Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Erfasst, verfolgt, vernichtet
Nachrichten Kultur Erfasst, verfolgt, vernichtet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 21.06.2017
Die 14 Jahre alte Marianne Schönfelder mit ihrem Neffen. 1945 starb sie in der Tötungsanstalt Großschweidnitz. Quelle: Privat
Anzeige
Potsdam

Bilder wie dieses gibt es hunderttausendfach in den Fotoalben der Welt. Gerhard Richters Ölgemälde zeigt ein adrett gekleidetes Mädchen und einen Säugling Anfang der 1930er-Jahre. Der Kleine ist nicht ihr Sohn; die gerade 14 Jahre alte Schülerin posiert mit ihrem Neffen für den Fotografen. Das Mädchen heißt Marianne Schönfelder, sie ist die namensgebende „Tante Marianne“ Richters. Er ist der Säugling auf dem Bild. Mit 21 Jahren wurde Marianne Schönfelder wegen einer Erkrankung, mutmaßlich handelte es sich um Schizophrenie, in die Landesanstalt Arnsdorf im sächsischen Landkreis Bautzen eingewiesen. Die junge Frau wurde zwangssterilisiert. Im Februar 1945 starb sie in der Tötungsanstalt Großschweidnitz.

Gerhard Richter, heute der teuerste lebende Künstler unserer Zeit, machte mit seinem einem Familienfoto nachempfundenen Gemälde die ermordete junge Frau unsterblich. Die gerade in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße eröffnete Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet“ befasst sich mit dem Schicksal kranker und behinderter Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus. Marianne Schönfelder ist einer der dort aufgegriffenen Fälle.

Die 2014 konzipierte Ausstellung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde erreicht mit Potsdam bereits ihre 31. Station. Rund 40 Informationstafeln zeigen Täter und Opfer des Wahnsinns der sogenannten Rassenhygiene. Zwangssterilisationen und Mord waren an der Tagesordnung. Zwischen 1933 und 1945 wurden etwa 350 000 bis 400 000 Menschen auf Anordnung sterilisiert. Etwa 4000 dieser Anträge wurden am Potsdamer Erbgesundheitsgericht verhandelt, das sich bis 1944 in den Räumen der heutigen Gedenkstätte befand. In einer Zeit, in der das Mutterkreuz begehrte Anerkennung für die erfolgreiche Vermehrung deutschen Blutes war, wurden hier Tausende Menschen der Möglichkeit beraubt, Kinder zu zeugen oder zu bekommen. Ihre Leben wurden unabänderlich für immer verändert. Grundlage dessen war das 1933 erlassene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, es erlaubt, vermeintlich „Erbkranke“ und Alkoholiker unfruchtbar zu machen. Schizophrenie, manisch-depressive Störungen, Epilepsie, Chorea Huntington, Blind- oder Taubheit – die Krankheitsbilder, die das Gesetz erfasste, waren so vielfältig wie die Schicksale der Betroffenen.

Ernst Lossa, 1929 in Augsburg geboren, wurde im Alter von 15 Jahren in Kaufbeuren ermordet. David Föll, ein Schreiner aus Schwäbisch Hall, war 82 Jahre alt, als er umgebracht wurde. Die Hausfrau Gertrud Stockhausen starb ebenso wie die Avantgarde-Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler. Töchter aus höherem Hause traf es in gleichem Maß wie Jungen aus Arbeiterfamilien. Rund 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen starben während der systematischen Ermordung, die nach dem Krieg als Aktion T4 bezeichnet wurde. Die Tatorte heißen Hamadar, Pirna-Sonnestein oder Brandenburg-Görden, sie sind weit weniger bekannt als die Konzentrations- und Vernichtungslager, in denen die Nazis die Massenmorde an den europäischen Juden, der Roma-Minderheit und anderen Bevölkerungsgruppen ausführten. Doch zwischen den Einrichtungen besteht ein enger Zusammenhang, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Lindenstraße, Amélie zu Eulenburg, erläutert: „Die Euthanasie-Morde waren die Probe für die späteren Morde in den Lagern“, sagt sie. Die kranken Menschen wurden mit Kohlenmonoxid erstickt, später wurde Zyklon B genutzt. „Das ist eine Weiterentwicklung der erprobten Methoden“, sagt die Historikerin. Viele der Täter wechselten nach dem Ende der Krankenmorde schlicht den Arbeitsplatz und übten ihr blutiges Handwerk nun in den Vernichtungslagern aus.

Das Wort für die Entrechteten ergriff während der gesamten Zeit kaum jemand. Sie selbst wehrten sich in vielen Fällen gegen die angeordneten Sterilisationen, wurden häufig durch die Polizei in die Operationssäle gezwungen und mussten anschließend die Einsatzkosten tragen. Wer die Torturen überlebte, wurde auch in der Nachkriegszeit kaum angehört oder entschädigt, die Täter hingegen behielten ihre gut bezahlten Stellen als Mediziner und Richter. Fürsprecher gab es auch jetzt für das als „unwert“ bezeichnete Leben kaum.

Selbst die Familien der Opfer verhinderten in einigen Fällen die Entlassung ihrer Angehörigen: „Nach allen Erfahrungen, die wir als Eltern gemacht haben, haben wir eingesehen, dass es besser ist, ein Glied der Familie leide, als dass alle andern schwer mitleiden und zu Grunde gehen“, schreibt etwa Carl Stellbrink. Seine Tochter Irmgard Heiss ist seit 1925 Patientin in verschiedenen Pflegeanstalten. Erst 1941, Heiss befindet sich in der Mordanstalt Weilmünster und ist längst in lebensbedrohlichem Zustand, wird die Familie sie nach Hause holen. Heiss stirbt an den Folgen der Heimaufenthalte. Denn ihre Familie hatte entschieden, dass Irmgard Heiss’ Leben weniger wert ist, als das der gesunden Verwandten.

„Erfasst, verfolgt, vernichtet“ in der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 läuft noch bis zum 3. August. Der Eintritt beträgt 2 Euro.

Von Saskia Kirf

Ein großer Ruf eilte Fred Wesley voraus. Der Posaunist hat in den Sixties mit Count Basie und James Brown gespielt und gilt als Miterfinder des Funks. Die Jazznacht in Potsdam bot auch andere Farben des Jazz. Wie schaffte es der Amerikaner, dass zum Schluss sogar getanzt wurde?

21.06.2017

Die zweite Ausstellung im Museum Barberini am Alten Markt in Potsdam hat am ersten Tag nicht den ganz großen Besucheransturm ausgelöst. Auch konnten die Erwartungen nicht aller Besucher erfüllt werden.

17.06.2017
Kultur Amerikas Weg in die künstlerische Moderne - Zweite Schau im Museum Barberini eröffnet

Hopper, Rothko, Pollock. Nordamerikanische Künstler fanden ihren eigenen Weg in die Moderne. Sie setzten auf die Freiheit der Farben, der Malerei und der Themen. Die faszinierende Entwicklung ist jetzt in Potsdam zu erleben.

17.06.2017
Anzeige