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Kultur Gestaltungsrat urteilt über geplanten IT-Neubau in Potsdam
Nachrichten Kultur Gestaltungsrat urteilt über geplanten IT-Neubau in Potsdam
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10:43 13.12.2018
In dem überarbeiten Entwurf werden die RAW-Hallen von einer eingeschossigen Brücke gedeckelt. Quelle: KlierM
Potsdam

Das Tauziehen um einen 100 Millionen-Neubau auf dem RAW-Gelände in Potsdam ist in vollem Gange. Am Freitag positioniert sich der Gestaltungsrat in einer öffentlichen Sitzung zu dem geplanten „Creative Village/Innovation Lab“. In erster Linie werden die sechs Fachleute darüber urteilen, ob sich die geplanten 25 000 Quadratmeter vermietbarer Gewerbefläche auf sieben Etagen mit dem Potsdamer Stadtbild vertragen. Das Berliner Architekturbüro Jürgen Mayer H. hat europaweit, von Spanien bis Georgien, viele gelungene Projekte vorzuweisen.

Ein erster Entwurf, der Ende Mai die Runde machte, wurde von Mayer H. noch einmal deutlich überarbeitet. Die eigentlich reizvolle Idee, die unter Denkmalschutz stehenden RAW-Hallen nicht völlig zu überbauen, sondern durch zwei miteinander korrespondierende, sich aber nicht berührende Gebäudeteile diagonal zu rahmen, wurde verworfen. Wie in der Sitzung des Bauausschusses am Dienstag deutlich wurde, geht dieser Sinneswandel auf eine Empfehlung des Gestaltungsrates zurück, der sich mit dem Projekt schon einmal befasst hat. In Architektenkreisen wird die Überspannung der Hallen kritisch gesehen. Der Bestand von 1912 komme zu wenig zur Geltung, heißt es. Die auratischen, gläsernen Zackendächer der Hallen würden gedeckelt und zu wenig respektiert.

Rasterstruktur wird diagonal durchkreuzt

Der zur Diskussion stehende Entwurf misst am höchsten Punkt an den östlichen Bahngleisen in Richtung Babelsberg 33 Meter. Die schwungvolle Dachkonstruktion interpretiert die fünf symmetrischen Dreiecksgiebel der alten Lok-Hallen auf expressive Weise. In der bis zu 14 Meter hohen alten Bausubstanz soll eine „Begegnungslandschaft“ mit zum Teil gläsernen Arbeitsräumen etabliert werden, womit der Architekt Mayer offenbar offene Türen einrennt. Sogar Denkmalpfleger begrüßen den Innenausbau für eine vielfältige Nutzung. Nicht unumstritten in Fachkreisen ist aber der massive Bauriegel, der die gegebene Rasterstruktur an der Friedrich-Engels-Straße diagonal durchkreuzt. Es entstehe eine hohe Kante, deren Flucht im städtischen Raum ins Leere laufe, so die Skeptiker.

Der geplante Neubau an den Bahnhofsgleisen, von Norden aus gesehen. Quelle: promo

Einige Stadtpolitiker haben sich vorab bereits zu Wort gemeldet. Wieland Niekisch (CDU) spricht von einem „ einem gigantischen Torriegel“, der nicht zu Potsdam passe. Saskia Hüneke (Die Grünen) kritisierte die „Dimensionen des Baus“. Die Dominanz gegenüber dem Denkmal sei „noch sehr groß“. Sie möchte die höchste Bauhöhe auf 25 Meter begrenzen. Auch André Tomczak (Die Andere) vermisst „jede Feinfühligkeit und jeglichen Maßstab“. Aus den Plänen spreche vor allem „der Wunsch nach einer absoluten Gewinnoptimierung“. Einige Aktivisten der Initiative Mitteschön sprechen sogar von „einer weiteren Zerstörung der Stadt“. Doch Willo Göpel, ein Historiker aus ihrer Mitte, mahnt: „Wir sollten uns nicht in Industriegebieten verkämpfen“.

Architektonischer Brückenschlag ins 21. Jahrhundert

Die historistischen Repliken auf der Havelseite gegenüber (Landtagsschloss, Museum Barberini, Garnisonkirche usw.) haben Potsdam den Ruf einer retroseligen Stadt eingebracht. Mit einem anspruchsvollen Neubau an zentraler Stelle könnte nun ein architektonischer Brückenschlag ins 21. Jahrhundert gelingen. Hans-Jürgen Scharfenberg (Die Linke) bezeichnete das Projekt als „große Chance“ für Potsdam. Und meint damit sicherlich vor allem die bis zu 1000 Arbeitsplätze, die der Investor verspricht.

Noch gibt es für das RAW-Gelände keinen Bebauungsplan. Der Vorhabenträger und Eigentümer des Geländes, die RAW Potsdam GmbH, musste sich deshalb in ihren Entwürfen zunächst an keiner Größenordnung orientieren. Das Votum des Gestaltungsrates ist rechtlich nicht bindend. Der Investor und die Stadt Potsdam steuern in einem beschleunigten Verfahren einen Vorhabenbezogenen Bebauungsplan an. Anfang 2019 sollen die Stadtverordneten einen Aufstellungsbeschluss verabschieden. Das wäre für die Verwaltung der Auftrag, einen förmlichen Bebauungsplan zu erarbeiten. Nach einer öffentlichen Auslegung und der Abwägung aller Einwände müssten die Stadtverordneten dann einen rechtsverbindlichen Satzungsbeschluss fassen.

Die Geldgeber sind nicht bekannt

Hinter dem Investor RAW Potsdam GmbH steht offenbar ein unübersichtliches Firmengeflecht, dessen Wurzelwerk bis ins Steuerparadies Zypern reicht. Die eigentlichen Geldgeber sind nicht bekannt und müssen auch nicht bekannt gegeben werden. Geschäftsführer ist Mirco Nauheimer, der mit dem Bereichsleiter der Potsdamer Wirtschaftsförderung, Stefan Frerichs, per Du ist.

Ein Planverfahren ist unabhängig von der Finanzierung, die allein dem Eigentümer überlassen ist. Die Stadt Potsdam ist nicht verpflichtet, die Herkunft der Investionssumme zu prüfen. „Sollten wir konkrete Hinweise darauf haben, dass das Geld aus unseriösen Quellen stammt, würde die Stadt das prüfen“, sagt Rathaus-Sprecherin Christine Homann auf Nachfrage.

Öffentliche Sitzung des Gestaltungsrates: Freitag, 18.45 Uhr. Fachhochschule, Hörsaal, Kiepenheuerallee 5.

Von Karim Saab

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