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Nachrichten Kultur Ein Weltrekord, den die DDR verhinderte
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09:18 15.03.2017
Der Kugelstoßer Rolf Oesterreich (l.) nach einem Wettkampf 1975 bei der Siegerehrung. Quelle: Archiv
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Berlin

„Beste Absichten“ heißt der neue Roman von Thomas Brussig, der am Donnerstag herauskommt. Neben der Hauptgeschichte über eine faszinierende Ostberliner Band enthält das Buch drei authentische DDR-Geschichten. Eine davon handelt von dem sächsischen Kugelstoßer Rolf Oesterreich und dessen nicht anerkanntem Weltrekord. Die MAZ veröffentlicht eine Passage vorab:

Am Sonntag, dem 12. September 1976, schien über Zschopau die Sonne. Ein Spätsommertag, wie geschaffen für einen Spaziergang oder einen Ausflug in die nähere Umgebung am Fuße des Erzgebirges. Im Zschopauer Stadion, das in Wahrheit nur ein Sportplatz war, fanden die Leichtathletik-Bezirksmeisterschaften statt. Obwohl solche Wettkämpfe kaum Publikum haben, hatten sich an diesem Tag etwa zweihundert Zuschauer in einer Stadionkurve eingefunden. Der Kugelstoßer Rolf Oesterreich wolle, so hieß es, den Weltrekord brechen, der bei genau 22,00 Metern stand.

Oesterreich war ein Ausnahmeathlet. Anders als alle anderen Weltklasse-Kugelstoßer kam er nicht als Hüne daher. Wegen seiner 1,80 Meter blieb ihm ein „Sportclub“ mit den hervorragenden Trainings- und Dopingmöglichkeiten verwehrt. Doch als Autodidakt hatte er sich binnen eines Jahres eine Technik aufgedrückt, die auf der ganzen Welt lediglich zwei Athleten beherrschten – die Drehstoßtechnik. Da Oesterreich zu keinem der beiden einen Kontakt herstellen konnte, half ihm nur seine Intuition und die Fotosequenz eines Sportfotografen.

Thomas Brussig

1964 in Berlin geboren, erlebte Thomas Brussig mit seinem zweiten Roman „Helden wie wir“ 1995 seinen Durchbruch. Es folgten „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (1999), „Wie es leuchtet“ (2004) und „Das gibts in keinem Russenfilm“ (2015).

Für das Musical „Hinterm Horizont“ schrieb Brussig 2011 im Auftrag von Udo Lindenberg die Vorlage. Im Jahr 2000 legte er an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg sein Diplom als Film- und Fernsehdramaturg ab.

Im neuen Roman geht es um eine Kellerband, die die Wende nicht übersteht. Er enthält auch drei gesicherte Geschichten wie jene über Rolf Oesterreich.

Thomas Brussig: Beste Absichten. S. Fischer, 190 S., 18 Euro.

Bei den Trainern des DDR-Spitzensports war die Drehstoßtechnik verpönt, weil sie als so anspruchsvoll galt, dass ein Kugelstoßwettbewerb in Drehstoßtechnik einer Lotterie glich: Kleinste Fehler wirkten sich verheerend auf die Weite aus. Diese Streuung beleidigte offenbar eine Mentalität, die von Plan und Planerfüllung lebte. Zu den Olympischen Spielen in Montreal wurde Rolf Oesterreich nicht mitgenommen, obwohl er zuvor mit 21,45 Metern eine Weite gestoßen hatte, die Weltklasse war. Sie lag auch deutlich über der Weite, mit der in Montreal die Goldmedaille gewonnen wurde, nämlich 21,05 Meter. Da der Olympiasieger allerdings Udo Beyer hieß und aus Potsdam kam, musste niemand der DDR-Sportoberen das Gefühl haben, etwas falsch gemacht zu haben.

Die Bezirksmeisterschaft in Zschopau war keine sieben Wochen danach. Dass Oesterreich in einer eigenen Liga antrat, wurde schon beim Einstoßen klar. Die Kugeln der Athleten hinterließen nach ihrer Landung kleine Mulden, und diese Mulden ballten sich bei zwölf, dreizehn Metern. Es gab ein weiteres, viel kleineres Nest an Mulden, das deutlich dahinter lag. Und das stammte allein von Rolf Oesterreichs Kugel.

