküste. „Wir wollten vom großen ans kleine Wasser“, sagt David, denn sie brachen am Bodensee auf. Generell glaubt er: „Alle vernünftigen Reisen enden am Meer“. Er lacht.

Zum Lachen aber gab es im Sommer vor drei Jahren wenig Grund. Mitunter war die Stimmung eskaliert. Jakob zum Beispiel war an der Reihe, für ein paar Tage blind zu leben, sie klebten ihm lichtundurchlässige Pflaster auf die Augen. Er liegt auf der Isomatte. „Das regt mich abartig auf!“, ruft er. Vom Laufen ohne Orientierung ist ihm übel. Dennoch hat er Hunger, kann sich mit verklebten Augen aber nichts kochen. „Macht endlich die Scheiß-Ravioli heiß!“

Doch David kann ihn nicht hören, denn er hat die Kopfhörer mit Rauschen auf den Ohren. Bart versteht zwar, was Sebastian ruft, doch darf er nichts sagen. Also formt er mit seinen Fingern Buchstaben, um dem tauben Bart zu zeigen, was Sebastian möchte. Nichts passiert. Sebastian wird unruhig.

Diese Szene des Films ist typisch. Immer wieder kommt es wegen der Einschränkungen zum Streit, oft geht es ums Essen, der Hunger schaukelt die Probleme hoch.

„Weil ich nie richtig sehen konnte, wie viel auf dem Teller lag, war ich nie richtig satt“, sagt Jakob. Je stärker der Hunger nagte, desto größer wurde die Frage: „Kriege ich wirklich meinen Anteil?“ Später, als auch Bart sich die Augen verklebte, konnte er Jakobs schlechte Laune verstehen: „In kompletter Dunkelheit vergeht die Zeit viel langsamer. Auch für mich hat sich die Zeit zwischen den Mahlzeiten ewig angefühlt.“

David ist mit dem Wohnmobil unterwegs, um den Film in vielen deutschen Städten vorzuführen. Er stellt sich den Fragen der Zuschauer. Wenn der Saal voll wird, zeigen die Kinos den Film noch ein paar weitere Male. „Wir haben die Rechte am Werk behalten und vermarkten ihn selbst. Damit sind wir im Moment sehr ausgelastet.“ Es ernährt sie. Sie haben sich bei Festivals beworben. Ihr Film wurde nach Sydney in Australien eingeladen. Im niederländischen Eindhoven haben sie sogar den Preis für den besten Dokumentationsfilm bekommen.

David fühlt sich mit Bart und Jakob noch enger verbunden als vorher. Aber nach dem Urlaub gab es erst mal „Funkstille“, erinnert er sich. „Die Freundschaft wurde auf die Probe gestellt.“ In Potsdam kann man heute im Thalia sehen, wie die ziemlich besten Freunde an ihre Grenzen stießen.

Von Lars Grote

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