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14:20 22.11.2016
Szene aus „Israel in Egypt“ in der Potsdamer Friedenskirche. Quelle: Stefa Gloede
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Potsdam

Eines der wichtigsten Requisiten ist derzeit eine silbrige Thermoskanne auf dem Tisch der Regisseurin in der Potsdamer Friedenskirche. Hin und wieder ein Schluck vom heißen Ingwertee mit Zitrone - das wirkt Wunder bei den Temperaturen in dem Gotteshaus. Verena Stoiber inszeniert hier die diesjährige Winteroper. In der bewährten Kooperation von Kammerakademie und Hans-Otto-Theater gibt es Georg Friedrich Händels Oratorium „Israel in Egypt“.

Zum Glück lassen die Spiellust ihres Teams wie auch Händels Musik die nicht eben gemütlichen äußeren Umstände rasch vergessen. Das 1739 geschriebene Stück war ein Herzenswunsch des Dirigenten Konrad Junghänel, einem langjährigen Partner der Kammerakademie. Es ist ein sehr spezielles Werk, in England außerordentlich beliebt, bei uns kaum bekannt, „eines der Chorlastigsten der Musikgeschichte“, wie Junghänel sagt, aber eigentlich ohne Handlung. Beides fasste Stoiber als Herausforderung auf. Und mit der Vokalakademie Potsdam und dem Vocalconsort Berlin hat sie neben der Kammerakademie nicht nur musikalisch erstklassige Ensembles zur Verfügung, sondern auch zwei Truppen, die mit Lust ihren Intentionen folgen.

Über ein Jahr lang hat Stoiber sich damit beschäftigt, wie man den klassischen Bibelstoff, der von den zehn Plagen erzählt, die Gott den Ägyptern schickt, um die Israeliten aus deren Unterdrückung zu befreien, umsetzen kann. Von Anfang an war klar, „dass man da keine Frösche über die Bühne springen lässt“, so Stoiber, „dass man das im Text Beschriebene nicht eins zu eins auf die Bühne bringen kann“.

Es geht nicht um den Einzelfall, es geht um die allgemeinere Sicht

In ihrer Inszenierung geht es nicht um den Einzelfall, sondern um eine allgemeinere Sicht auf Macht und Unterdrückung, um den Kreislauf der Machtausübung überhaupt. „Und um die Menschen, die immer wieder unter dem Machtbedürfnis einzelner leiden.“ Die Inszenierung zeige Mechanismen, wie es zu so einer Machtübernahme kommen kann und wie wenig es oft brauche, dass die Leute das auch annehmen. Sie hat da sehr einfache, bildhafte Mittel gefunden: „Wenn sich einer die Krone aufsetzt, ist er der König und wird als solcher auch sofort akzeptiert.“ In Amerika habe man gerade erst gesehen, wie schnell das gehen kann.

Was die Position der vier Solisten anlangt, hat man sich auf den Terminus „die Untoten“ geeinigt, „sie zeigen Stereotype, die einfach nicht totzukriegen sind, die Fäden in der Hand halten und die Geschicke lenken, das Volk beeinflussen und manipulieren“. Sie will da noch nicht zu viel verraten, „aber je nachdem, welche Requisiten sie finden, welche Kostümteile, werden sie zur Kriegerin, verkörpern Klerus, Monarchie“.

Ideen fürs Bühnenbild aus Lateinamerika

Für den Bühnenbau hat sie sich in Lateinamerika anregen lassen. Mit Faszination sah sie einst im kolumbianischen Mompox eine Karfreitagsprozession, bei der ein Riesensarkophag getragen wurde. Das würde doch auch, so Stoiber, zu der anfänglichen Trauerszenerie bei Händel passen. Im Laufe der Gespräche mit Ausstatterin Susanne Gschwender mutierte der monumentale Totenschrein zu Einzelsärgen, die sich als Steg zusammenfügen lassen, den man irgendwann als normale Bretterbühne wahrnimmt. Die Kostüme sind „heutig-zeitlos“, aber man habe „doch auch an die Lage von Flüchtlingen gedacht“.

Deren Befinden hat noch auf einem weiteren Weg Eingang in die Inszenierung gefunden. Sie habe lange gegrübelt, so Stoiber, was man den „ja sehr kriegsverherrlichenden Text der Bibel entgegensetzen kann“. Sie ließ sich von Benjamin Bittens „War Requiem“ inspirieren, der Gedichte des 1918 gefallenen Wilfred Owen verwendete. Und suchte nach heutigem Material. Schließlich stieß sie auf die syrische Lyrikerin Hala Mohammad, „fand ihre Texte ungemein berührend“. Die Sopranistin Marie Smolka wird einige davon vortragen. Verena Stoiber ist sehr froh, dem anspruchsvollen Projekt auf diese Weise eine aktuelle Dimension geben zu können.

Premiere von „Israel in Egypt“ am 24. November, 19 Uhr, in der Friedenskirche Potsdam (ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse). Weitere Vorstellungen am 25., 26. November, 1., 2., 3. Dezember.

Von Verdi und Wagner zu Händel

Verena Stoiber, 1979 im fränkischen Zwiesel geboren, wollte zunächst Schauspielerin werden. Bei ersten Produktionen merkte sie, dass sie das Inszenieren noch mehr interessieren würde. Sie nahm ein Studium der Schauspiel- und Musiktheater-Regie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding auf.

Nach längeren Aufenthalten in Rom, Barcelona und Buenos Aires war sie ab 2010 Regieassistentin und Abendspielleiterin an der Staatsoper Stuttgart, wo sie mit den Regiestars Jossi Wieler und Calixto Bieito zusammenarbeitete.

2014 gewann sie gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Sophia Schneider den Internationalen Wettbewerb für Regie und Bühnengestaltung Ring Award.

2016 hat sie in Graz Wagners „Tristan und Isolde“, in Nürnberg Verdis „Rigoletto“ inszeniert.

Von Frank Starke

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