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Eine Universitätsgründung als Arbeitsbeschaffung

Geschichte der Hochschulen Eine Universitätsgründung als Arbeitsbeschaffung

Im Frühjahr erregte der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker Aufsehen und Ärger. Der Mittelbau der 1991 gegründeten Universität Potsdam sei zum größten Teil überhaupt nicht qualifiziert gewesen. Nun legt die deutsch-britische Historikerin Barbara Marshall nach. Ihr Buch belegt durch Dokumente und Interview-Äußerungen die steile Görtemaker-These.

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Die frühere Pädagogische Hochschule „Karl Liebknecht“.

Quelle: unbekannt

Potsdam. Als die deutsch-britische Historikerin Barbara Marshall im Herbst 2011 von ihrer neuen Berliner Zweitwohnung aus mit ihren Untersuchungen über die Entstehung der Universität Potsdam begann, ging es ihr wie dem westdeutschen Gründungssenat der Einrichtung im Jahr 1991. Zunächst ohne detaillierte Kenntnisse der Potsdamer Verhältnisse nach der Wende, machte sie sich an die Quellenstudien und an ihre Interviews. So schildert sie es der MAZ.

Eine neue Perspektive auf die Gründungsgeschichte

Eigentlich hatte die ehemalige Dozentin für deutsche und europäische Politik an der englischen Universität von East Anglia die Geschichte einer Hochschule schreiben wollen, an der sie kurzzeitig im Sommer 1992 selbst unterrichtet hatte. Erst nach und nach dämmerte ihr, dass die Universität eine Gründungsgeschichte hatte, die sich keineswegs mit den Transformationsprozessen an Hochschulen wie der Berliner Humboldt-Universität oder der Leipziger Uni vergleichen ließ. Einerseits habe es in Potsdam keine Universität gegeben, die überhaupt einen Transformationsprozess hätte durchmachen können, andererseits sei die Uni Potsdam auch nicht auf der grünen Wiese entstanden. „Als ich feststellte, dass es schon ganz starke Vorgängerinstitutionen der Universität in der DDR gab, merkte ich, dass da ein Perspektivenwechsel nötig war“, so Marshall zur MAZ.

Eine Hochschule auf Selbstsuche

Der schwierige Neuanfang heißt das Symposium zur Gründungsgeschichte der Universität Potsdam am Freitag, 2. Dezember 2016. Der Aufarbeitung wurde ein ganzer Tag mit prominenten Rednern gewidmet.

Frank Bösch , Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, hatte die Konferenz organisiert. Es geht bei den Vorträgen und Diskussionen darum, den Umbau der Hochschullandschaft genauer zu untersuchen und einen „konstruktiven Dialog zwischen Historikern und unterschiedlichen Zeitzeugen“ zu eröffnen

„Alte und neue Wissenschaftler an der Universität Potsdam“ hieß der Veranstaltungsteil, in welchem Barbara Marshall selbst einen kritischen Blick auf die Personalkontinuität trotz teilweise fehlender Qualifikation warf.

Konrad Jarausch und Joachim Sauer waren weitere prominente Gäste der Tagung. Sie widmeten sich im Vergleich der Transformation an der Humboldt-Universität zu Berlin. bra

Die Recherchen zu dem von ihr fast zufällig gewähltem Forschungsthema mündeten dank dieses Perspektivenwechsels in einem 218 Seiten starken Buch, das noch für heftige Diskussionen sorgen könnte. Die gängige These, hilflose Ossis seien nach der Wende von einfallenden Besserwessis über den Tisch gezogen, ausgeplündert und eiskalt abserviert worden, kehrt der Geschichtsband „Die deutsche Vereinigung in Akademia: West- und Ostdeutsche im Gründungsprozess der Universität Potsdam 1990 – 1994“ zumindest für die Universität ins glatte Gegenteil um.

Wohlmeinende Wessis und taktierende Ossis

„Wohlmeinenden, aber taktisch wenig versierten Westdeutschen“ im akademischen Gründungssenat standen „politisch erfahrene, selbstbewusste Ostdeutsche gegenüber“, denen es häufig gelang, „mit Unterstützung der Brandenburgischen Landesregierung“, „ihre Interessen, bei weitgehender Ausklammerung ihrer politischen Vergangenheit durchzusetzen“. So schreibt es die Autorin auf dem werbenden Einband selbst. Die Grundlage dieser provokanten Thesen: Die Protokolle des Gründungssenats, Aktenmaterial aus vier Archiven der Region, Materialien von Mitarbeitern der Universität und ihrer Vorgängereinrichtungen und schließlich Interviews mit früheren Entscheidungsträgern, darunter auch mit dem letzten Rektor der ehemaligen Brandenburgischen Landeshochschule, Axel Gzik.

Ohne Schaum vor dem Mund, akribisch und mit weit in der brandenburgischen Geschichte ausholendem Gestus beschreibt Marshall zum ersten Mal anhand des historischen Materials und der von ihr zusätzlich eingeholten persönlichen Erinnerungen die Entstehung der Universität Potsdam. Aus dem Kampf der Angestellten der Vorgängereinrichtungen mit westlichen Mitgliedern des Gründungssenats ergibt sich ein Chaos, das hinter scheinbar wohlgeordneten Kulissen der Verwaltung und des von Hinrich Enderlein (FDP) geführten Wissenschaftsministeriums fröhliche Urstände feierte.

