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Er legte ganze Stadtteile lahm

Streetart in Brandenburg an der Havel Er legte ganze Stadtteile lahm

Mirco Stielow ist Künstler. Graffiti-Künstler. Er ist Teil einer Kultur, die aus dem Alltag und der grauen Tristesse in urbanen Gebieten ausbricht. Der Sprayer bringt seine Umwelt zum Leuchten – und immer mehr Auftraggeber zeigen, dass die Kunst längst in der Mitte angekommen ist. Doch das war nicht immer so, denn früher hat er illegal ganze Stadtteile in Brandenburg lahmgelegt.

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Mirco Stielow belebt graue Wände.

Quelle: Christin Iffert

Brandenburg an der Havel. Einfarbige Hauswände, monotone Trafohäuschen oder kahle Brücken spiegeln für Mirco Stielow eine Alltagstristesse in Städten wider. Doch das Leben des Brandenburgers ist bunt. Farben und Kontraste sollen mit dem Einheitsbrei brechen. Häuser müssen aufleuchten, Städte scheinen und ausbrechen aus dem Grau in Grau. „Es soll richtig knallen.“ Seine Hände tauchen in graue Handschuhe ein, die von bunten Spritzern und Streifen übersät sind - rot, grün, weiß, blau. Dann nimmt er sich aus einer seiner Kisten drei Dosen, geht zu einer riesigen Hausfront und klettert mit Leichtigkeit auf ein Gerüst, das er kurz zuvor aufgebaut hat. Mirco Stielow ist Streetart-Künstler.

Seine Leinwände sind zumeist Fassaden. Sie finden sich überall im öffentlichen Raum – in der Heimatstadt Brandenburg an der Havel, Neuruppin, Kloster Lehnin, manchmal bundesweit. Der Radius seiner Kunst ist unbegrenzt. Zu 90 Prozent arbeitet er mit der Dose. Graffitis nennt man die Werke des 40-Jährigen. Sie sind eine Abstraktion der Wirklichkeit. Oft leuchtender als die Realität, gepaart mit Einflüssen aus bunten, kindlichen Comics. Stielow hat sich damit Anfang 2000 selbstständig gemacht. In der Regel beauftragen ihn Privathaushalte oder Firmen, wie aktuell eine große Supermarktkette in Brandenburg an der Havel, die auf eine individuelle Außenwerbung setzt. Es sind jene, die sich abheben wollen und gleichzeitig eine Möglichkeit suchen, Schmierereien vorzubeugen. Und die Auftraggeber, sie werden mit jedem Jahr mehr. Streetart ist im urbanen Umfeld längst nicht mehr wegzudenken.

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Mirco Stielow ist Streetart-Künstler aus Brandenburg an der Havel. Seine Kunst kommt aus der Dose – und seine Graffitis sind Teil seines Lebensgefühl, dem Hip Hop. Einst war er illegal in den Nächten unterwegs. Heute nimmt er sich Zeit für seine kommerziellen Werke. Er geht den legalen Weg. Wir zeigen seine Kunst.

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Dass Stielow sich legal der Kunst widmet, war nicht immer so. Früher ist er nachts illegal durch seine Heimatstadt, die Region und manchmal auch durch Berlin gezogen. 29 Jahre ist es her, seit der Künstler das erste Mal eine Dose in der Hand hielt. „Ich habe damals irgendwo im Keller eine Sprühdose gefunden und dann ging es los“, erinnert er sich.

Zur Wende war der Osten „Anarchieland“

Die Anfänge spielen in die Wendezeit. Seine ersten Touren in den Berliner Westen offenbaren etwas, das er vorher lediglich aus vereinzelten Filmen kannte. Sie eröffnen dem kleinen Jungen eine bunte Welt, ja eine ungekannte Kultur zwischen Ice-T und MC Hammer. „Graffiti ist eine Facette vom Hip Hop. Es ist nicht nur einfach Kunst, sondern Teil eines Lebensgefühls“, sagt er. Untrennbar und geprägt durch einen Zusammenhalt, den er heute oft vermisst. Und im Osten, da wurde es den Jugendlichen leicht gemacht. „Das war hier zur Wende Anarchieland. Wir konnten machen, was wir wollen. Es gab kaum richtige Gesetze, die die Leute vom Sprühen abgehalten hätten“, meint Stielow. Meistens griffen sie zu Dosen mit Autolack, denn sogenannte „Cans“, wie man sie heute in spezialisierten Läden oder auch über das Internet kauft, gab es nicht. Manchmal reichte das Taschengeld nicht aus. Die Verführung, eine Dose einzustecken, war groß.

Mirco Stielow ist zurück in dem Stadtteil, in dem er aufwuchs, um eine Supermarktwand einzigartig zu machen

Mirco Stielow ist zurück in dem Stadtteil, in dem er aufwuchs, um eine Supermarktwand einzigartig zu machen.

