Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Eine Lola für die Schnittmeisterin Monika Schindler

MAZ-Gespräch Eine Lola für die Schnittmeisterin Monika Schindler

Weit mehr als 100 Spiel-, Dokumentar- und Fernsehfilme gehen auf das Konto der Berliner Schnittmeisterin Monika Schindler. Die 79-Jährige begann ihre Karriere bei der Defa und ist bis heute gut im Geschäft. Im Gespräch erzählt sie, wie sie den Übergang von der analogen zur digitalen Technik schaffte und warum sie den Regisseur Andreas Dresen liebt.

Voriger Artikel
Friedrich-Hölderlin-Preis für Eva Menasse
Nächster Artikel
Hochspannend und hochsensibel

Szene aus Egon Günthers Film „Wenn du groß bist, lieber Adam“.

Quelle: defa

Berlin. Die renommierte Schnittmeisterin Monika Schindler (79) bekommt am 28. April bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises die Ehren-Lola für ihr Lebenswerk.

Frau Schindler, Sie haben 35 Jahre bei der Defa  gearbeitet... 

Monika Schindler: Die Defa war meine  Familie! Meine Arbeitskolleginnen und ich haben zusammen die erste Liebe erlebt, geheiratet, Kinder bekommen und waren Großmütter als wir nach 35 Jahren im Studio aufhören mussten. Ich vermisse sie sehr.

 Sie kamen 1955 zur Defa und  machten dort eine Ausbildung zur Filmfotografin. Was kann man sich denn darunter vorstellen? 

Schindler: Die Lehre umfasste viele technische Bereiche, nicht nur das Fotografieren, auch das Entwickeln, Vergrößern, Retuschieren, das Licht setzen, die Entwickler analysieren und vieles mehr. Alles in der Kurzvariante, aber mir hat das für meinen späteren Beruf sehr geholfen Am Ende der Lehre standen dann noch sechs Monate im Schneideraum an.

War  Cutterin schon damals Ihr Traumberuf? 

Schindler: Die damals typischen Frauenberufe wie Stenotypistin, Kosmetikerin, Friseurin, Arzthelferin kamen für mich nicht in Frage wegen meiner Hände. Sie wurden 1945 auf der Flucht von einem Güterzug überrollt.  Meine Lehrerin schlug vor, mich beim Rundfunk zu bewerben, als Sprecherin. Rundfunksprecherin war aber kein Ausbildungsberuf, damit wurden damals vor allem Schauspieler betraut.  

Und Schauspielerin wollten Sie nicht werden? 

Schindler: Nein, das ist nichts für mich! Ich hätte die Schauspielschule in Leipzig besuchen müssen, das wollte ich auf gar keinen Fall. Beim Rundfunk haben sie mir dann angeboten, Hörspiele zu vertonen, das heißt zu den Sprachen Geräusche und Musik hinzuzufügen. Das hätte ich mir gut vorstellen können, aber im Vertrag stand ungefähr folgendes: „Betreten der Westsektoren nicht gestattet.“ Diesen Passus konnte ich unmöglich unterschreiben, schließlich lebte meine Oma am Gesundbrunnen in Westberlin. Und die wollte ich natürlich besuchen! Also wurde das nichts beim Rundfunk.  

Und bei der Defa war das nicht so streng? 

Schindler: Die Defa unterstand dem Kulturministerium und nicht dem Zentralkomitee, da gab es dieses es dieses Verbot nicht.  

Sie haben also nach Ihrer Ausbildung zur Filmfotografin noch an der Babelsberger Filmhochschule studiert?

Schindler: Als es beim Rundfunk nichts wurde, bin ich zur Defa nach Babelsberg, habe mich dort beworben und wurde genommen. Ich sollte direkt auf die neu gegründete Filmhochschule. Im Herbst 1955 sollte das Studium beginnen, aber ich wurde vergessen. Man hatte verschusselt, mich zur Aufnahmeprüfung anzumelden. Und man schlug mir vor, doch erst mal eine Lehre zu beginnen. 

Und mussten dann trotzdem auch noch Montage studieren?

Schindler: Ja! Ich kam glücklicherweise gleich ins zweite Studienjahr und hatte nach zweijährigem Studium mein Diplom in der Tasche. Man schlug mir sogar vor, noch weitere drei Jahre dran zu hängen und Regie zu studieren, aber das wollte ich nicht. Erstens war das in den 50er Jahren ein absoluter Männerberuf. Und ich war mir auch nicht sicher, ob ich dazu genügend Talent habe. Niemals aber wollte ich, vielleicht schon als ältere Regieassistentin mit dem Drehbuch unter dem Arm, den jüngeren Regisseuren hinterherlaufen. Und das Leben hat gezeigt, meine Entscheidung war richtig. Ich bin sehr glücklich als Schnittmeisterin.

Worauf kommt es meisten an beim Schnitt?

Schindler: Ich schneide immer erst eine Rohfassung mit dem gesamten Material, um zu sehen, was wird das für eine Geschichte, wohin führt sie? Dadurch entwickele ich langsam ein Gefühl für den Stoff. Dabei sind Emotionen das Wichtigste, damit der Zuschauer sich berührt fühlt. Leider soll heutzutage alles sehr schnell geschnitten werden, man bezeichnet das als modern. Das schadet meiner Meinung den Schauspielern, ihr super Spiel kommt gar nicht zum Blühen. Sie sagen dann letztendlich nur Text auf. Dabei macht doch die schauspielerische Leistung die Seele eines Films aus. 

