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Kultur Ein Träumer in einer Welt des Überflüssigen
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18:28 06.10.2017
Dichter Durs Grünbein ist Beobachter des Realen. Quelle: dpa
Potsdam

Der Komponist Giuseppe Verdi schrieb eine Fuge, wenn er sich ausgebrannt fühlte. Tschaikowski hingegen dachte an seine Gage und schindete so Noten. Was aber tut Durs Grünbein? „Immer, wenn mir nichts einfällt, mach ich den Abwasch“, schreibt er in seinem Gedicht „Innere Leere“. Und er wäscht verdammt oft ab, wie er in den folgenden Versen gesteht. „Mein Kopf ist ein Kognakschwenker. Der letzte Tropfen/ Verdunstet bei Sonnenaufgang. Es ist, als hätte ich nie/ Eine Zeile geschrieben. Vielmehr, sie sind alle vergessen.“

Schon als Junge flüchtete der 1962 in Dresden geborene Grünbein vor dem Alltag der DDR in eine Welt der Verse. Nie aber war der Verdruss so groß wie im neuen Buch. Gedichte dienen ihm als „Zündkerzen“, um das profane Leben in dieser „Bananenrepublik des Banalen“ zu meistern. „Das Inferno des täglichen Terrors, den Triumph/ Dieser Tauschwirtschaft, die alles trügerisch macht/ Alles in Produkte verwandelt/ Die Orte entleert.“

Das Gehirn ist kein Bunker

Der Enthusiasmus der jungen Jahre aber ist verflogen. „Wie lebt es sich, Träumer, in einer Welt/ So vieler überflüssiger Dinge“, heißt es da. Und „was, wenn Stille das letzte Wort behält?“

Er sei „Misanthrop aus Geselligkeit, aus Einsamkeit Humanist“, schreibt er über sich, aber der inneren Emigration seien Grenzen gesetzt, das Gehirn sei „kein Bunker“, wenn draußen auch Krieg herrsche.

Nicht mal mehr Rom, diese „Insel der verdichteten Zeit“, wo Grünbein seinen zweiten Wohnsitz hat, bleibt ihm inzwischen noch als letzte Zuflucht. Sind doch auch da schon die Auswirkungen der „Krise, des Konsumrauschs und der Korruption“ nicht mehr zu übersehen.

Meterhoch Unkraut. Inseln von Plastikmüll. Im Park liegen „wie Breughels Bauern“ unter Pinien verstreut Afrikaner. „Stolze Menschen im Grunde, doch nutzlos/ In ihrer Verborgenheit, von zwei Augen punktiert/ Die glühten noch lange nach, wenn man sie traf/ Wie im Traum das Meer, das sie hertrug/ Das Meer zwischen ihnen und uns.“ Es hat schon etwas Manisches.

Es fehlt an Geheimnissen

Alle ein, zwei Jahre bringt Durs Grünbein ein neues Buch heraus. Bei dem einen oder anderen Gedicht wünscht man sich, er möge sich ein wenig mehr Zeit lassen. Vieles wirkt zu direkt, birgt kein Geheimnis mehr. Die Grenze zwischen Lyrik und Prosa verschwimmt. Doch das muss nicht unbedingt ein Manko sein, sondern kann auch als Qualität begriffen werden.

Grünbeins Verse sind alltagstauglich. Sie sind für jeden verständlich. Hier versteckt sich einer nicht hinter kunstvollen Ellipsen und vertrackten Zeilensprüngen, sondern begreift Gedichte als Lebensspeicher, in die er wie in ein Tagebuch sein Befinden, Gedanken und seine Beobachtungen hineinschreibt. Durs Grünbein selbst spricht in den ersten Strophen vom „Buch seiner täglichen Schwächen“.

Bilder zeigen, was es heißt, alt zu werden

Anders als früher, verzichtet er in den neuen Gedichten weitestgehend aufs klassische Vokabular. Nur noch selten wird Latein gesprochen. Das kommt den Texten entgegen, wirken sie dadurch doch nicht mehr so philisterhaft.

Mag auch nicht jede dieser Zündkerzen zünden und manche in sich verglühen, so gibt es doch wunderschöne Bilder. Etwa wenn Durs Grünbein von den vergilbten Zirkusplakaten am Rand einer italienischen Kleinstadt erzählt: „Hier hat die Zeit, für ein süßes Weilchen, gebrannt/ Wie das Gras, die Autoreifen am Parkplatzrand/ Schon blättern die alten Plakate ab. Die Kinder/ Die damals im Zirkus lachten, sind heute Beamte.“ Oder wenn er als Vater verstummt vor dem Regal mit Büchern sitzt, in denen „Die Zeit der Toten“ gehütet wird, und im Zimmer seiner „Teenager-Tochter“ unterm Bett die leere Durex-Kondomverpackung findet. Dann fühlt man als Leser ganz unmittelbar, was es heißt, alt zu werden.

Info: Zündkerzen von Durs Grünbein. Gedichte Suhrkamp, 150 Seiten, ISBN 978-3-518-42753-8

Von Welf Grombacher

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