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Nachrichten Kultur Ein Potsdambuch über alles – außer Sanssouci
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15:57 05.04.2018
Renate Wullstein ist freie Autorin seit 1. Juni 1976 bis heute. Hier beim Interview in einem Potsdamer Café Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Beim Treffen mit Renate Wullstein fängt die Autorin direkt selber an zu fragen. Interviews, sagt sie, hat sie schon immer gern geführt. Aus 25 Gesprächen der vergangenen fünf Jahre entsteht gerade ihr Buchprojekt „Alles außer Sanssouci“.

MAZ: „Alles außer Sanssouci“ ist angekündigt als Almanach, als Potsdam-Lesebuch. Womit soll es den Buchmarkt bereichern?

Renate Wullstein: Der Titel impliziert schon, dass es kein touristisches Buch ist. Es ist ein Blick hinter die Kulissen von Potsdam. Sanssouci kennt man auf der ganzen Welt, es gibt Bücher über Friedrich II, aber ich kenne keine Potsdam-Lesebücher, bis auf eins aus dem 19. Jahrhundert. Meine Idee ist, die Geschichten der Potsdamer zu erzählen, die Geschichte der Bürger der Stadt.

Inwiefern knüpft das Buch an frühere Arbeiten an?

Schon als ich in den Siebzigern anfing zu schreiben, habe ich unheimlich gern Interviews mit Leuten für eine Literaturzeitschrift gemacht, also Biografien erfragt. Ich habe auch ein Buch über Frauengeschichten aus Potsdam veröffentlicht und eins über das Café Heider herausgegeben, für das ich die Interviews aber nicht selbst gemacht habe.

Was reizt Sie an Interviews?

Jeder Mensch ist einzigartig. Für mich ist das Geschichtsschreibung, weil die Leute auch Zeitereignisse miterzählen.

Wonach haben Sie die Personen und Geschichten ausgewählt? Sind das Bekannte oder Menschen, mit denen Sie immer mal reden wollten?

Als ich 2012 die Idee zum Buch hatte, fing ich an, alle anzusprechen, die mir einfielen und interessant erschienen. Das ist auch eine Aura-Geschichte. Mein Ehrgeiz war dann, aus allen Bereichen Menschen zu finden, also Wissenschat, Kunst und so weiter. Ich habe im Laufe der Zeit auch viele Tipps bekommen, wer unbedingt mit ins Buch muss. Es gibt ein Kapitel über den letzten Fischer, eine Krankenschwester, einen Geophysiker, eins über meine frühere Chefin, die bei der Defa gearbeitet hat, Manfred Butzmann, der viele Bücher zu DDR-Zeiten illustriert hat, ist auch dabei oder ein Auswanderer, der kurz vor ‘89 abgehauen ist.

Liegt der Fokus auf Geschichten aus der Zeit vor der Wende?

Es geht viel um DDR-Zeiten, aber auch um die NS-Zeit und um das Jetzt. Mindestens die Hälfte spielt nach der Wende.

Wo und wie liefen die Treffen und Interviews mit den Protagonisten ab?

Ganz unterschiedlich. Den Syrer aus dem Kapitel „Der Einwanderer“ habe ich im Staudenhof getroffen, wo er wohnt. „Senf oder Ketchup“ handelt vom Bratwurstmann auf dem Bassinplatz. Mir ist wichtig, dass auch bedeutende Plätze und Orte der Stadt im Buch vorkommen, zum Beispiel auch das Interhotel – alle außer Sanssouci.

Inwieweit haben Sie die Interviews fürs Buch bearbeitet?

Aus den meisten Interviews habe ich Texte gemacht. Zum Teil habe ich die Leute auch selbst fotografiert. In allen Beiträgen erzähle ich aber auch immer was von meinem Bezug zu Potsdam. Die Autorin Tini Anlauff hat zum Beispiel was zu Sagen gemacht. Als Kind träumte ich wiederum immer von einer Hexe und davon habe ich Tini erzählt und so erzähle ich in jedem Gespräch auch etwas von mir. Es sind aber auch zwei Texte von Thomas Hager und Ursula Demitter im Buch, die sie selbst geschrieben haben, was auch dabei steht.

Sie veröffentlichen regelmäßig im Internet Ihren aktuellen Arbeitsstand, zuletzt das Inhaltsverzeichnis mit den Namen der Kapitel. Ist das Buch schon komplett fertig?

Es ist fertig, hat 25 Kapitel und erscheint als Softcover im Mai. Das Buch wird es aber nicht im Buchhandel geben, aber bei meinen Lesungen. Wie ich den Vertrieb organisiere, weiß ich noch nicht genau. Es wird aber auch ein Ebook geben, das ich permanent ergänze.