Wann kommt der Regisseur ins Spiel?

Schindler: Unterschiedlich, meistens nach dem Rohschnitt. Wenn wir uns  schon gut kennen, bin ich dabei, wenn die Regisseure ihren ersten Schnitt anschauen. Sie leiden dabei sehr, sind erschüttert oder auch erfreut, sehen ihre Schwächen, aber auch die starken Szenen, ärgern sich oder sind glücklich. Ein Wechselbad der Gefühle. Und wenn sie wieder den Normalzustand erreicht haben, sprechen wir über das Gesehene und fangen an, Szenen zu ändern, zu kürzen oder gar rauszuschmeißen.

Viele Defa-Filme wurden verboten oder zensiert. Wie sind Sie damit umgegangen? Hatten Sie bei Ihrer Arbeit schon eine Schere im Kopf?

Schindler: Ja, das schon, aber ich war locker und habe nicht darunter gelitten. Wir haben immer vorausschauend gedacht und haben genau abgewägt, was schneiden wir ein und wo halten wir uns zurück .

Sie haben auch Egon Günthers Film „Wenn du groß bist, lieber Adam“ geschnitten, der zunächst nicht in die Kinos kam.

Schindler: Der Film war gut, die Dialoge waren witzig und scharfzüngig. Das kam bei der Abnahme im Kulturministerium nicht so gut an. Man war geschockt. Sehr viele Szenen mussten mit einem neuen Text versehen werden, was dem Film seine Brisanz genommen hat. Und eine Szene durfte nicht mal gedreht werden: Adams Taschenlampe, die jeden schweben lässt, der gerade lügt. Ihr Strahl traf auch auf die Soldaten der Volksarmee beim Treueschwur und sie sollten laut Drehbuch beginnen zu schweben. Welch ein Skandal!. Nach der Wende haben wir versucht, den Film wieder im Original herzustellen, aber das Material war teilweise verschwunden und wir mussten mit Texttafeln arbeiten. 

Wie schwer war es, in den 1990er Jahren von analog auf digital umzusteigen? Das muss doch eine sehr große Umstellung gewesen sein.

Schindler: Oh ja! Ich hatte vorher noch nie mit einem Computer zu tun. Ich konnte nicht mal mit der Maus umgehen. Hier ist das Pad, hier ist die Maus. Und ich sagte, das Pad ist zu klein, es reicht nicht aus, um bis ganz oben ans Bild hinzukommen. Die Antwort kam: Mädchen, du musst die Maus öfter ansetzen... Haha! 1998 habe ich meine beiden letzten Filme am Schneidetisch geschnitten, Andreas Dresens „Nachtgestalten“ und „Die Braut“ von Egon Günther. Danach hatte ich ein wenig frei und habe begonnen, Avid zu lernen und zwar „Learning by doing“! Dann kam ein Anruf von Andreas Dresen: Monika, kannst du schon Avid? Ich: Naja,  können ist übertrieben. Ich weiß ungefähr, wie es geht. Und er sagte, dann probieren wir das zusammen. In rund sechs Wochen hatten wir „Die Polizistin“  fertig. Ich habe mich durchgefummelt. Andreas war wirklich mutig, sich mit mir einzulassen. Ich bin ihm heut noch dankbar für seine Geduld. Und ich liebe ihn dafür. 

Keine Wehmut nach dem alten Schneidetisch?

Schindler: Nein! Aber wissen Sie was? Die Schnittzeit ist jetzt auch nicht viel kürzer. Man muss sich wie immer alle Muster ansehen und möglichst auch alles im Kopf behalten. Aber was das Tolle an dem digitalen System ist und eine große Erleichterung bedeutet, man kann die verschiedenen Versionen des Schnittes speichern. Und man kann ganz leicht und schnell ändern. Dazu kommt: Es stehen so viele Tonspuren zur Verfügung, dass man viele Geräusche und Musik unterlegen kann. Und bei der Vorführung hat man den Eindruck, es kommt dem Endprodukt schon sehr nahe. Am Schneidetisch hatte man einen Teller für das Bild und nur zwei Teller für die Töne. Das war sehr dürftig.   

Frau Schindler, als Sie 2000 den Deutschen Filmpreis für den Schnitt von Gordian Mauggs Doku „Hans Warms – Mein 20. Jahrhundert“ gewannen, bedankten Sie sich auf der Bühne beim Berliner Arbeitsamt, das Ihnen nach der Wende erklärte, mit über 50 und einer Behinderung  seien Sie nicht mehr vermittelbar. Hatten Sie sich damals gedacht: Jetzt erst recht?

Schindler: Nein, das ist mir nicht in den Kopf gekommen. Ich wusste ja noch gar nichts vom „Westen“, hatte keinerlei Vorstellung, was hier in der Branche läuft. Das Arbeitsamt war mein erster Kontakt mit der anderen Welt. Ich fand die Antwort von der Dame nur sehr frech und anmaßend. Bei mir war ja die Vorstellung: Das Arbeitsamt ist dazu da, Arbeit zu vermitteln. Und ich bekam nicht ein einziges Angebot. Im Gegenteil, man diskriminierte mich: zu alt und behindert! Diese Wut hat zehn Jahre angehalten und ich musste das Trauma bei der Lola-Verleihung einfach loswerden.

Interview Claudia Palma

Von Claudia Palma

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Soll Tegel weiterhin als Flughafen neben dem BER dienen?