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Kultur „Ein fleischgewordener Eiffelturm“
Nachrichten Kultur „Ein fleischgewordener Eiffelturm“
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07:12 20.04.2018
Eine Szene aus dem Depardieu-Comic. Quelle: Reprodukt
Paris

Er ist unerträglich. Cholerisch, selbstbezogen, obszön. Und doch umschwänzeln ihn alle und fürchten ihn, denn er ist ein Star und eine Autorität zugleich. Außerdem gibt es da ja auch noch die anderen, liebenswerten Seiten des Gérard Depardieu. Er ist großzügig, humorvoll, radikal ehrlich. Eine Wucht von einem Mann. Unersättlich, furchteinflößend – unnachahmbar. Oder mit den Worten des Comiczeichners Mathieu Sapin: „Ein fleischgewordener Eiffelturm.“

Sapin weiß es wohl besser als andere: Er hat den französischen Schauspieler über fünf Jahre hinweg immer wieder auf Reisen unter anderem nach Aserbaidschan, Portugal und Bayern begleitet, aus der Nähe beobachtet und mitgezeichnet. Aus diesen Skizzen und Notizen entstand ein unterhaltsamer Comicroman (Graphic Novel), der nun auch in deutscher Sprache erscheint. „Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“, lautet der Titel.

Szene aus dem Comic. Quelle: Foto: Reprodukt

Es ist der Versuch, sich einem Mann zu nähern, der wie wenige andere weltweit das französische Kino und Savoir-vivre verkörpert; der aber – ähnlich wie seine Kollegen Alain Delon oder Brigitte Bardot – mit politisch unkorrekten Provokationen einen Teil seiner Landsleute verschreckt. In die Phase zwischen 2012 und 2016, in der Sapin Depardieu begleitete, fällt die Zeit, in der der Schauspieler erzürnt über die Steuererhöhungen der sozialistischen Regierung von François Hollande ankündigte, seine Besitztümer in Frankreich zu verkaufen und das Land zu verlassen.

„Erbärmlich“ nannte dies der damalige Regierungschef Jean-Marc Ayrault – was Depardieu erst recht dazu veranlasste, die russische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Anfang 2013 überreichte sie ihm sein Freund, Präsident Wladimir Putin, persönlich. „Du gehst der ganzen Welt auf die Nerven und du hast Recht damit“, sagte Depardieu laut Comic zu Putin. „Schau dir doch die ganzen Idioten an, die sich Baschar Al-Assad vom Hals schaffen wollen, da siehste ja, was dabei rauskommt!“ Auf Josef Stalin, den er bei einem Besuch in Moskau einen „großen Staatschef“ nennt, ohne sich um die verwirrten Blicke der anderen zu scheren, spricht er einen Toast aus.

Sapin befasst sich intensiv mit dem ambivalenten Verhältnis zwischen dem berühmten Schauspieler und seiner Heimat. Einerseits wollte er Frankreich verlassen, andererseits verkörpere Depardieu sein Land, so Sapin: „Den Sinn für gutes Essen zum Beispiel. Der Gallier schlechthin.“ Der Bruch mit Frankreich beruhe auf einem Missverständnis: „Ich denke, dass die Franzosen ihn mögen, und ich denke auch, dass er Frankreich mag.“ Tatsächlich seien nach Erscheinen des Comicromans in Frankreich viele auf ihn, Sapin, zugekommen, um ihm zu sagen, dass ihnen Gérard Depardieu nach der Lektüre sympathischer war als zuvor.

Wer das Buch liest, sollte zumindest keine Aversion gegen ihn haben, denn alles dreht sich um ihn – und zwar nicht den einstigen Beau, der in Klassikern wie „Die Ausgebufften“ oder „Die letzte Metro“ spielte. Sondern den heutigen Exzentriker mit der umfangreichen Wampe gemäß seiner Rolle als „Obelix“, der in Hotels Handtücher klaut und ständig nach der nächsten Ausschweifung sucht.

... und Schauspieler und Comiczeichner in echt. Quelle: Reprodukt

Gutmütig lässt er sich auf Selfies ablichten, ob von den Arbeitern einer Offshore-Plattform auf dem Kaspischen Meer oder von Polizisten. „Ich komme mir vor, als würde ich ein wildes Tier beobachten“, lässt sich Sapin selbst im Comic sagen, der ihn in die Sauna, in Luxushotels und in rustikale Wirtshäuser begleitet. Klein und unscheinbar zeichnet er sich selbst, wie er neben dem wuchtigen Schauspieler mit der markanten Nase hertrottet, der am liebsten im Slip herumläuft. „Alles, was Gérard macht, macht er exzessiv.“ Wie ein Kleinkind braucht er ständig Aktion und kitzelt – einfach zum Spaß – schon mal den Fahrer, während dieser bei 200 Stundenkilometer die Straße entlangbrettert. Mehr als einmal bangte der Zeichner während der turbulenten Fahrten an der Seite von Depardieu um sein Leben. Dennoch stellt Sapin, der zuvor Dokumentar-Comics über die Tageszeitung „Libération“ und über Präsident Hollande im Élysée-Palast gemacht hatte, den heute 69-Jährigen als paradoxe Persönlichkeit dar. So sehr er auch um sich selbst kreise, nichts in seinem Umfeld entgehe ihm. Depardieu gibt auch preis, dass er unter seiner harten Kindheit als drittes von sechs Kindern litt, das den Abtreibungsversuch seiner Mutter überlebte und nie Anerkennung von seinem Vater bekam. Zumindest er selbst nimmt sich an. „Ich hab viele Macken. Und ich kenn sie alle (na ja, fast)“, sagt Depardieu, während er seine riesige Portion Fischsuppe schlürft. „Mit manchen Macken bin ich eher nachsichtig. Und anderen fröhne ich. Mit Vergnügen!“

Mathieu Sapin: Gérard: „Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“. Aus dem Französischen von Silv Bannenberg. Reprodukt-Verlag, 160 Seiten, 24 Euro

Von Birgit Holzer

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