Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Eröffnungsabend schleppt sich müde dahin

Volksbühne Berlin Eröffnungsabend schleppt sich müde dahin

Das Volksbühnenteam startet mit einem furiosen Techno-Lichtspektakel, mit Aktionen des Performancekünstlers Tino Sehgal sowie drei Einaktern von Samuel Beckett. Doch der Abend in der Volksbühne, die jetzt von Chris Dercon geleitet wird, hält nicht, was er verspricht.

Voriger Artikel
Wie wurden Sie zum Einbrecher?
Nächster Artikel
Billy Bragg: Neue Protestsongs für die Welt

Anne Tismer in einer Fotoprobe zu „Tritte“ in der Volksbühne.

Quelle: imago

Berlin. Der Auftakt ist wirklich furios – die Volksbühne am Berliner Luxemburgplatz startet in ihre erste Spielzeit unter Chris Dercon mit einem Techno-Lichtspektakel im ganzen Haus. Da passen sich sogar die Fünfzigerjahre-Leuchter der Foyers in ihrem Aufflackern und Verdimmen dem Neuzeitrhythmus an. Selbst der Riesenkronleuchter im Saal spielt mit und schwebt aus seiner angestammten Höhe hernieder. Das Haus ist nicht bloß Kulisse, sondern Hauptdarsteller in diesem ersten Akt.

Während danach die Bühnenarbeiter die Bestuhlung des Saals bringen, versammelt sich das Publikum in den Foyers. Man flaniert und hält Ausschau nach den angekündigten Aktionen, wurde dafür doch eigens Tino Sehgal ins Boot geholt. Der Mann, der keine Fotos von seinen Arbeiten zulässt, gilt immerhin als weltweit geschätzter Performancekünstler, hat mit Theaterleuten wie Kresnik und Schlingensief gearbeitet und Deutschland schon auf der Biennale in Venedig vertreten. In einem der Seitenräume steht eine junge Frau und gibt hin und wieder ein paar Sentenzen auf Englisch von sich. Mithilfe des Fahrplans durch den Abend lässt sich ermitteln, dass das offenbar die Station „Ann Lee“ ist, ihr Sinn ist im Getümmel nicht recht zu erschließen.

Als Ergänzung gibt es Videos und Filme. Im Parterre wird man in comicartige künstliche Welten entführt, in Fachkreisen Avatare genannt, im Obergeschoss offeriert man Theatergeschichte pur, mit den Beckett-Filmen „Quad I“, „Quad II“ und „Geistertrio“. Sie scheinen sich in ihrer zeitfern-entrückten und angestaubten Art aber eher für ein Fachseminar zu eignen als für ein Theaterspektakel. Einen Lichtblick gibt es im Sternfoyer, die Gesprächsbegegnung „This is exchange“, die tatsächlich zum Austausch wird. Hier passiert etwas, was man auch im Theater nur selten erlebt , dass nämlich Besucher und Akteure miteinander wirklich ins Gespräch kommen. Es geht dabei um nicht weniger als um das Thema Marktwirtschaft. Ein gutes Dutzend Moderatoren steht dafür bereit, und sie schaffen es, dass sich tatsächlich Kleingruppen zum durchaus angeregten Gedankenaustausch finden.

Zwischen Godot und Olsenbande

Samuel Beckett, geboren 1906 in Dublin, lebte seit 1937 in Paris, wo er 1989 stirbt. Mit Eugène Ionesco und Jean Genet gehörte er zu den Begründern des absurden Theaters. Sein Stück „Warten auf Godot“ wurde 1953 in Paris uraufgeführt. 1969 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Tino Sehgal wurde als Sohn eines Inders und einer Deutschen 1976 in London geboren. Seit 2000 konstruiert er Live-Situationen und Konversationstücke. Seine Arbeiten werden üblicherweise in Ausstellungen gezeigt. 2012 war er bei Chris Dercon in der Tate Modern in London zu Gast.

Der Schauspieler und Regisseur Morten Grunwald, 1934 in Odense geboren, wird Anfang der 70er Jahre Theaterleiter in Kopenhagen. Ab 1968 spielt er die Rolle des Benny Frandsen in der dänischen Filmreihe „Die Olsenbande“, die insbesondere in Osteuropa und der DDR Kultstatus erlangt.

Die drei Beckett-Einakter stehen wieder am 18. und 28. November auf dem Spielplan. Karten unter Telefon 030/24065777.

Als Höhepunkt des Abends sind drei Einakter von Samuel Beckett angekündigt, einem der Gründungsväter der Theatermoderne. Die Kurzstücke sind späte Eckpunkte seines Schaffens, der Nobelpreisträger hat mit ihnen eine ganz neue minimalistisch verdichtete Form des Sprechtheaters entworfen. Walter Asmus, der Regisseur des Abends, war damals in den 70ern schon an Becketts Seite. Heute, in Zeiten, in denen Regisseure klassische Werke nach ihrem Gusto umkrempeln, achtet er darauf, dass man Beckett so spielt, wie es der Meister wollte. Sein Beispiel zeigt: Es ist nur ein kleiner Schritt vom Erneuerer zum Museumswächter.

Für „Nicht Ich“ wird der Saal total verdunkelt. Auf der Bühne ist nichts zu sehen als der rot leuchtende Mund der Akteurin. Allerdings gibt Anne Tismer, hochgeschätzte Schaubühnenaktrice und auch schon an der alten Volksbühne zu Gast, diesen Text derart verhaucht, dass man allenfalls Bruchstücke erahnen kann. Für „Tritte“, die Spiegelung eines Mutter-Tochter-Konflikts, ist sogar die von Becket festgelegte Schrittfolge überliefert, an die sich Tismer ganz in Weiß penibel hält.

Der Däne Morten Grunwald spielt in „He, Joe“

In „He, Joe“ schließlich sitzt ein einzelner Mann auf der Bühne, der aber stumm bleibt. Stattdessen hört man die Stimme einer Frau, wieder Anne Tismer, die man nicht sieht. Der Däne Morten Grunwald gibt diesen Alten, in fahlem Licht sitzend. Auf einer Videowand sein zerfurchtes Gesicht, immer mehr vergrößert. Er muss, zeigt sich, mit einer schweren Schuld leben, ist er doch verantwortlich für den Selbstmord eines Mädchens, das ihn einst liebte. Die Geschichte eines vertanen Lebens, auch wenn es eingangs heißt, „He,Joe, das Beste kommt noch“. Immerhin – der Satz könnte als Motto über dem Spielzeitauftakt stehen. Der Beifall hält sich in Grenzen.

Wenigstens das Nach-Finale stimmt versöhnlich, wenn das Sehgal-Team wieder die Stühle einsammelt und dabei einer nach dem anderen zu singen beginnt. Während sie alles auf Anfang bringen, entsteht so nebenher ein anrührender Abschlusschor.

Von Frank Starke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Sollte es Schüleraustausch zwischen Ost- und Westdeutschen geben?