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00:20 18.09.2017
Mit ihrer Stummfilm-Collage ist den Schülern vom Sonnenhof in Mittenwalde ein echter Clou gelungen. Quelle: foto: promo
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Mittenwalde/Potsdam

„Auch wer nicht sprechen kann, hat etwas zu sagen.“ Birgit Schmidt, Leiterin der Schule am Sonnenhof in Mittenwalde (Dahme-Spreewald), möchte erklären, was ein Talker ist. „Die große Spezifik unserer Schule sind unsere Schüler“, sagt sie. Es sind Schwerstbehinderte, die in diesem Teil Deutschland noch gar nicht so lange in den Genuss ernsthafter Schulbildung kommen. 50 Kinder und Jugendliche werden von 19 Sonderpädagogen in Mittenwalde da abgeholt, wo sie sind.

Für die letzte Aufführung der Schultheatergruppe am Mittwochmittag im Saal der Sonnenhof-Schule haben sich einige Eltern extra frei genommen. Es ist zugleich die Generalprobe für Potsdam. Ein vergnügter Junge tritt vor die Stuhlreihen, stippst mit dem Zeigefinger auf ein Gerät und löst eine freundliche Begrüßungsstimme aus: „Sehr verehrte Damen und Herren! Sie befinden sich im Filmstudio Sonnenhof ...“. Und tatsächlich: Für eine halbe Stunde verwandelt sich die Einrichtung mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ in eine Traumfabrik.

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater wird am Sonntagnachmittag bis auf den letzten Platz besetzt sein, wenn die neun Darsteller und acht Trommler aus Mittenwalde auf der großen Bühne ihr Stück „Zur Goldenen Kamera“ aufführen. Sie eröffnen das Bundestreffen der Schultheater, das bis kommenden Samstag in Potsdam durchgeführt wird. Der Aufwand ist enorm. Insgesamt reisen 320 Schüler aus dem ganzen Bundesgebiet an und besuchen 16 Aufführungen und 22 Workshops. Für wie bedeutend das Ereignis gehalten wird, zeigt das 60-seitige Veranstaltungsprogramm, für das Politiker und Verbandsfunktionäre acht Grußworte beigesteuert haben.

In Mittenwalde wurde an dem dreiteiligen Bühnenstück über einen Filmdreh im offenen Fachunterricht mehr als acht Monate geprobt. Im Juni erfuhr die Schule, dass die Bundesjury ihre Inszenierung als Beitrag des Landes Brandenburg für das Treffen der Schultheater der Länder 2017 ausgewählt hat. Viele andere Bewerber, in der Mehrzahl Gymnasien, hätten diese Auszeichnung auch gern davongetragen.

Stolz berichtet die Sonderpädagogin Susanne Langer von dem dreistufigen Auswahlverfahren. Zunächst musste sie die Idee für die Inszenierung schriftlich einreichen. Sieben Schulen bekamen daraufhin eine Einladung, dem Landesverband ein Video einzureichen. Die besten drei Videos wurden dann der Bundesjury übergeben.

Da die Gruppe aus Mittenwalde das vorgegebene Thema „Film“ besonders pointiert in Szene setzt, kommt ihr nun auch die Ehre zu, das Festival in der Filmstadt Potsdam zu eröffnen. Viele Mitspieler verfügen nicht über die Fähigkeit, kontrolliert zu sprechen. Spielleiterin Langer ersann deshalb andere Ausdrucksformen. Der Talker kommt nur am Anfang zum Einsatz. Schilder mit Sätzen wie „Bleib doch bitte. Ich mag Dich so“ oder „Ein Jahr später“ werden von einem Mädchen über die Bühne getragen. Die vier Hauptdarsteller, Jugendliche mit Down-Syndrom, spielen eine Restaurant-Szene. Zwei Kellner (Eddy und Christof) begrüßen und bedienen ein Gästepaar (Jasmin und Tobias). Zunächst werden die Zuschauer in die Stummfilmzeit versetzt, irgendwann tanzen alle Charleston.

Bis der Regisseur (Max) einschreitet und die Szene abbricht. Klappe. Das Rendezvous im Restaurant wird nun noch einmal von vorn erzählt – in einer anderen Stilistik. Plötzlich tut sich ein Western Saloon auf, die beiden Gäste tragen Cowboyhüte und Colts im Gürtel, eine Schießerei kann knapp verhindert werden. Im dritten Teil herrscht dann Gruselfilm-Stimmung. An Mänteln, Hüten und Tischdecke kleben Spinnweben. Getrieben vom Blutdurst trinkt der Gast mit dem Vampirgebiss sogar aus einer Vase, in der rote Rosen stehen.

Die Akteure sind keine Statisten, sie haben sich intensiv mit jedem Genre beschäftigt, das drückt sich in ihren Gesten aus. Der Zuschauer kommt aus dem Stauen nicht raus, wenn er allein in das Gesicht von Jasmin schaut. So faszinierend reich ist ihre Mimik und ihr Augenspiel.

Für eine zünftige Ouvertüre und mantraartige dramaturgische Zäsuren sorgt die achtköpfige Perkussionsgruppe „unschlagbar“ unter Leitung der Musikpädagogin Katharine Sandow. Sie schlagen simple Rhythmen mit bloßen Händen auf Djemben. Ein sinnliches Erlebnis, das vor allem dem einen Schüler sichtlich Genuss bereitet, der seine Hände nicht genau steuern kann. Neben ihm sitzt ein Helfer und führt ihm die Arme.

Gutes Theater berührt, dieses gleich doppelt. Heike Schade, Chefin der Brandenburgischen Landesarbeitsgemeinschaft Theater in Schulen e.V. , schwärmt: „Theaterspielen verändert – laute Menschen werden leise und leise manchmal laut.“ Und Tobias Wellemeyer, Intendant des Hans-Otto-Theaters, sieht zwar auch die viele Arbeit, die seine Mitarbeiter für die Gäste zusätzlich leisten, freut sich aber über die „supergute Energie“.

Von Karim Saab

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