Zum Schaden der jungen Universität

Die Folgen der teilweise zur Beschäftigungsmaßnahme degradierten Neugründung werden durch die Worte des 1993 als Gründungsdekan der Juristischen Fakultät frustriert zurückgetretenen Rolf Grawerts deutlich: „Die Ostdeutschen wollten Leute haben, die ihnen sagten, ,alle können bleiben’. Da geht es um Zugeständnisse und nicht um die Qualität der Person“, vertraute er der Historikerin im Interview an. Marshall folgert, dass der zaghafte Versuch, eine Personalreduzierung und ein Austausch auch wegen der fehlenden Unterstützung durch die Landesregierung scheiterte. Die verfolgte auch hier den „Brandenburger Weg“: Möglichst wenig Entlassungen und nur behutsame politische Säuberungen, um Konflikte zu vermeiden.

Besonders fatal war diese Beschäftigungspolitik für den Mittelbau der neuen Einrichtung. Der damalige Vorsitzende des Personalrats, Fred Albrecht, gibt gegenüber Marshall zu, dass man gut mit Gewerkschaften im Westen vernetzt war und über neueste Informationen verfügte. „Es ging uns im Grunde darum zu lernen, etwas selbstbewusster aufzutreten“, gibt er zu Protokoll. Punkt für Punkt, Beschwerde für Beschwerde arbeitet Marshall die Strategien durch, mit denen die Beschäftigten insbesondere der Brandenburgischen Landeshochschule, der früheren „roten“ PH „Karl Liebknecht“, ihre Posten hielten. Um die Folgen dieser Politik zu illustrieren, zitiert Marshall einen kritischen Beobachter aus dem Jahr 1992: Durch vermeintliche Autonomie von Gutachtern der Fachbereiche schützten sich die alten SED-Strukturen nur selbst: „Die alte Landeshochschule entsteht neu! Nur der Name wechselt.“

Dass Marshalls Thesen so sehr den neueren Aufsätzen Manfred Görtemakers ähneln, ist zwar kein Zufall – beide haben den selben Forschungsgegenstand und nutzen ähnliche Quellen -, aber keineswegs das Ergebnis von Absprachen. Marshall weist die „Verschwörungstheorie“ zurück, ihr Buch sei auf Auftrag des Potsdamer Zeithistorikers entstanden. „Wir haben uns ganz selten getroffen“, sagt sie der MAZ. Die Idee für eine eigene Geschichte der Universität Potsdam sei ihr im Herbst 2010 bei einem Vortrag des deutsch-amerikanischen Historikers Konrad Jarauschs in Berlin über die Humboldt-Universität nach der Wende gekommen. Damals habe sie gefragt, ob es schon etwas Vergleichbares für die Universität Potsdam gebe. Da die Antwort „Nein“ gewesen sei, habe sie sich ab 2011 ans Werk gemacht. „Ich hätte es nicht gemacht, wenn es schon eine entsprechende Studie gegeben hätte“, sagt sie. „Das Streiten über Thesen liegt mir nicht.“ Das Ausmaß der damaligen Gründungquerelen erschloss sich ihr erst, als sie von 2011 bis 2015 an ihrer Publikation arbeitete.

Weder fehlende Sorgfalt noch Revanchebedürfnis kann man der freundlichen alten Dame unterstellen. „Es gibt viele Leute, denen man eigentlich gar nicht auf die Zehen treten möchte“, gibt sie im Hinblick auf ihre Interviewpartner aus dem früheren Osten zu. Sogar für deren Durchsetzungswillen hat Marshall Verständnis. „Man muss ihr Handeln aus ihrer damaligen Position verstehen. Der Kampf um die eigene Arbeitsstelle war legitim.“ An den oftmals negativen Folgen dieses Handeln ändere das aber nichts. Sowohl die Qualität der Forschung wie auch die finanzielle Lage der jungen Universität, die nicht so viele Entlassungen durchsetzen konnte, wie sie eigentlich hätte müssen, habe unter dem Sieg des Mittelbaus und seiner Beschäftigungspolitik gelitten. „Bei späteren Evaluierungen gab es immer noch Bereiche, die nicht so florierten“, sagt Marshall. Das sei bei der heutigen Uni, 25 Jahre nach der Gründung, natürlich anders.

Bisher hat das beim Berliner Verlag Duncker & Humblot auf Deutsch erschienene Buch noch keinen energischen Widerspruch erregt. Gegenwind erwartet Marshall gleichwohl. Ebenso wie späteren Zuspruch, wenn sich die Wogen erst einmal geglättet hätten. Mit trockenem britischem Humor sagt sie von sich: „Ich bin eine alte Frau, ich kann es mir leisten, ehrlich zu sein.“ Wenn auch andere ehrlich wären, würden sie sagen: Die Frau hat recht. „Die Beweise sind erdrückend“, sagt Marshall. Jeder könne die existierenden Senatsprotokolle selbst einsehen.

Von Rüdiger Braun

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