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Nachrichten Kultur Eine Großbaustelle als Theaterstück
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00:49 05.03.2018
Die Theaterbesucher helfen beim Bau mit. Quelle: Benno Tobler/Düsseldorfer SChauspielhaus
Berlin

Wenn alle Großbaustellen so gut funktionieren würden wie die Inszenierung „Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2)“ von Rimini Protokoll, dann wären der BER und die Berliner Staatsoper längst pünktlich fertig. Ohne Mehrkosten.

Jede Sekunde dieses achtteiligen Stationendramas, bei dem die Theaterbesucher aktiv mitwirken und in ein zweistündige Gewimmel eintauchen, wurde sinnvoll verplant und getaktet. Autor und Regisseur Stefan Kaegi ist allein schon logistisch ein pointenreiches Kunststück gelungen, das nachzuerzählen gar nicht so einfach ist. In einer Halle des Berliner Hauses der Kulturen der Welt bestimmen Gerüste, Baucontainer, Dixi-Klos, Maschinenlärm, Stapelpaletten, Absperrungen und wuselnde Menschen mit knallbunten Helmen das Geschehen. Riesige Videoprojektionen an den Wänden verstärken das unruhige Baustellen-Feeling.

Die Besucher absolvieren den Parcours in acht Gruppen. Sie müssen nur immer andere Helme auf- setzen. Voreingestellte Ohrhörer verbinden sie mit einem Fachmann, der sich über Headset zu Wort meldet. Mal steht er vor ihnen und animiert sie, etwa Steine zu schleppen oder sich hinzulegen. Mal meldet er sich von einer Hebebühne, einem Sandhaufen oder direkt aus dem Entrauchungskanal.

Als Mitglied des dreiköpfigen Regiekollektivs Rimini Protokoll hat Stefan Kaegi vor etwa 15 Jahren eine neue theatralische Darstellungsform erfunden. Die um 1970 geborenen Absolventen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft lassen nie vorgegebene Texte von Schauspielern nachspielen, sondern stellen Menschen ins Rampenlicht, die ihre persönlichen Geschichten erzählen. Die „Experten des Alltags“ werden dabei nicht vorgeführt, sondern tragen ein Script vor, das mit der Regie genau abgestimmt ist.

Weiter Inszenierungen von Rimini Protokoll

Staat 1-4 nennt das Regiekollektiv Rimini Protokoll eine Reihe von vier Inszenierungen. Das „Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2)“ wird noch bis zum 4. März aufgeführt.

Aufführungen von Rimini Protokoll, 8. bis 13. März: „Top Secret International (Staat 1)“ im Neuen Museum Berlin. „Träumende Kollektive. Tastende Schafe (Staat 3)“ und „Weltzustand Davos (Staat 4)“ im Haus der Kulturen der Welt. Karten: 030/39 78 71 75.

Die Erzählperspektiven der Mitwirkenden sind dabei oft so vielfältig wie die Interessenlagen auf einer Baustelle. Eine Bankkauffrau versucht zu erklären, wie renditeorientierte Investoren ticken. Bevor die Besucher im Anschluss einen Vertreter von Transparency International aufsuchen, sagt sie: „Nehmen Sie sich in acht vor Verschwörungstheorien. Glauben Sie ihm nicht!“ Der Aktivist des Anti-Korruptions-Vereins erzählt, dass ihm vor 13 Jahren ein Sandhaufen die Augen geöffnet habe. Statt gewaschenem Rheinsand habe ein betrügerischer Unternehmer gefährlichen Abfall geliefert. Er erklärt auch, wie in den Rathäusern Ausschreibungen manipuliert werden. Ein rumänischer Schwarzarbeiter, der mehrfach um seinen Lohn geprellt wurde, plaudert aus dem Nähkästchen. Ein Stadtplaner, der Politiker in Addis Abeba berät, wirbt für seine Ideale.

Die interessanteste Figur ist sicherlich Alfredo Di Mauro, der die erste Entrauchungsanlage des Flughafen BER geplant hat. Er versicherte, dass sein Werk kurz vor der Fertigstellung stand, als er von Hartmut Mehdorn entlassen wurde. „Meine Anlage, die nie getestet worden ist, hätte funktioniert“, sagt Di Mauro. Heute ist er arbeitslos und verarmt und animiert die Besucher, den Politikern den Stinkefinger zu zeigen. Fachanwalt Jürgen Mintgens versucht in solchen Konfliktfällen zu schlichten. Mit dem Begriffen eines Freizeit-Kampfsportlers schildert er das juristische Kräftemessen anhand von dynamischen Körperstellungen. Ein Ameisen-Experte schließlich vergleicht die Bautätigkeit von Mensch und Tier.

Manche Experten reden etwas zu schnell, weil sie viel auf dem Herzen haben. Sie machen die imaginierte Baustelle zu einer lebendigen soziale Skulptur. Ein Theaterkunstwerk, das die Welt modellhaft einfängt und das nachhaltig berührt.

Von Karim Saab

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