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Ein stolzes Orchester und viel Stückwerk

Brandenburger Theater Ein stolzes Orchester und viel Stückwerk

Das Brandenburger Theater feiert in diesen Tagen seinen 200. Geburtstag. Die Traditionsbühne unterhält aber keine eigenen Sprech- und Musiktheater-Ensembles mehr. Identitätsstiftend für die Stadt ist allein das Orchester.

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Die 51 Musiker der Brandenburger Symphoniker.

Quelle: Daniel Wandke

Brandenburg/Havel. Das Stadttheater Brandenburg wurde am 5. Oktober 1817 mit Friedrich Schillers „Maria Stuart“ eröffnet. Damals war das ein Gegenwartsstück. Am 5. Oktober 2017 kommen die Honoratioren der Stadt zu einem Festakt zusammen, um den 200. Geburtstag des Brandenburger Theaters (BT) zu feiern. Das alte Bühnenhaus ist im Jahr 2000 einem multifunktionalen Neubau gewichen, der aus fördertechnischen Gründen auch CulturCongressCentrum heißt. Die Stadt unterhält aber kein eigenes, professionelles Sprech- und Musiktheater-Ensemble mehr. Das BT verfügt über einen Sieben-Millionen-Euro-Jahresetat und leistet sich ein 51 Musiker starkes Orchester, das zur heutigen Feier des Tages zwei pathetische Ouvertüren sowie den aufmunternden „Hummepflug“ (vom Rimski-Korsakov, 720 Sechzehntel pro Minute) intonieren wird. Unter den Festgästen wird eine neue CD-Einspielung der 8. Sinfonie von Franz Schubert verteilt.

Schubert-Sinfonie? Brandenburger Orchester? Vor zwei Jahren erschienen sämtliche Schubert-Sinfonien, aufgenommen von der Kammerakademie Potsdam. Dafür gab es sogar einen Echo Klassik. Womit ein Grundprobleme des Brandenburger Theaters deutlich wird. Es agiert ziemlich autistisch in Bradenburg.

Die Sinfoniekonzerte des Orchesters finden beim Konzertpublikum zwar stets großen Anklang, übrigens auch, wenn die Symphoniker im Rahmen des Theater- und Orchesterverbundes im Potsdamer Nikolaisaal gastieren. Aber die ursprüngliche Idee, dass das BT andere Bühnen im Land mit Kammeropern und kleinformatige Musicalproduktionen versorgt, ging nicht auf. Um Sänger und Regisseure zu verpflichten, hätten die Verantwortlichen das Orchester verkleinern müssen, das aber vor Ort über eine starke Lobby verfügt. Christian Kneisel, von 2001 bis 2014 Intendant des Hauses, stellte zwar eine zeitgenössische Kleist-Oper auf die Beine, doch sein Ansatz war viel zu elitär und akademisch. Brandenburg bräuchte ein frisches, wendiges Musiktheater, wie es seit Jahrzehnten die Neuköllner Oper in Berlin praktiziert.

Das BT versuchte die letzten Jahre, sich durch eine Kooperation mit dem Theater Stendal (Sachsen-Anhalt) aus der Affäre zu ziehen. Beide Häuser tauschten bis in die letzte Saison Sinfoniekonzerte gegen Schauspiel-Aufführungen aus. Nun wurde das BT aber verpflichtet, mit den Brandenburger Bühnen Senftenberg und Schwedt zu kooperieren. In Sachen Bühnenproduktionen funktioniert das BT weitgehend wie eine Stadthalle, die auswärtige Produktionen einkauft. Identitätsstiftend für die Stadt Brandenburg ist allein das Orchester, dessen Streicherklang von Experten gerühmt wird, das aber in der Orchesterlandschaft des Landes keinen leichten Stand hat.

Nach der Abwicklung des Schauspiels standen lange noch acht Schauspieler auf der Gehaltsliste, weil sie unkündbar waren. Sie blieben unterbeschäftigt. Eine von ihnen – Christiane Ziehl – war ein Glücksfall, da sie bis 2016 ein erfolgreiches Jugendamateurtheater auf die Beine stellte. Auch ein Erwachsenen-Amateurtheater, heute Bürgerbühne genannt, versucht ihr Bestes. Doch den großen Saal mit 420 Plätzen zu bespielen, das wäre eine Überforderung.

Die Stadt Brandenburg als Alleingesellschafter bewies nach der Wende kein gutes Händchen bei der Auswahl des Führungspersonals wie auch bei der Gestaltung der Verträge. Intendant Christian Kneisel galt als quasi unkündbar, da ihm eine fünfjährige Kündigungsfrist eingeräumt worden war. Unter Dirigent Michael Helmrath verschlechterte sich nach zwölf Jahren das Klima im Orchester zusehends. Als die Ära Kneisel/Helmrath zuende ging, hatte die Stadt keinen Plan, wie es weitergeht. Geschäftsführer Jörg Heyne hätte das Haus beinah in die Insolvenz gefahren.

2016 wurde Katja Lebelt als künstlerische Leiterin berufen. Da sie aus der Off-Szene stammt, verband sich mit ihr die Hoffnung, dass sie kleine Bühnenproduktionen anschiebt und für eine künstlerische Neuausrichtung sorgt. Doch sie erlebte nur einen rigiden Sparkurs und verfügte nicht über das nötige Nervenkostüm. Sie meldete sich im Dezember 2016 krank und gab im Frühsommer entnervt auf. Lebelt hatte sich mit dem kurzfristig eingesetzten Geschäftsführer Klaus Deschner überworfen, der aus dem Ruhestand geholt worden war, um die Insolvenz des Hauses abzuwenden. Der Vertrag des 74-Jährigen ist bis Juli 2018 befristet.

Ein Generationswechsel, der bevorsteht, verbindet sich auch mit dem amtierenden Chefdirigenten Peter Gülke (83). Er wurde 2015 als Übergangslösung geholt. Das Orchester genießt es, unter dieser Koryphäe zu arbeiten. Doch der gesundheitlich angeschlagene Mann hält die Züge fester in der Hand als gedacht. Sein Vertrag wurde Ende September überraschend noch einmal um zwei Jahre verlängert. Sechs der acht geplanten Sinfoniekonzerten in dieser Saison möchte Gülke selbst dirigieren, statt junge Dirigenten zu casten.

Im Januar 2017 wurde ein Haustarifvertrag für die Musiker mit einer ungewöhnlich langen Laufzeit von zehn Jahren unterschrieben. Die Festschreibung des Status quo wirkt wie Stückwerk. Eigentlich müsste die Stadt endlich mit einem Gesamtkonzept rausrücken, das deutlich macht, ob es überhaupt noch eigenständig produziertes Theater will. Soll das BT neben dem Orchesterbetrieb allein auf Fremdbespielung setzen? Wird dafür wieder eine Stelle eines künstlerischen Leiters oder gar Intendanten ausgeschrieben?

Für eine frische Briese in dieser Spielzeit sorgt die neue Orchesterdirektorin Victoria Tafferner, die mit dem Orchester auch Formate wie einen Orchesterball, Mitsing- und Wunschkonzerte entwickelt. Aber bei diesem Etat muss in Zukunft mehr möglich sein! „Start 200“, der Slogan auf dem aktuellen Saisonprogramm, lässt hoffen.

Von Karim Saab

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