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Kultur Als Pathos und Ironie nicht mehr zu unterscheiden waren: „Rock of Ages“
Nachrichten Kultur Als Pathos und Ironie nicht mehr zu unterscheiden waren: „Rock of Ages“
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16:35 28.11.2018
Hauptsache exzentrisch!, lautete die Devise. Szene aus dem Musical „Rock of Ages. The 80s Rock“. Quelle: Richard Davenport
Berlin

 Keiner kann etwas für den Musikgeschmack der Zeit, in der er aufgewachsen ist. Besonders zu bedauern sind Menschen, die Ende der 1980er Jahre eine kultureller Identität entwickeln mussten. Zur Erinnerung: Damals waren Vokuhila-Frisuren Mode. Rock und Pop waren längst Manövriermasse des Establishments. Was sollte nach echtem Rock’n’Roll, nach Soul-, Funk- und Disco-Wellen, nach dem Glam-Rock der 70er und dem Punk Anfang der 80er Jahre auch noch kommen?

Die von den Major-Labels ins Rennen geschickten Bands überboten sich in exzentrischem Getöse mit affektierter Theatralik, glamouröser Hardrock-Attitüde und infantilem New-Romantic-Schwulst. Natürlich waren die gitarrenlastigen Machwerke ironisch gemeint, wenn nicht sogar zynisch. Klebrige Ohrwürmer wie „The Final Countdown“ von Europe, „Here I Go Again“ von Whitesnake oder „I Want To Know What Love Is“ von Foreigner quollen aus allen Poren.

Mehr als eine Liebesgeschichte

Wer aber seinen ersten Kuss mit zuckrigem Bombast-Stadionrock verbindet, könnte ein Déjà-vu mit der eigenen Jugendzeit mögen. Das dachte sich der Amerikaner Chris D’Arienzo und platzierte schon 2005 in der alternativen Club- und Schwulenszene von Los Angeles eine ziemlich trashige Musical-Komödie mit dem Titel „Rock of Ages“. 2009 wurde sie vom New Yorker Broadway übernommen. Das zog wiederum nach sich, dass Regisseur Adam Shankman die darin enthaltene Liebesgeschichte auf Hollywood-Niveau trimmten und 2012 einen gleichnamigen Musicalfilm herausbrachten. Aus allen Versionen des Retro-Stoffes spricht die Sehnsucht der Amerikaner nach einer Ära, in der die USA (trotz eines Cowboy-Präsidenten wie Ronald Reagen) noch unwiderstehlich, tonangebend und mächtig waren.

Zurück zu den Comedy-Ursprüngen des Musicals „Rock of Ages“, sagte sich eine Theater-Crew aus London, die die Verfilmung mit Tom Cruise gar nicht mochte und grub noch einmal die spöttische Originalfassung aus, die nun vom 4. bis 9. Dezember im Berliner Admiralspalast gastiert. Die auf Pointen gebürsteten Dialoge beamen das Publikum zurück in eine Zeit, als es im Fernsehen üblich war, Publikumslacher einzuspielen. Das Regieteam legt großen Wert auf nostalgische Details. Die Schnurrbärte der Männer, der erotisierende Pooldance der Frauen, riesige, schwarze Lautsprechertürme, knallbunte Kühltaschen und Schnurtelefone suggerieren die Zeitreise. Nur den Zigarettenqualm, der damals üblich war, muss sich das Publikum von heute dazudenken.

Als Parodie angelegt

Die Liveband rekonstruiert ebenfalls das spezielle Sounddesign der späten 80er inklusive eines Schlagzeuges mit besonderen Bassdrum-Tiefen. Alles soll hochtourig und hitzig über die Rampe kommen. Für gefühlstiefe Ruhepunkte sorgt auch keine der triefenden Schulzen, die das Bühnengeschehen persiflieren. Die als Parodie angelegte Inszenierung erzählt eine Geschichte voller Fallhöhen, die sich in einem legendären Nachtklub abspielt, dessen Existenz von Bauspekulanten bedroht wird.

Das übliche Musical-Schema wird durchbrochen. Die Songs illustrieren nicht nur die Handlung, sondern kommentieren sie und sorgen als Hintergrundmusik oft für einen doppelten Boden. In der Inbrunst des Gesangs artikuliert sich der ganze Überschuss an aufgesetztem Pathos. Gipfelpunkt damals: die von mehr als 20 Stars eingesungene Live-Aid-Hymne „We Are The World“.

Die bösen Investoren sind natürlich Deutsche

Zugleich waren aber auch plumpe Lachnummern und betontes Augenzwinkern angesagt. In der Bühnen-Farce verleiht der Sohn eines Erzkonservativen durch sein Outing als Schwuler der festgefahrenen Handlung neuen Schwung. Auch eine hässliche Kampflesbe, die eine Bürgerinitiative anführt, wird sich verwandeln. Und einer der beiden bösen Investoren bekennt plötzlich: „Ich bin nicht schwul, ich bin deutsch.“

Das Musical wird in englischer Sprache aufgeführt. Die Besucher in Berlin können einmal leibhaftig studieren, wie Engländer die Deutschen karikieren. Wenn sie absichtsvoll radebrechen, klingt das in deutschen Ohren, also seien sie Inder.

Sei’s drum. Während eben noch die Abrissbirne auf der Bühne gewütet hat (begleitet von dem Hardrock-Schlager „The Final Countdown“), heißt es am Ende noch einmal „We Built This City on Rock“. Städte wie Berlin kultivieren heute gern das Gefühl, auf Rock'n'Roll gebaut worden zu sein.

info Rock Of Ages – The 80s Rock Musical. 4.- 8. Dez. 20 Uhr, 8. Dez. 16 Uhr. 9. Dez. 14+18 Uhr. Admiralspalast. Friedrichstraße 101, Berlin-Mitte. Karten an allen Vorverkaufskassen und in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2840284.

Von Karim Saab

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