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Ein Stück ohne Rollen

Theaterpremiere in Potsdam Ein Stück ohne Rollen

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater eröffnete die neue Saison mit „Das schwarze Wasser“ von Roland Schimmelpfennig. Die Aufführung im großen Haus dauert nur 70 Minuten. Mit dem Theaterstück will das Ensemble für eine bessere Integrationspolitik und für soziale Gerechtigkeit plädieren. Doch gelingt das mit einem Stück, das auf eine Handlung verzichtet?

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Wie ein Breitwandhörspiel. Die Schauspieler sprechen auf großer Bühne einen Text, der vom sozialen Auseinanderdriften zwischen Deutschen und Einwanderern handelt .

Quelle: FOTO: HLBOEHME

Potsdam. Dem Leser eine Vorstellung von dieser Premierenvorstellung zu vermitteln, ist eine etwas theoretische Angelegenheit. Auf der Bühne des Hans-Otto-Theaters in Potsdam steht eigentlich ein Text. Die Ankündigung formuliert das Thema des Textes erschöpfend: „20 Jahre später sind die Deutschen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sind Anwälte, Zahnärzte, Politiker und Schuldirektoren; ihre türkischen Gegenüber sind am Rand geblieben, wo sie waren: als Imbissbesitzer, Zahnarztassistentinnen und Kassiererinnen im Supermarkt.“

Die sieben Ensembleschauspieler im Neuen Theater verkörpern keine Figuren, sondern transportieren Text und Thema in scheinbar willkürlich gesplitteter Rede. Es hätten auch vier Schauspieler sein können oder zehn. Und wenn nur ein Sprecher „Das schwarze Wasser“ von Roland Schimmelpfennig vorgetragen hätte, wäre es vielleicht sogar einfacher gewesen, den vielen Worten zu folgen.

Das Wort „texere“ bedeutet im Lateinischen „weben“ und „flechten“. Wortgruppen und Sätze, wörtliche Reden und Schilderungen des Autors werden von Regisseur Elias Perrig auf drei Frauen und vier Männer verteilt. Und die teilen sich die breite und leere Bühne mit acht Plastikstühlen.

Einige Figuren schälen sich im Laufe der 70-minütigen Aufführung dann doch schemenhaft heraus. Christoph Hohmann mit Sonnenbrille und Schnauzbart wird wohl dieser Nachtwächter sein, von dem manchmal die Rede ist. Der ehemalige Zeitsoldat ließ vor 20 Jahren die Jugendlichen gewähren, die über den Zaun des Großstadt-Schwimmbads geklettert sind, um gemeinsam Spaß zu haben. Frank, Freddi, Olli und Kerstin kamen von der Seite, wo die alteingesessenen deutschen Familien wohnen. Leyla, Aishe, Murat und Karim von der anderen Seite, wo türkischstämmige Familien in Sozialwohnungen eine neue Heimat gefunden haben.

Der Schauspieler Eddie Irle in Anzug mit breitem Schlips könnte dieser Frank sein, von dem es heißt, dass er in wenigen Tagen Minister wird. Nach 20 Jahren trifft er Leyla wieder, die gerade einen harten Tag als Supermarkt-Kassiererin hinter sich hat. Der Zuschauer möchte sie in Larissa Aimée Breidbach erkennen.

Der Autor

Roland Schimmelpfennig , geboren 1967 in Göttingen, gilt als der meistgespielte deutsche Dramatiker der Gegenwart. In mehr als 40 Ländern sind seine Stücke bereits aufgeführt worden. Maßgeblich geprägt wurde Schimmelpfennig durch den 2009 verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch, der seine Stücke uraufführte.

„Das schwarze Wasser“ war eine Auftragsarbeit, die der Autor 2014 während eines Aufenthaltes auf Cuba schrieb. Die Uraufführung fand im Januar dieses Jahres am Nationaltheater Mannheim statt. Die Textvorlage erlebt in Potsdam ihre zweite Inszenierung. Als handelnde Personen sieht der Autor „Eine Gruppe von Männern und Frauen“ vor.

Dass sich zwei diametral entgegengesetzte soziale Milieus als Teenager bei illegalen Schwimmbad-Partys einmal sehr nahe gekommen sind, scheint als Motiv in der Luft zu liegen. Denn genau so beginnt auch der etwa zeitgleich erschienene autobiografische Roman „89/90“ von Peter Richter. In seinem Falle schützte der gemeinsame Erlebnisvorrat nicht davor, dass sich die Dresdner Jugendlichen später als Nazis und Linke heftige Straßenkämpfe liefern.

Aber wie lassen sich derartige gesellschaftliche Konflikte mit den Mitteln des Theaters erzählen? Schimmelpfennig verzichtet im Sinne des „postdramatischen Theaters“ auf eine Handlung und auf Identifikationsfiguren. Die Potsdamer Aufführung ist nicht mehr als ein Breitwandhörspiel. Wird das Thema wenigstens argumentativ unterfüttert? Nein, der Text trägt eigentlich nur Klischees zusammen. Das Dossier in einer guten Tageszeitung (oder schon ein Blick ins Programmheft, in dem der Grünen-Politiker Cem Özdemir kurz seine Bildungsbiografie umreißt) können den Theatergänger viel differenzierter für die Problematik aufschließen. Und wird das Thema wenigstens sinnlich vertieft? Ja, sprachlich vermag der Text durchaus zu fesseln. Eigentlich leistet er eine triftige und hochpoetische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zeit. Den Zuhörer ergreift ein Gefühl wie bei einem Klassentreffen. Es geht um die Wandlungsfähigkeit des Menschen und um seine Beständigkeit. Es geht um die große Frage, ob sich Segen oder Fluch der Geburt überwinden lassen. Der Text und seine geradlinige Umsetzung liefern dabei eine aufrüttelnde Behauptung: Es gibt keine Figur, die dem müden Gang der Dinge entkommt, die an ihrem eigenen Schicksal beteiligt wird.

Der Text geht davon aus, dass sich eine Supermarkt-Kassiererin als gescheitert betrachten muss und ein Minister das große Los gezogen hat. Glück war es, gemeinsam im nachtschwarzen Wasser gebadet zu haben.

Das pralle Leben wird nur behauptet. Der Theaterabend bleibt intellektuelle Erörterung und Aufbereitung einer eindimensionalen These. Man kann es mutig nennen, aber auch verwegen, die neue Spielzeit mit diesem Text im Großen Haus zu eröffnen. Das Hans-Otto-Theater will so für eine bessere Integrationspolitik und für soziale Gerechtigkeit plädieren.

Nächste Aufführungen: 26., 27. September, 19.30 Uhr. Neues Theater, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten unter 0331/98118.

Von Karim Saab

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