Das letzte Kapitel „Potsdamer Villen“ handelt von Ihrer Kindheit im Kinderwochenheim. Wie kann man sich das vorstellen?

Ich bin 1952 hierher gezogen aus Halle. Mein Vater hat Staat und Recht in Griebnitzsee studiert und wurde später Diplomat. Wir waren drei Kinder und wurden alle ins Wochenheim geschickt. Villa Schöningen. Montagfrüh hin, Freitagnachmittag wieder abgeholt. Das war so üblich und selbstverständlich, die Nomenklatura-Kinder da hinzuschicken, also Kinder von denen, die politische Elite werden sollten. Die meisten von denen sind später Oppositionelle geworden.

Wie alt waren Sie, als Sie wochentags ins Heim kamen? Und wie erinnern Sie sich daran?

Ich war da drei und habe keine schönen Erinnerungen daran, nur bruchstückhafte, dunkle. Wir sind dann 1959 weggezogen, nach Nordkorea und Berlin, wo mein Vater in der Botschaft und im Außenministerium gearbeitet hat.

Wie hat Sie Ihre Kindheit für die Erziehung Ihres Nachwuchses geprägt?

Dahingehend, niemals mein Kind wegzugeben. Nicht mal in die Krippe. Ich war freischaffend als Autorin und konnte mir das deshalb auch leisten. Ich habe mit 30 mein Kind bekommen und galt damals als Spätgebärende. Aber ich wollte nicht, dass mein Sohn neben dem Kohleofen in Berlin Prenzlauer Berg aufwächst und habe mir einen Bauernhof in Paretz gekauft. Dort ist er dann groß geworden. Und gerne in den Kindergarten gegangen.

Es gibt von Ihnen selbst ein Bild mit Ihrem Sohn 1988 beim Straßenverkauf. Was hat es damit auf sich?

Ich habe als Autorin ganz gut verdient, auch mit Reportagen und Interviews, aber dann haben wir 1984 einen Ausreiseantrag gestellt und dann war erstmal Schluss mit lustig. Danach gab es kein Geld und keine Aufträge mehr. Mein damaliger Mann war Theatermaler und sehr begabt. Wir haben im Ofen unseres Nachbarn Setzkastenkeramik gebrannt und selbst bemalt – und uns dumm und dämlich mit den Miniaturen verdient. Das ist heute nicht mehr vorstellbar.

Zu welchen Villen haben Sie außer der Villa Schöningen einen persönlichen Bezug?

Die fängt an mit der ersten Villa, in der ich in Potsdam gewohnt habe, also zumindest am Wochenende: der sogenannten Stuck-Villa am Griebnitzsee. Es hieß immer, die sei vom Rennfahrer Hans Stuck, das stimmt aber nicht, sie gehörte einem Zeitungsverleger. Es gibt ein Foto von diesem Verleger vor der Villa mit Erich Kästner. Später zogen wir in eine Villa am Wildpark West. Und durch meine Arbeit kam ich in Kontakt mit der Thiemann-Villa, mit der Löwenvilla, der Mendelssohn-Villa am Jungfernsee. Das Kapitel ist einfach meine Potsdam-Geschichte anhand von Villen erzählt, mein Schlusswort im Buch sozusagen.

Mit 15 für den Olympiakader der DDR nominiert

Geboren wurde Renate Wullstein 1952. Sie wuchs auf in Halle, lebte als Kind in Potsdam, später in Nordkorea und der Mongolei, dann in Berlin und Paretz und seit 1984 in Potsdam.

Im Alter von fünfzehn Jahren war sie als Leistungsschwimmerin für den Olympiakader der DDR nominiert und reiste nach Jugoslawien und Schweden.

Renate Wullstein ist diplomierte Sportlehrerin und hat auch schon als Nachhilfelehrerin gearbeitet.

Seit 1975 ist sie Autorin.

Von ihr erschienen bisher die Bücher „Hotelnacht“ (1991), „Die Faulheit der Frauen“ (2001) und „Stadt Land Flucht: Das ungewöhnliche Leben in der herrlich tristen DDR“ im Jahr 2016 im eigenen Verlag Schwarzdruck, den sie 1998 gegründet hatte.

Als Herausgeberin veröffentlichte sie 2006 den Band „Damals im Café Heider: Die Potsdamer Szene in den 70er und 80er Jahren“ von Martin Ahrends. Nach Erscheinen des Bandes löste Wullstein ihren Verlag wieder auf.

Weil sie in der Stadt nicht schreiben kann, arbeitet Wullstein in einem Bungalow im Wald im Landkreis Dahme-Spreewald. Außerdem hat sie einen Fernsitz in Italien.

Von Michaela Grimm

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