Quelle: Christin Iffert

Aufgewachsen ist Mirco Stielow in Hohenstücken. Den sozialschwachen Stadtteil bezeichnen viele Brandenburger als „Ghetto“ – damals und heute. Dort entwickelte sich schnell eine größere Szene, die den Hip Hop lebte. Es bildeten sich Gruppen aus unterschiedlichen Sprayern, die sich trafen, sobald die Lichter in den Wohnungen ausgingen. Sie wollten sich aus der Masse abheben, so wie das Subkulturen schon seit jeher taten. Graffitis wurden zum Ventil. „In der Zeit, in der wir jung waren, wollten wir Gehör finden und aus dem Anonymen ausbrechen.“ Oberste Prämisse: sich einen Namen machen. In der Szene dauerte es nicht lange, bis alle wussten, wer der Hip Hopper war. Während er aus seiner Vergangenheit erzählt, fahren Autofahrer an ihm vorbei. Sie werden langsamer, als sie den 40-Jährigen sehen. Nicht, weil sie begutachten, warum er an der Hauswand sprüht. Sie lassen die Fenster hinab, halten kurz und grüßen den Künstler, während aus dem Auto laute Beats dröhnen. Einmal bringt ihm ein junger, blonder Mann einen Döner und wartet geduldig, bis Stielow Zeit zum Reden hat. Der Künstler steift seine Handschuhe ab und greift in seiner Pause zur Zigarette und zündet sie an. Immer wieder blickt er dabei auf die große Wand, die vor ihm gen Himmel zu ragen scheint und kontrolliert, wo er später wieder ansetzen wird.

Ganze Stadtteile durch Sprayer lahmgelegt

Sprayer wie Mirco Stielow haben in den 90er Jahren ganze Stadtteile lahmgelegt. Manchmal fuhren Zivilfahrzeuge der Polizei vor, als sie Telefonzellen in bunte Schriftzüge tauchten. „Dann sind wir gerannt und ich war immer schnell.“ Auf frischer Tat ertappte ihn die Polizei nie. Eine Hausdurchsuchung gab es trotzdem, als er 17 Jahre alt war. „Da wurde ich auf einem Berliner Bahnhof mit einem Rucksack voller Dosen erwischt.“ Während er auf der Wache saß, stellten Beamte die Wohnung seiner Eltern auf den Kopf.

Im Auto des Künstlers sind etliche Kisten mit Farbdosen

Im Auto des Künstlers sind etliche Kisten mit Farbdosen.

Quelle: Christin Iffert

Der markante Künstler mit dem Bart und bunten Tattoos auf seinen Beinen macht kein Geheimnis aus seiner Vergangenheit, sie ist Teil seines Lebens und ein wichtiger Abschnitt seiner Entwicklung. Trotz der ersten Aufträge Mitte der 90er Jahre zog er abends weiter los. Er packte vorher leise seinen Rucksack und schlich sich aus dem Haus. „Meine Mutter wusste was ich mache, aber sie war unglücklich darüber.“ Gestanden hat sie dennoch zu ihrem Sohn. Und er ersparte ihr Kummer – so gut das eben ging.

Stielow kletterte auf Dächer und Balkone

Seine Generation bezeichnet er als alte Schule. „Oldschool eben.“ Es waren Wendekinder, die sich respektierten. Einer inspirierte den anderen. Wenn eine Schule komplett von oben bis unten von Gleichgesinnten beschmiert wurde, „dann haben wir das gefeiert und überlegt, wie das zu toppen ist.“ Mirco Stielow fand einen Weg und wurde zum Vorreiter in der Stadt – gemeinsam mit seinen „Jungs“. Sie begannen mit Roof Tops. Das sind Schriftzüge an Dachvorsprüngen. Sie kletterten auf Balkone und riskierten für immer größere Schriftzüge und den Nervenkitzel in 20 Metern Höhe ihr Leben. „Als wir damals auf diesen Dächern standen, war das ein krasses Gefühl. Du blickst nach unten und siehst die Lichter und Autos oder einen Polizeiwagen und Beamte, die keine Ahnung haben, dass du da oben bist.“

Der Künstler verschweigt seine Vergangenheit nicht

Der Künstler verschweigt seine Vergangenheit nicht. Bis heute lebt er den Hip Hop – als Sprayer und bekannter DJ.

Quelle: Christin Iffert

Die Schule blieb auf der Strecke. Einen Abschluss hat er nie gemacht – und auch keine Ausbildung. „Ich habe es nie geschafft, mich unterzuordnen“, sagt er. Verwirklichen konnte er sich nur in der Kunst. Graffitis, Breakdance, das Auflegen von Platten als DJ – das war sein Leben. Und es ist es noch.

