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Kultur Eine Verneigung vor Hellmuth Karasek
Nachrichten Kultur Eine Verneigung vor Hellmuth Karasek
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20:26 30.09.2015
Ein leidenschaftlicher Streiter: Hellmuth Karasek. Quelle: imago stock&people
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Berlin

Selbstverständlich werde er den Nachruf auf Rudolf Augstein schreiben, sagte Hellmuth Karasek, als die „Tagesspiegel“-Redaktion ihren Herausgeber darum bat. Das muss im Jahr 2000, vielleicht auch 2001 gewesen sein. Wie in jeder Redaktion ist es auch beim „Tagesspiegel“ üblich, Nachrufe auf prominente Persönlichkeiten zu Lebzeiten vorzubereiten. Doch Karasek weigerte sich, vorab zu schreiben. Das könne er nicht, nicht, solange Rudolf lebt, sagte er. Versprach aber, wann immer es soweit sei, zur Stelle zu sein. Am 7. November 2002 war es soweit. Karasek saß im Zug, als er von Augsteins Tod erfuhr. Pünktlich lieferte er den Text ab, wie immer passend auf Zeile, von Hand und mit Füller geschrieben. Dass er den Nachruf auf „unseren intelligentesten und daher gebrochensten Täter und Herrscher des deutschen Nachkriegsjournalismus“ mit lila Tinte geschrieben hatte, war den per Fax übermittelten Seiten nicht anzusehen. Wohl aber, dass die Tinte hier und da verwischt war. Hellmuth Karasek muss geweint haben, während er im Zug den Nachruf auf den Mann schrieb, bei dessen Magazin, dem „Spiegel“, er mehr als zwanzig Jahre Chef des Kulturressorts war.

„Das Magazin“ lautete der Titel seines 1998 erschienenen Buches. Darin schrieb Karasek auf, wie Daniel Doppler, sein Alter Ego, die ebenso machtbewusste wie männerbündische, von Intrigen und Selbstironie geprägte Redaktion erlebte. Im Buch säftelt es auf jeder Seite. Karasek war ein Genussmensch. Er liebte es plastisch, nichts Menschliches war ihm fremd, peinlich war ihm sowieso nichts. Wie oft dauerten die täglichen Konferenzen mit ihm länger, als es der Redaktion lieb war. Es gab kaum ein Thema, zu dem ihm nicht noch eine Anekdote einfiel. Klingelte mitten in der Konferenz ein Handy, war es natürlich seines, das er immer vergaß vorher auszuschalten, worüber er sich selbst am meisten amüsierte. Dann fiel ihm auch schon die nächste Schmonzette ein. Zum Beispiel jene, wie ihn seine Frau Armgard zu Hause in Hamburg losschickte, Erdbeeren zu kaufen. Als er zurückkam, war er 20 Euro los. Auf die Idee, sich ein Taxi zu rufen, um zum nahen Isemarkt zu fahren, konnte nur Karasek kommen.

Ein Mann des Feuilletons

Lebenspraktisch war Karasek nicht. Er war ja auch ein Mann des Feuilletons, der Literatur. Aber keiner, der sich vergeistigt zurückzieht und darüber die Menschen um sich herum vergisst. Er sorgte sich, verteidigte einen, wenn es notwendig war. Da war er schon lange kein „Tagesspiegel“-Herausgeber mehr, sondern Kolumnist und Autor bei Springer, jenem Konzern, den er einst aus politischen Gründen bekämpft hatte. Karasek war auch pragmatisch.

Im mährischen Brünn kam er 1934 zur Welt. Er war ein Kind seiner Zeit, war Hitlerjunge und Schüler der Nazi-Akademie Napola. Erst floh er vor der Roten Armee in die DDR, von da in die BRD, studierte Germanistik, Geschichte und Anglistik. Er schrieb Theaterstücke, arbeitete für die „Stuttgarter Zeitung“, ging 1968 zur „Zeit“, 1974 zum „Spiegel“. Eine Grenze zwischen U- und E-Kultur, Unterhaltung und Ernsthaftem, kannte er nicht. Er bewunderte Alfred Polgar, liebte Billy Wilder, dessen Biografie er schrieb. Berühmt wurde Karasek an der Seite Marcel Reich-Ranickis beim „Literarischen Quartett“. Beim Schriftstellertreffen der Gruppe 47 lernten sie sich kennen. Zu Karaseks 70. Geburtstag schrieb Reich, für sie beide habe die Kunst immer nur einem Zweck gedient, „nämlich, schlicht und ganz einfach ausgedrückt, den Menschen Unterhaltung und Vergnügen zu bieten, ihnen Spaß und Freude zu bereiten, ihnen vielleicht sogar, ein großes Wort, zu etwas Glück zu verhelfen“.

Liebenswerter Rateonkel

Witze, sagte Karasek einmal, seien ihm immer Türöffner in die Herzen der Frauen gewesen. Schelmisch lachend kokettierte er mit seinem Arglosigkeit ausstrahlenden Knuddel-Charme. Er scheute sich nicht vor flachen Gags, so wenig wie davor, an Quizsendungen teilzunehmen, wo er als belesener, manchmal etwas trotteliger, aber umso liebenswerterer Rateonkel die Massen unterhielt. Sein letzter öffentlicher Auftritt war der als Werbefigur. Vier Wochen ist der Spot alt. In einem Sessel fläzend rezensiert Karasek „das meistverbreitete Buch der Welt“, ein „möblierter Roman, in dem Menschen selten zu Wort kommen“: der Ikea-Katalog.

In der Nacht zu Mittwoch ist Hellmuth Karasek in Hamburg gestorben. Er wurde 81. Zu gerne hätte man erfahren, was er von der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ hält. An diesem Freitag wird die Sendung mit Volker Weidermann vom „Spiegel“ im ZDF Premiere haben.

Von Ulrike Simon

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