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Ein äußerst intelligenter Wenderoman

Prosa Ein äußerst intelligenter Wenderoman

Thomas Wendrich hat sich bisher als Drehbuchschreiber einen Namen gemacht. Bei seinem ersten Roman lag es nahe, eine Figur zu erfinden, die sich zurückzieht, um ein Drehbuch zu schreiben. In dem Buch „Eine Rose für Putin“ wird ein Kriminalfall aus der DDR in die Gegenwart projiziert. Warum das Buch unbedingt lesenswert ist, auch wenn der Autor am Ende dem Irrsinn verfällt.

Potsdam. In der Uckermark ist viel Platz – auch für Gedanken. Für gedankliche Ausschweifungen sogar, die dann wiederum in eine einleuchtende Ordnung gebracht werden wollen. Denkbar also, dass sich ein Autor und ein Filmregisseur hierher in Klausur begeben, um einen Stoff zu entwickeln.

Am Ende ist ihr abgeschiedenes Landhaus bis auf die Grundmauern abgebrannt. Die Figur Johann Stadt hat einen interessanten Kriminalfall erfunden und gelöst. Obendrein hat er auch noch mehr über seine eigene Herkunft erfahren. Aber über die Inszenierung des erzählerischen Abenteuers ist er selbst irre geworden.

Der Roman „Eine Rose für Putin“ handelt unmittelbar an der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Sein leibhaftiger Autor Thomas Wendrich gibt sich in postmoderner Manier als Herausgeber aus, der von einem alten Schulfreund 70 beschriebene Blätter geerbt haben will, die er nun postum veröffentlicht.

Die wilde, in ihren Grundzügen aber durchaus realistische Story spaltet sich bald in mehrere Stränge auf. Am Anfang steht die Idee, eine bislang unaufgeklärte Kindesentführung zu einem historisch angelegten Spielfilm zu verarbeiten. Grundlage ist eine Meldung aus der Sächsischen Zeitung vom 17. Juni 1985. An dieser Stelle unterläuft Wendrich ein Schnitzer, denn die Nachricht vom Wiederauffinden eines einjährigen Kindes, das sich allerdings nicht als das gesuchte Mädchen Rose erweist, wird mit den drei Buchstaben dpa gekennzeichnet. In der DDR gab es aber nur die Nachrichtenagentur ADN.

Autor und Filmregisseur im Buch kommen bald überein, den Fall besser in die Gegenwart zu verlegen. Denn „die Gegenwart steigert die Glaubwürdigkeit und überträgt die Spannung in die sozialpolitische Realität unseres Landes“. Bei den Ermittlungen 1985 endete die Spur in Dresden am Tor einer „Kaserne der Freunde“. Dahinter residierte der Militärische Geheimdienst der Sowjetarmee, dessen Leiter damals Wladimir Putin hieß. Heute steht „das System Putin“ kaum für Rechtsstaatlichkeit, was die Autoren frohlocken lässt: „Das Dunkle bleibt erhalten. Die Gefahr ist plausibel, sobald der Name Putin fällt.“

Flugs erfinden sie also zeitgemäße Figuren, Beweggründe und Umstände. Eine kleine Marie wird in einem Kaufhaus aus dem Kinderwagen gestohlen und bald darauf ein ausgesetztes leukämiekrankes Mädchen gefunden, das auf russische Laute reagiert.

Der Leser ist sofort bereit, mit den beiden leiblichen Müttern mitzufiebern. Die deutsche Familie ist allerdings nicht ganz unverdächtig, da der Großvater geschäftliche Verbindungen nach Russland unterhält. Natürlich ist alles noch viel komplizierter und für den Leser auch ertragreicher, als hier dargestellt werden kann. Unterm Strich gelingt Thomas Wendrich ein hochintelligenter Wenderoman. Und eine Prosa, das der schimärenhaften Macht des Erzählens fabelhaft huldigt.

Von Karim Saab

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