Wendepunkt: Legal unterwegs für die Familie

„Aber Zeiten ändern sich – und sie ändern dich“, sagt Stielow. Der Respekt unter den Sprayern schwand. Jugendliche neuer Generationen übermalten, was innerhalb von mehr als zehn Jahren entstanden war. „Crossen“ nennt man das in der Szene und gilt als Beleidigung. „Manche waren richtig auf Krawall gebürstet. Das war mir zu doof.“ Er war längst zu reif, um sich ein Wetteifern mit Kindern zu liefern. Seine Kunst sollte langlebig sein. Gleichzeitig stieg die legale Nachfrage an seinen Werken. Die 2000er, sie wurden zum Wendepunkt – seither nennt er sich „ Stylografixxx“. Aus dem einstigen „Schmierfinken“ ist ein professioneller Künstler geworden, der mit seinen Graffitis den Lebensunterhalt für seine Familie erwirtschaftet. Er hat inzwischen einen vierjährigen Sohn. Mit ihm und seiner langjährigen Lebensgefährtin ist er in seiner Heimat, der Havelstadt, geblieben. Sein Mittelpunkt ist heute ein anderer Stadtteil.

Zur BUGA in Brandenburg an der Havel gewann er einen Ausscheid und konnte eine Brücke in Farbe hüllen

Zur BUGA in Brandenburg an der Havel gewann er einen Ausscheid und konnte eine Brücke in Farbe hüllen.

Quelle: privat

Die Art, Kunst zu machen, hat sich gewandelt. Der Zeitdruck und das Gefühl, erwischt zu werden, sind weg. „Man malt die Bilder anders“, sagt der 40-Jährige. Stielow ist gewachsen an dem, was er auf Fassaden bringt. Gesichter, Autos oder Gegenstände wirken realistischer und stimmen in den Proportionen. Sein eigener Stil, der sich in 29 Jahren entwickelt hat, blieb. Der sei wie eine Unterschrift, die sich mit der Zeit festigt und sauberer wird. Sein Blick wandert seinen Körper hinab. Dann zupft er an seiner grauen, mit Farbe beschmierten Jacke. „Der Grundbaustein steht, aber man leuchtet durch Farben und das Füllen der Bilder oder das Einbringen von Figuren.“ Er zeigt auf sich. Schließlich sehe er auch immer gleich aus, habe nur jeden Tag andere Sachen an.

Streetart ist Kunst, keine Schmiererei

Streetart als Schmierereien abzutun, wird der Kunst nicht gerecht. „Sie hat ja mehrere Facetten. Ob das nun irgendwelche Typen sind, die Poster an die Wand kleben, mit Schablonen Stencil-Art machen oder ob es die sind, die mit der Dose unterwegs sind – in jedem steckt ein richtiger Künstler“, meint Stielow. Jeder habe eine ganz eigene Geschichte und Gründe, das zu tun. Dass Kunst wie diese nicht jedem gefällt, sei klar. Schon seit Jahrhunderten war Kunst stets eine Geschmacksfrage.

Respekt davor und auch die eigene Geschichte verbieten Mirco Stielow das Verurteilen von Menschen, die nachts illegal mit Dosen durch die Städte ziehen. „Man darf nie vergessen, wo man herkommt“, sagt er. Dann richtet er seine schwarze Mütze, aus der seine verfilzten zu Dreads geformten Haare hervorstehen. Doch auch die Sprayer würden irgendwann älter werden und sich fragen, welchen Weg sie weiter beschreiten. Veränderung ist nicht immer schlecht. Einen wichtigen Aspekt, den der Graffiti-Künstler mit dem Ausbrechen aus der Illegalität verbindet, ist der Wert für die Allgemeinheit. Bilder, die reifen, dienen nicht nur der eigenen Entwicklung und Verwirklichung. Sie erfreuen Mitmenschen statt sie zu verärgern. Meistens.

Die Kunst ist sein Leben

Musik, Graffiti, Kunst – das ist sein Leben. „Ich möchte heute auch nichts anderes mehr machen.“ Könnte er wieder wählen, würde er allerdings die Schule beenden. Dass Abschlüsse wichtig sind, transportiert der Familienvater auch in Schulen, in denen er Workshops anbietet. Präventionsarbeit im klassischen Sinne. „Die Jugendlichen wissen, wie ich angefangen und welche Scheiße ich gebaut habe.“ Langfristig hofft er, dass Streetart zum festen Bestandteil des Unterrichts wird. Einerseits, um dem Nachwuchs die Risiken der Illegalität und damit den Weg der Legalität aufzuzeigen. Andererseits habe sich Kunst seit Jahrhunderten in einem Wandel befunden. „Die können in der Schule natürlich die Grundlagen schaffen, wie man etwas malt. Aber interessiert es die Jugend von heute wirklich, wie man immer und immer wieder schön mit Pinsel und Farbe arbeitet, wie das einst die Maler mit ihren Ölbildern gemacht haben“, fragt er.

In Schulen macht Mirco Stielow Workshops mit Kindern und Jugendlichen

In Schulen macht Mirco Stielow Workshops mit Kindern und Jugendlichen. Er zeigt ihnen legale Wege auf.

Quelle: Christin Iffert

Dann greift Stielow zu einer der drei Dosen, die er sich zu Beginn ausgesucht hat. Er zieht sich erneut die Handschuhe an und setzt an der Hauswand des Supermarktes in dem Stadtteil an, in dem er aufgewachsen war: Hohenstücken. Er füllt gefühlvoll eine kleinere Fläche mit leuchtendem Grün. Bunt, wie sein Leben – und legal.

Von Christin Iffert

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