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Kultur Lutz Seiler: Texte für die Staffelei – und Schmutzränder
Nachrichten Kultur Lutz Seiler: Texte für die Staffelei – und Schmutzränder
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14:29 20.04.2018
Lutz Seiler Quelle: dpa
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Cottbus

Von der endlosen Unzufriedenheit, dem ewigen Neusortieren des Satzbaukastens seiner Texte kann Lutz Seiler einige Geschichten erzählen. Diesem beständigen Formen und Nacharbeiten ist es auch geschuldet, dass das Nachfolge-Werk zu Seilers preisgekröntem Romandebüt „Kruso“ von 2014 seitdem auf sich warten lässt – einerseits. Andererseits ist der enorme Erfolg der fulminanten Inselgeschichte um Freiheitssucher und Landflüchtige auf Hiddensee im letzten DDR-Sommer mitschuldig. „Das war eine Messe mit 100 Interviews in einer Woche. Man weiß am Ende nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Diese öffentliche Situation schleift einen ab“, sagte der Schriftsteller am Dienstagabend bei einer Lesung im Lernzentrum der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek. Die einjährige Lesereise damals habe er „völlig unterschätzt, das war zu viel, ich war am Ende“.

Ein erster Manuskriptversuch

Seiler ist derzeit eigentlich fernab dieser Öffentlichkeit für längere Zeit ins Schreiben eingekehrt – in Wilhelmshorst (Potsdam-Mittelmark) und Stockholm. Er kam aber auf Einladung seines Freundes und Leiters des Brandenburgischen Literaturbüros Hendrik Röder für eine Lesung mit Werkstattgespräch zum 26. Cottbuser Bücherfrühling. Seiler las seine aktuelle Kurzgeschichte „Meine Wohnung“, die er „Manuskriptversuch für ein neues Buch“ nennt, das zeitlich, sprachlich und personell an „Kruso“ anknüpft. Veröffentlicht hat er den im vergangenen Jahr geschriebenen, ein paar Seiten langen Text bisher in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ und im Sammelband „Dekalog heute. 21 literarische Texte zu 10 Geboten“ – zu Unrecht echolos und ohne Wellen.

Lutz Seiler bei seiner Lesung in Cottbus Quelle: Michaela Grimm

Die wilden 90er-Jahre

Die Episode spielt im Januar 1990 in Leipzig und Berlin. „Ich erinnere mich nicht, ich sehe nur Bilder“, das sind die ersten Worte der Geschichte. Die Worte und Gedanken eines männlichen Ich, beklemmt vom Gefühl, zum Stellvertreter aller halbseitenen Väter gestempelt zu sein, wenn er eine Frau namens C. im Wohnheimzimmer auf der Mütteretage besuchen geht. Mächtig erscheinen ihm all die Frauen mit gleichgültigen Schlappschritten in ihren milchbefleckten Großväterhemden; er wie ein Fremdling in diesem Gebiet der Aufzucht und Sorge, durchdrungen von asthmatischen Nachtkonzerten entzündeter Kinderbronchien. Er, die Hauptfigur, schläft in einem Tipi im Spielzimmer und da sind sie wieder: die Höhlen und die darin Hausenden, die in Seilers Prosa die Hauptfiguren ummanteln und wie untertage wirken lassen, oft unangenehm. Die Kabuffs der Gesellschaft, furchentief wie der Ruß in den Wänden einer Kohleofenwohnung. Und in Seiler prosaischen Sätzen erklingt auch die Poesie des Dichters, dessen melodiöses Schreiben seit dessen Beginn in den Gedichten wohnt.

Es könnte eine Fortsetzung von „Kruso“ werden

Der Erzähler in „Meine Wohnung“ bewegt sich wie der Ed in „Kruso“: observierend, skrupulös, Notizen und Gedichte schreibend – und im Besetzerrausch. Er soll C. helfen, eine Bleibe in Berlin zu finden. Eine leerstehende Wohnung in Beschlag zu nehmen, was in dieser kurzen Zeit der Anarchie gerade in Berlin gut möglich war, wie Seiler technisch detailliert und amüsant beschreibt. Und, wie für ihn eigen, vom Ohr her und von Bildern, den Ausgängen für seine Schrift.

Zwischen Stockholm und Wilhelmshorst

1963 wurde Lutz Seiler im thüringischen Gera geboren.

Zum Lesen und sofort auch selber Schreiben kam er während der Armeezeit. Weil er sich als unfähig erwies, in der Soldatenfreizeit aus Spanplatten erzgebirgische Schwibbögen zu sägen, wurde Seiler des Tisches in der 12-Mann-Stube verbannt und widmete sich der Literatur.

Seiler veröffentlichte seit 1995 mehrere Gedichtbände, Essays und zuletzt den Roman „Kruso“ 2014. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören der Uwe-Johnson-Preis, der Anna-Seghers-Preis und der Kranichsteiner Literaturpreis.

In Wilhelmshorst lebt Seiler im Peter-Huchel-Haus, das 2017 sein 20-jähriges Bestehen mit Gästen wie Hertha Müller und Thomas Kunst feierte. Seiler leitet dort das literarische Programm.

Als nächster Gast liest am Geburtstag Peter Huchels, dem 3. April um 20 Uhr, Kurt Drawert aus dem „Körper meiner Zeit“. Am 17. Mai liest der Lyriker Durs Grünbein.

„Ich habe starke Bilder gesehen, durch die ich wie Portale gehen konnte. Die eigentliche Geschichte kam dann erst beim Schreiben“, sagt er über „Kruso“. Auch dort gibt es eine C., die Malerin ist und sich in die Tagträume des Helden einnistet, womöglich ist es dieselbe Frau, womöglich ist der dreijährige Freddy in der neuen Kurzgeschichte damals im Zuge der Schlafplatz-Vergabe auf Hiddensee entstanden, womöglich muss zur Aufklärung des Lesers das Romanmanuskript noch weiterwachsen. Was noch ein Weilchen dauern kann.

Texte auf der Staffelei

Lutz Seilers erstes Buch, der Gedichtband „berührt/geführt“, erschien vor 23 Jahren. Zehn Jahre nach Schreibbeginn. „Ich hatte nicht das Gefühl, das hat zu lange gedauert“, sagt Seiler über seine Arbeitsweise. Und erzählt aus seiner eigenen Zeit in Ostberlin. In seiner Wohnung gab es eine Staffelei. Er hat seine Gedichte daraufgestellt. „Ich bin endlos drum herum gegangen, hab immer wieder überarbeitet. Bei der Arbeit selbst ist man ständig im Zweifel.“

Wenn er frühere Werke von sich aufschlägt, beschleiche ihn immer das Gefühl: „Das kriegst du nie wieder hin.“ Die Erzählung „Turksib“ sei „durchgearbeitet bis zum Getno“ – für sie erhielt er 2007 den Bachmann-Preis. Sein Verlagshaus Suhrkamp mache ihm keinen Druck, sagt Seiler. Seit „Kruso“ gibt es aber diesen Lektorinnen-Satz, mit dem der Autor gut leben kann und arbeitet. Der Satz besagt, dass selbst das penibelste Schriftstellerkorrektorat einmal zum Ende kommen muss. Er lautet: „Du musst auch Schmutzränder lassen.“

Von Michaela Grimm

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