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Eine schwarze Messe und ein wenig Erotik

Dave Gahan in Berlin Eine schwarze Messe und ein wenig Erotik

Dave Gahan hat am Freitag ein Konzert im Berliner Tempodrom gegeben, das fast intim gewirkt hat – nicht mehr die Stadien, die er sonst mit Depeche Mode bespielt, standen auf dem Programm, diesmal hat er die britischen Soulsavers an der Seite gehabt. Sie feierten eine schwarze Messe, dunkel und intensiv, Gahan hat sie sichtlich genossen.

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Dave Gahan.

Quelle: dpa

Berlin. Endlich kann Dave Gahan in sich ruhen, er konzentriert sich auf die kleinen Tanzschritte und Pirouetten, er muss nicht mehr wie aufgezogen über jene großen Bühnen rennen, die er mit Depeche Mode bespielt. Ins Berliner Tempodrom, mit 3500 Plätzen eher überschaubar, kam er am Freitag mit neuer Begleitung: Die Soulsavers sind düstere Gesellen, ihre Musik ist entschieden auf Moll gestimmt – mehr noch als die von Depeche Mode, deren Lieder immer noch so etwas wie einen kraftvollen Aufbruch verkörpern. Mit den Soulsavers aber, sechs Briten in dunklem Gewand, geht es Richtung Einsamkeit und hin zu einer Spielart der Intimität, die an Konzerte in verrauchten Kellern und die rote Beleuchtung des Bordells erinnert.

   Dave Gahan, 53 Jahre alt, ist dünn, schlank und erotisch auf eine Art, die Frauen dazu animiert, dem Jungen erstmal was zu kochen. Gahan trägt ein schwarzes enges Hemd und eine schwarze enge Hose. Dazu helle Schuhe mit maßvollem Absatz. Seine Stimme sitzt, sie ist dunkel und hat einen doppelten Boden, sie predigt, manchmal singt sie auch. Gahan beherrscht die Gestik eines Priesters, der die Kirche in den Bann schlägt mit Geschichten aus dem Alten Testament. Immer steckt ein Schmerz in diesen Storys, und wer die beiden Alben hört, die Gahan mit den Soulsavers vorgelegt hat, der möchte eine Kerze für den Mann anzünden, der da vorne tanzt in einem Stil, als müsse er sich Dämonen vom Leib halten.

   80 Minuten dauert das knappe Konzert, das binnen Stunden ausverkauft war. Keine überlebensgroße Leinwand hängt über  Gahan, keine Lichtshow, die irgendwie ambitioniert zu nennen wäre. Der Trumpf des Auftritts ist das Schwarz, allgegenwärtig bei Band und Sänger, auch im Publikum, gerade so, also sei das ein Auftritt im Kalten Krieg, der seinen Motor in dem Pessimismus findet, der in den 80ern die Welt beherrscht hat. Damals haben Depeche Mode begonnen, diese Stimmung konservieren sie bis heute. Auch Dave Gahan ist ein Miesepeter, der künstlerisch vom Fatalismus lebt. Freilich mit einem derart sexuellen Anstrich, dass auch Gahans Schmerzensschreie nach Lust klingen.

   Am Ende das Wunder: Er sing „Walking In My Shoes“, ein Stück von Depeche Mode, dieser Band, deren große Form und übergroße Gesten er an diesem Abend scheut. Dieser Song wirkt im kleinen Rahmen des Tempodroms auf einmal wie ein schönes Popstück, nicht mehr wie die Stadionhymne, die bei Depeche Mode von Hysterie flankiert wird, wie diese Band ja generell von der Verehrung ihrer Fans erdrückt wird.

   Dave Gahan hat sich  am Freitag Abend dieser Bürde und der kaum mehr fassbaren Liebe der Zuschauer entzogen, er hat eine schwarze Messe gefeiert. Am Ende hielten die Fans auf Zetteln ihren Dank in den erhobenen Händen: „Thanks For Visiting Berlin“. Danke, dass du Berlin besucht hast. Gahan wird den Auftritt wie eine Kur genossen haben – kein zu langer Abend, keine ausufernde Halle, die ihn zum Schreien zwingen würde. Ein Konzert wie auf leisen Sohlen.

Von Lars Grote

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