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Nachrichten Kultur Ein „Nathan“ mit Gegenwartsbezug
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14:39 09.04.2018
Ein Missverständnis zwischen dem Tempelherren (Moritz von Treuenfels) und Nathan (Jon-Kaare Koppe) sorgt für Spannung. Quelle:                                                                   HOT/HL BOEHME
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Potsdam

„Verachtet mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk? Was heißt denn Volk?“ Diese Worte legte Lessing 1779 einem Juden in den Mund. Der Sohn eines ziemlich verbohrten Pfarrers aus Sachsen eiferte nicht für das christliche Weltbild, sondern für die Vision, dass Menschen ihre religiösen, kulturellen und ethnischen Grenzen überwinden. Sein dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“, das am Freitag am Potsdamer Hans-Otto-Theater (HOT) Premiere feierte, war in der Nazizeit verboten. In den beschaulichen Nachkriegsjahrzehnten wurde das Paradestück der deutschen Aufklärung dann in gutmenschlicher Absicht in Ost und West auf alle Spiel- und Lehrpläne gesetzt, bis ein gewisser Überdruss einsetzte. Denn wer hört mitten im Leben schon gern Binsenweisheiten? Zumal wenn sie ein Mann mit angeklebtem Bart in der Pose eines Märchenonkels zum Besten gibt.

Inzwischen ist aber eine Zeit angebrochen, in der über die Kernaussage des Ideendramas wieder heftig gestritten wird. Von wegen alle drei monotheistischen Weltreligionen sind gleichwertig. Regisseur Tobias Wellemeyer bekennt: „Ich habe plötzlich das Bedürfnis, mich absolut hinter Lessing zu stellen“. So betreibt er eine Vergegenwärtigung des Stoffes – ohne routinierten Leerlauf, ohne verflachende Reflexe, ohne aufgesetztes Pathos. Sein Nathan bleibt ein Alltagsmensch, selbst wenn er die berühmte Ringparabel aufsagt. Jon-Kaare Koppe meistert die Titelfigur mit defensiver Herzlichkeit. Geduckt hockt er auf einem Haufen Trümmersteine und verfolgt nervös die Reaktionen des Sultans, der in einem Drehsessel Platz genommen hat. Nathan soll dem Herrscher erklären, welcher Glaube ihm am meisten einleuchtet und muss fürchten, für die Antwort einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Panisch überlegt er: „So ganz Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. – Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. Denn, wenn kein Jude, dürft’ er mich nur fragen, warum kein Muselmann?“

Die salomonische, mäßigende Weisheit des Nathan hat ihren Ursprung also in ängstlicher Berechnung. Er muss sich geschickt aus der Affäre ziehen. Merke: Der Toleranz-Gedanke konnte erst mehrheitsfähig werden, nachdem er von geächteten, zur Anpassung bereiten Minderheiten als Idee formuliert wurde.

Im dreiteiligen Anzug mit elegantem Cashmerehut ähnelt der Potsdamer Nathan einem Kaufmann aus Brooklyn um 1960. Er hebt sich deutlich von der Kulisse ab, einem zerschossenen Haus, wie es heute in Aleppo stehen könnte. Das Stück, das Lessing in die Zeit der Kreuzzüge in die bis heute umkämpfte Stadt Jerusalem verlegt, handelt bereits von globaler Interessenpolitik. Der Sultan im vornehmen Kaftan hält plötzlich ein modernes Schnellfeuergewehr in den Händen. Frédéric Brossier, erst seit dieser Saison im HOT-Ensemble, verleiht dem Moslemführer eine geschmeidige, moderne Aura. Die ungereimten, fünfhebigen Jamben gehen ihm leicht über die Lippen. Auch der andere Neuling, Moritz von Treuenfels, mimt den jungen Tempelherren frisch und kraftvoll. Rita Feldmeier, die Dienstälteste im Ensemble, kann als intrigante Gouvernante Daja ihrech offenkundig ist.

Bühnenbilder Harald Thor gelingt ebenfalls etwas Besonderes. Seine Kulisse fängt die Stimmung der arabischen Lebenswelt authentisch ein. Der Realismus wird durch Muezzinrufe und Kirchenglocken im Soundmix von Marc Eisenschink unterstrichen. Hinter einer drei Meter hohen, unverputzten Betonmauer lugt eine Palme hervor. Schräg angeschnitten ein aufgerissenes Haus, eine herausgerissne Stahlmatte muss die Treppe ersetzen. Ein fahrbarer Verkaufsstand auf Rädern und die Müllsäcken könnten sogar Originale aus dem Orient sein. Fehlt nur noch ein klappriges Auto, aber kurz aufheulender Motorenlärm setzt am Ende eine mörderische Pointe.

Die nächsten Aufführungen: 25. und 26. Februar, 11.,12.,17.,22. März. Neues Theater, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten unter 0331/98 118.

Von Karim Saab

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