Thomas Brussig Quelle: Jim Rakete

Der Wettkampf begann. Beim ersten Versuch spürte Oesterreich eine Berührung seiner Schuhsohle mit der Oberkante des Balkens, und weil sich daraus nur ein ungültiger Versuch entwickeln konnte, nahm Oesterreich die Kraft aus dem Stoß. Dennoch landete die Kugel weit hinter dem letzten der Kreidebögen, und die Kampfrichter konnten der Versuchung nicht widerstehen, auch diesen ungültigen Versuch zu vermessen. Es war irgendwas um einundzwanzigeinhalb Meter, was bedeutete, dass Oesterreich auch mit gezügelter Kraft weiter gestoßen hatte als der Olympiasieger.

Das allgemeine Interesse war Rolf Oesterreich spätestens jetzt sicher, und seinen zweiten Versuch sah jeder, der im Stadion war: Zuschauer, Sportler, Kampfrichter und Trainer. Jeder schaute in die Kurve, wo das Kugelstoßen stattfand. Der Mann im Ring spulte den für das Auge ungewohnten, aber doch raffinierten Bewegungsablauf ab, den er nicht nur auf dem Sportplatz Tausende Male geübt hatte, sondern auch an einsamen Bushaltestellen oder in unbeobachteten Tordurchfahrten.

Jeder im Stadion spürte, dass jetzt etwas geschieht, was von einer Magie ist, wie sie nur der Sport bereithält.

Nach einer Kraftexplosion, begleitet von einem Schrei, flog die Kugel. Sie flog länger, als je eine Kugel in der Luft war, und sie landete bei 22,11 Meter. Der Versuch war gültig. Jubel brandete auf, und am lautesten jubelte Rolf Oesterreich. Der erträumte Weltrekord war Wirklichkeit. Doch er wurde behandelt, als hätte es ihn nie gegeben.

Schon bei der Siegerehrung sagte der Stadionsprecher bloß, dass Rolf Oesterreich „mit einer sehr guten Weite“ gesiegt habe, und als Rolf Oesterreich am Abend in einem Zwickauer Biergarten bei der Schilderung seines Weltrekords als Lügner und Großmaul dastand, weil die Sportnachrichten nichts darüber gebracht hatten, wurde ihm bewusst, dass er keinen Beweis hatte. Die Presse verschwieg Oesterreichs Leistung, und die Sportfunktionäre unterließen es, seine Weite beim Weltverband als Rekord einzureichen. Stattdessen tauchten haltlose Gerüchte von einer angeblich regelwidrigen Kugel auf – obwohl die Kugel den Zschopauer Kampfrichtern am Vormittag des Wettkampftages vorgelegt und nach der üblichen Prüfung für den Wettkampf freigegeben worden war, weil sie dem Reglement entsprochen hatte.

Zudem wurde Rolf Oesterreich nun ganz aus dem Wettkampfbetrieb gedrängt. Schon die gesamte Saison über waren ihm Startgenehmigungen für jene Wettkämpfe versagt worden, bei denen er die Kugelstoßer der privilegierten Sportclubs hätte besiegen können. Oesterreich spürte, dass er den Schikanen auf Dauer nicht würde standhalten können. Hatte er, der Autodidakt, überhaupt Verbündete? Rolf Oesterreich fühlte sich stark genug, es mit einer 7,25 kg schweren Eisenkugel aufzunehmen – aber nicht mit einem Staat. Als ihm bei einem der Sportclubs, die ihn als Athleten nicht haben wollten oder durften, eine Trainerstelle angeboten wurde, griff er zu – wohl wissend, dass damit seine Laufbahn als aktiver Sportler naturgemäß zu Ende war.

Rolf Oesterreich im MDR-interview Quelle: Screenshot/MDR

Rolf Oesterreichs Wettkampfhistorie in der Drehstoßtechnik verzeichnet nur vier Wettkämpfe mit insgesamt fünf gültigen Versuchen, wovon kein einziger unter 20 Metern lag. Ein Athlet, der in seinen so raren Auftritten durchweg so hochkarätige Ergebnisse erzielte, ist in der Sportgeschichte vermutlich ohne Beispiel. Obendrein war Oesterreich ein sauberer Athlet in einer dopingverseuchten Disziplin. (In den vierzig Jahren nach dem 12. September 1976 hat es wohl nur einen einzigen sauberen Athleten gegeben, der weiter als jene 22,11 Meter stieß.)

Nach der Wende forderte Rolf Oesterreich, dass die 22,11 Meter Eingang in die offiziellen Statistiken finden. Doch er scheiterte an bürokratischen Vorbehalten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes DLV, und jeden Abend um 22 .11 Uhr erinnert die Digitaluhr Rolf Oesterreich an den Weltrekord, der ihm gestohlen wurde.

Von Thomas Brussig

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