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Kultur Erfolgsautorin Borrmann kommt nach Potsdam
Nachrichten Kultur Erfolgsautorin Borrmann kommt nach Potsdam
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20:42 18.09.2017
Es dauerte Jahre, bis die Trümmer des Zweiten Weltkrieges weggeräumt waren. Die seelischen Verletzungen wirken immer noch nach. Quelle: dpa
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Potsdam

Wer in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen ist, hat oft erst als Erwachsener realisiert, wie sehr Eltern und Großeltern noch unter Schock standen. Mechtild Borrmann kam 15 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Köln auf die Welt und erlebte also von Kindesbeinen an Menschen, die traumatisiert waren, die schwiegen, verdrängten oder beschönigten.

Vergangenheit aus der Gegenwart heraus erzählt

Vertrackte Lebenswege wurden das Lebensthema dieser klugen und feinfühligen Autorin. „Trümmerkind“ ist nicht ihr erster lesenswerter Roman, in dem sie Familiengeschichten und Zeitgeschichte zu einem spannenden Krimi verwebt. Dabei legt Mechtild Borrmann großen Wert darauf, die Vergangenheit aus der Gegenwart heraus zu erzählen. Angehörige der nächsten oder gar übernächsten Generationen treibt ein konkretes Interesse, die alten Muster zu erkennen und die hässlichen Dramen aufzudecken.

Eine Lehrerin, ein Architekt

In diesem Buch, das die moralische Schuldfrage nur mittelbar aufwirft, gibt es gleich zwei Figuren, die allen Grund haben, in den alten Geschichten zu stochern. Anna, eine 40-jährige westdeutsche Lehrerin, musste ihr Leben lang mit einer Alkoholiker-Mutter klarkommen, die offenbar ihre Flucht als junge Frau aus der Ostzone nicht verkraftet hat, wo die Familie ein Gutshaus bei Templin bewohnte. Nach dem Fall der Mauer begibt sich diese Tochter in die Uckermark – auf Spurensuche. Sie stößt auf ein Foto, das nahelegt, dass die Mutter nicht die ist, die sie zu sein vorgibt. Joost hingegen, ein Architekt, erfährt kurz vor seinem 50. Geburtstag 1992, dass ihn seine Mutter gar nicht geboren hat. Er wurde am 26. Januar 1947 als verstörter Dreijähriger neben der Leiche einer Frau in Hamburgs Ruinen gefunden. Nun soll Joost das verfallene Gut Anquist wiederherrichten.

Dass beide Geschichten miteinander zu tun haben, ahnt der Leser schon auf den ersten Seiten. Am Ende ist dann aber alles überraschend anders. Aus den drei Zeitebenen, 1945, 1947 und 1992, erschließt sich ein breites Panorama deutscher Geschichte. Der Leser überlässt sich gern dem direkten, mitreißenden Erzählfluss dieser Autorin und ihrer unaufgeregten Dramaturgie.

Lesung in Potsdam am Donnerstag

Noch mehr lohnt es sich, eine Lesung mit Mechtild Borrmann zu erleben, denn sie fischt nicht nur im Krimi-Genre, sie verfügt auch über einen literarischen Ton. Die Bielefelderin war bereits vor zwei Jahren einmal Gast in der monatlichen MAZ-Lesereihe Krimi live. Vielleicht ist deshalb auch in ihrem aktuellen Buch, das sie am Donnerstag in Potsdam vorstellt, so oft vom Nachwende-Potsdam die Rede.

Lesung in Potsdam

Mechtild Borrmann war Tanz- und Theaterpädagogin, Therapeutin und Wirtin, bevor sie Autorin wurde.

Mit Romanen wie „Der Geiger“ (2013), „Die andere Hälfte der Hoffnung“ (2015) erreichte sie viele Leser. Ihr neues Buch heißt „Trümmerkind“ (Droemer, 304 Seiten, 19.99 Euro).

Am 21. September

KZ-Aufseherin wird zur Schlüsselfigur

Besonders eindrücklich schildert sie aber die letzten Kriegstage. Beim Einmarsch der Sowjetarmee auf einem märkischen Gutshof zeigt sich der Krieg noch einmal von seiner grausamen Seite. Neben Vergewaltigung, Plünderung und Einquartierung kommen auch menschliche Züge der kommunistischen Besatzer zur Sprache. Es dauert, bis sich die Tochter des verhafteten Gutsherren Anquist entschließt, Hof und Heimat zu verlassen und über die Zonengrenze zu fliehen. Auch in Lübeck und Hamburg unter englischer Besatzung erwartet sie kein Zuckerschlecken: Schwarzmarkt und Hunger, traumatisierte Kriegsheimkehrer, Suchmeldungen und Trümmerfrauen prägen den Alltag. Der erfahrene Leser mag bei der Lektüre an viele Werke der deutschen Literatur denken – Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“, die Lebenserinnerungen von Ralph Giordano oder Wolf Biermann oder Bernhard Schlinks „Der Vorleser“. Auch in Borrmanns Roman wird eine ehemalige KZ-Aufseherin zur Schlüsselfigur, die in den Nachkriegsjahrzehnten untertauchen konnte. Dass an dieser Stelle von Ravensbrück die Rede ist, verankert das Buch zusätzlich in Brandenburg.

Wenn Nachgeborene über dieses Kapitel deutscher Geschichte erzählen, müssen sie auf fremde Quellen zurückgreifen. Mechtild Borrmann stieß in den Annalen auf die „Trümmermorde“ in Hamburg, authentische Kriminalfälle 1947, die nie aufgeklärt wurden. Sogar die Identität der vier Leichen blieb unbekannt. Ihr Roman liefert eine Version, wie es gewesen sein könnte.

Von Karim Saab

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