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Ein interessanter Jahrgang

Theatertreffen Ein interessanter Jahrgang

Tränen, Nebelringe und Ohrstöpsel. Das 54. Theatertreffen präsentierte acht Bühnenarbeiten, die das konventionelle Theater in Frage stellen. Welche Wege geht das Regietheater? Eine Bilanz.

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So stellt sich Ersan Mondtag das künstliche Paradies vor.

Quelle: Birgit Hupfeld

Berlin. Wie sieht und deutet das Theater die Gegenwart? Und wie reagiert die Gesellschaft auf das Theater? Die Berliner Festspiele betreiben alljährlich einen enormen Aufwand, um die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ermitteln und zusammenzutrommeln. Am Sonntag ging in Berlin das 54. Theatertreffen zu Ende. Und wie beim Wein stellt sich die Frage: Was war das für ein Jahrgang?

Drei Glücksmomente: Das Schauspiel Dortmund brachte am Eröffnungswochenende einen Ohrwurm mit nach Berlin, der die intellektuellen Ohren einmal nicht beleidigte, sondern erwärmte. Das Lied „In a Manner of Speaking“ von der amerikanischen New-Wave-Band „Tuxedomoon“, das immer wieder aus dem Off erklang, übertrumpfte am Ende das überladene Großspektakel von Kay Voges. Aber auch die Anordnung der Aufführung in einer Fabrikhalle wird im Gedächtnis bleiben. Die Zuschauer blickten in einen verbauten Innenraum, um den die „Die Borderline Prozession“ stundenlang kreiste.

Bei „Five Easy Pieces“ von Milo Rau war jede der 90 Minuten erhellend. Der behutsame Ton, mit dem hier fünf flämische Kinder und ein Erwachsener auf kleiner Bühne die brutalen Morde des Mädchenmörders Marc Dutroux nachstellen, ließ den Zuschauern viel Raum für Assoziationen und Gedanken. Filmische Einspieler, ebenfalls Kopien des realen Geschehens, ziehen in die Inszenierung einen subtilen doppelten Boden ein. Die Akteure schaffen es, nicht nur die Grundvoraussetzungen des Theaterspielens abzuklopfen, sondern demonstrieren sogar Katharsis. „Du bist nicht wirklich verliebt oder tot, wenn du das spielst“, erklärt der Filmregisseur den Kindern. Ein Junge, der den Vater eines ermordeten Mädchens darstellen soll, malt sich mit einem Mentholstift zwei Striche unter die Augen, damit ihm vor laufender Kamera zwei dicke Tränen über die Wangen laufen. Nach dem Durchleben dieser unsentimental dargebotenen Tragödie werden auch die Zuschaueraugen feucht.

Die Inszenierung „Traurige Zauberer“ vom Staatstheater Mainz erweist sich dagegen als fein gearbeiteter atmosphärischer Schnickschnack. Hier staunt der Zuschauer nicht schlecht, wenn eine Nebelmaschine Nebelringe in den Raum jagt.

Drei Zumutungen: Nur bei einer Aufführung mischten sich Buhrufe in den stets kräftigen Beifall. Auf Polarisierung hat es der 30-jährige Newcomer-Regisseur Ersan Mondtag aber auch abgesehen. Eine gefühlte Ewigkeit lässt er in „Die Vernichtung“ den Techno-Sound so weit aufdrehen, dass auch die am Eingang verteilten Ohrstöpsel kaum helfen. Vier pseudonackte Schauspieler bewegen sich auf der Bühne wie stereotype Figuren in einem Computerspiel, die darauf warten, angeklickt zu werden. Unsynchron zu ihren Verrichtungen labern sie über Drogen, Bizeps oder hängen apokalyptischen Zerstörungsfantasien nach. Auf der unerfüllten Suche nach einem Orgasmus betäuben sie sich. Die Künstlichkeit heutigen Lebens ist Mondtags Thema.

Um das reale Überangebot an Reizen, Informationen und Welterklärungsmodellen zu kritisieren, greifen viele Theatermacher zu eben jenen Mitteln und spiegeln das Chaos auf der Bühne. Das Theater Basel unter Simon Stone überschrieb die „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow mit Nichtigkeiten, wie sie in heutigen Dialogen angeblich vorherrschen. Nicht nur der Provokateur Ersan Mondtag arbeitet mit extremer Lautstärke, krassen Lichteffekten und viel Nebel, auch die bereits erwähnte „Borderline Prozession“ und die Inszenierung „89/90“ vom Schauspielhaus Leipzig setzen auf nichts anderes als den demonstrativen Overkill auf der Bühne. Die Dramatisierung einer Vorlage, die vor 20 Jahren noch als unspielbar gegolten hätte, verweist auf die anhaltende Abwesenheit zeitgenössischer Dramatik für die große Bühne. Leipzig fabrizierte deshalb ein szenisches Oratorium, das viele Stilelemente aneinanderreiht und die Unerzählbarkeit der Welt miterzählt. Regisseurin Claudia Bauer wurde übrigens in Berlin Opfer einer denkwürdigen Zensurmaßnahme von Seiten der Festival-Leitung. In der zweiten Aufführung wurde das Wort „Nigger“ gestrichen. Wenn man so will, werden die Nazis, die sich in der Nachwendezeit dieser diskriminierenden Vokabel bedient haben, damit verharmlost.

Das englischsprachige Trio „Forced Entertainment“ möchte in seiner Performance „Real Magic“ den Zuschauer ganz bewusst nerven, wenn es die kurze Szene einer Fernsehshow unzählige Male in oft nur unerheblichen Abweichungen wiederholt. Die gefühlte Zeit der einstündigen Aufführung war deshalb auch doppelt so lang. Dass bei einem Festival des deutschsprachigen Theaters zwei von zehn Darbietungen (neben „Real Magic“ auch „Five Easy Pieces“) nicht in deutscher Sprache aufgeführt werden, nur weil sie grenzüberschreitend produziert wurden, mag gerade Freunde des deutschen Sprechtheaters befremden. Textvorlagen spielen im Regietheater derzeit eine untergeordnete Rolle.

Fazit: Körpersprache, Musik, Bühnenbilder und Maskerade dominieren, die Sprache gerät immer mehr ins Hintertreffen. Der Darstellerpreis musste deshalb an einen kaum auffälligen Nachwuchsschauspieler vergeben werden, da aus den Bildtheater-Kollektiven keine Stars herausragen. Den Gipfel sinnfreier, dadaistischer Theaterkunst steuerte wieder einmal Herbert Fritsch bei. Mit seiner Vorliebe für blöden, bunten Frohsinn legt er in „Pfusch“ die verschüttete Infantilität frei. Eigentlich verwunderlich, dass die Berliner Volksbühne und das Theatertreffen noch keine Kindervorstellungen anbieten.

Auf aktuelle politische Anspielungen hat der Jahrgang 2016/17 weitgehend verzichtet. Auch wohlfeile Bekenntnisse etwa zur Integration von Flüchtlingen blieben aus. Zwei der zehn Aufführungen konnten der Einladung nach Berlin wegen technischer Unzulänglichkeit und Krankheit nicht nachkommen. Die restlichen acht Inszenierungen boten alle konsequente, teils extreme Positionen, die das konventionelle Theater in Frage stellen. Ein durchaus interessanter Jahrgang.

Von Karim Saab

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