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Ein Loch buddeln von der DDR bis Australien

MAZ-Gespräch Ein Loch buddeln von der DDR bis Australien

Der ARD-Film „Zuckersand“ spielt im Falkensee der 1970er-Jahre. Regisseur und Drehbuchautor Dirk Kummer erzählt die Geschichte von zwei zehnjährigen Freunden in der DDR. Premiere feiert der Film im „Ala“-Kino in Falkensee – dem ersten Kino, das Kummer in seiner Jugend besucht hat.

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Die beiden Knirpse Fred (Tilman Döbler, rechts) und Jonas (Valentin Wessely) halten Ausschau mit dem Feldstecher. Von ihrem Posten können die Jungs bis zur Grenze sehen.

Quelle: BR/Bildarchiv

Potsdam. „Zuckersand“ erzählt von den zehnjährigen Jungs Fred und Jonas im Sommer 1979 in der DDR. Als Jonas’ Mutter einen Ausreiseantrag stellt, beginnen die Jungs ein Loch Richtung Australien durch den märkischen Sand zu buddeln. Dort wollen sich die beiden später wieder treffen.

Herr Kummer, in Ihrem Film „Zuckersand“ erzählen Sie von zwei zehnjährigen Freunden in der DDR der 1970er-Jahre. Wie viel Autobiografisches steckt in diesem Film?

Dirk Kummer: Ich erzähle keine autobiografische Geschichte, es ist vielmehr eine Mischung aus Sehnsüchten und wirklich Erlebtem. Es sind Erinnerungen von Nachbarn und Bekannten, von Leuten, die ausgereist sind, von Familienangehörigen, die in „Zuckersand“ eingeflossen sind. Ich wohnte bis zur ersten Klasse in Falkensee, dann sind wir nach Berlin in die Leipziger Straße gezogen. Ich habe immer in Sichtweite der Mauer gelebt, sogar unsere Datsche lag im Grenzgebiet. Die Mauer war ein Teil meiner Kindheit und Jugend. Deswegen ist sie auch so ein zentrales Thema in meinem Film: Die beiden Jungen spielen oft in der Nähe der Mauer.

Sie hatten nie einen besten Freund, einen Blutsbruder, wie im Film?

Nein, obwohl die Sehnsucht immer da war. Aber gleichzeitig auch die Fragen: Ist es überhaupt möglich, so eine innige Freundschaft zu haben? Wem kann man trauen? Aber das Interesse am christlichen Glauben, den Fred im Film hat, den hatte ich auch. Ich bin nicht getauft worden, aber ich fand es spannend, was die Kinder, die christlich erzogen wurden, erzählt haben.

„Zuckersand“ im Kino und in der ARD

Dirk Kummer , 1966 in Hennigsdorf (Oberhavel) geboren, ist Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler. Er studierte Regie in Babelsberg und absolvierte eine Schauspielausbildung an der Schauspielschule Ernst Busch. Er lebt in Potsdam.

Die Kinopremiere von „Zuckersand“ wird am 4. Oktober um 20 Uhr im „Ala“-Kino Falkensee gefeiert. Karten dafür gibt es nur unter folgenden Nummern: 03322/281112 und 03322/22288.

Im Fernsehen wird der Film am 11. Oktober, 20.15 Uhr in der ARD sowie am

Wie lange ging Ihnen diese Idee im Kopf herum?

Das Drehbuch gibt es seit 2003 und es sollte eigentlich ein Kinofilm werden, aber wir haben das Geld nicht zusammengekriegt. Jetzt war es endlich so weit.

Der Film feiert Premiere im „Ala“-Kino in Falkensee. Warum dort?

„Zuckersand“ spielt in Falkensee. Das „Ala“ war das erste Kino, das ich besucht habe. Es war bei uns um die Ecke. Dort habe ich „Is was, doc?“ mit Barbra Streisand gesehen und natürlich die „Olsenbande“.

Sie haben aber nicht in Falkensee gedreht?

Nein, wir haben in Tschechien, am Rande von Prag gedreht. Das war ein Glücksfall für uns, weil dort alles noch so unberührt ist. Die Geschichte spielt zwar in Falkensee, aber dort ist mittlerweile alles zugebaut und topsaniert, man findet keine Plätze mehr mit DDR-Flair der 1970er-Jahre.

Dirk Kummer ist in der DDR „mit Angst groß geworden“

Wie haben Sie den beiden Hauptdarstellern Tilman Döbler und Valentin Wessely die DDR erklärt?

Tilmans Eltern aus Baden-Württemberg sind große Ostfans und haben viel erzählt. Außerdem haben wir gemeinsam das DDR-Museum besucht, da konnte ich ihnen auch noch einiges erzählen. Und das Haus in Tschechien, in dem wir gedreht haben, war richtig bewohnbar und wir haben dort viel Zeit verbracht. Dabei ist mir wieder aufgefallen, in welcher Bescheidenheit wir damals gelebt haben. Was eine Kindheit in der DDR ausmachte, haben die beiden schnell und intuitiv begriffen durch die Tragödie, die passiert.

Sie zeigen ganz nebenbei, unter welcher Beobachtung die Menschen in der DDR standen, die latente Bedrohung ist spürbar.

Ich bin mit Angst groß geworden. Wenn in der dritten Klasse alle Schüler aufstehen mussten, bei denen zu Hause Westfernsehen geschaut wurde, dann ist man als Kind doch sehr verunsichert, guckt, was machen die anderen. Man wurde früh in die Produktion geschickt, um nah dran zu sein am Arbeiter. Dabei hat man aber auch gleich die Misere gesehen: Die Leute hatten nichts zu tun, weil Material fehlte. Ich glaube, diese Geschichten sind alle noch nicht erzählt.

Recherche in der Stasi-Unterlagen-Behörde

Filme über die DDR haben Konjunktur, wie man an „Weissensee“ oder „Deutschland 83“ sehen kann. Planen Sie schon die nächste Ost-Geschichte?

Ich recherchiere gerade in der Stasi-Unterlagen-Behörde über die Offenbach-Stuben im Prenzlauer Berg, einer Künstler-Kneipe.

Und da gibt die Behörde so viel her?

Auf jeden Fall! Sie ist ein Fundgrube für jede Menge Filme! Die IMs haben den Alltag so unglaublich detailliert beschrieben, man entdeckt die skurrilsten Geschichten. Zum Beispiel gab es Beschwerden über die schlechte Qualität des Holzes für Särge in der DDR. Es ist wohl öfter vorgekommen, dass die Leichen herausgefallen sind, weil der Boden zerbrach.

Vermissen Sie gar nicht die Schauspielerei?

Nein! Bei „Coming out“ von Heiner Carow war ich Regieassistent und musste beim Casting immer die Bewerber anspielen. Als wir nach Monaten keinen gefunden hatten, sollte ich die Rolle übernehmen. Und wenn ich nicht gespielt habe, stand ich hinter der Kamera. Später habe ich Schauspielschulen besucht, aber ich war nicht gemacht für die Bühne, mir schlotterten die Knie. Aber die Ausbildung ist hilfreich für meine Arbeit als Regisseur.

Von Claudia Palma

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