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Eruption für Lady Hamilton in Wörlitz

Ausstellung Eruption für Lady Hamilton in Wörlitz

In Wörlitz wird nach vierjähriger Pause wieder der Vulkan gezündet, um Lady Hamilton und eine Ausstellung über sie zu feiern. Doch wer war diese Frau und was hat ihre Skandalgeschichte mit dem wunderschönen Landschaftspark zu tun?

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Lady Hamilton, 1784 gemalt von John Raphael Smith als Bacchantin.

Quelle: Foto: Griesen, Privatbesitz

Wörlitz. Für Lady Hamilton gab es schon zu Lebzeiten viele Eruptionen. Sie war so etwas wie das Pin-up-Girl des 18. Jahrhunderts. 1786 verschlug es sie nach Neapel und im Salon ihres späteren Gatten, des Geologen und englischen Botschafters William Hamilton, verfeinerte sie ihre darstellerischen Fähigkeiten. Mit wenigen Tüchern ahmte sie allegorische Gestalten nach. Ihre Aufführungen, die sie selbst „Attitüden“ nannte, wurden von vielen prominenten Zeitgenossen bezeugt. Zu den Bewunderern gehörte auch der 39-jährige Italienreisende Goethe.

„Eruption für Lady Hamilton“ – so betitelt das Gartenreich Dessau-Wörlitz den Ausbruch des künstlichen Vulkans am heutigen Samstag, 20.45 Uhr. Die 480 Logenplätze in den Gondeln im Krägengraben, der an den Golf von Neapel erinnern soll, kosteten jeweils 149 Euro und waren sofort ausverkauft. Der wundervolle Landschaftspark bietet viele pittoreske Perspektiven auf das pyrotechnische Spektakel, das 2012 zum letzten Mal stattfand. Denn auch ohne den Vulkan war das 112 Hektar große Gartenreich, das der aufgeklärte Fürst Franz von Anhalt-Dessau schuf, bereits eine beispiellose Idylle. Goethe schwärmte bereits als Endzwanziger 1778 in einem Brief: „Hier ists jetzt unendlich schön. Mich hats gestern Abend, wie wir durch die Seen, Kanäle und Wäldchen schlichen, sehr gerührt, wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben, einen Traum um sich herum zu schaffen.“

Die Akteure

Lady Hamilton , geboren als Emma Hart, lebte von 1765 bis 1815. Als hinreißende Schönheit schaffte es die Tochter aus ärmlichsten Verhältnissen in allerhöchste Gesellschaftskreise. Sie wurde europaweit wahrgenommen, weil sie mit zwei Männern lebte. Deren Tod stürzte sie dann in bittere Armut.

William Hamilton (1730 bis 1803). Er diente als britischer Diplomat am Hof des Königreichs Neapel. Mit 54 lernte der Vulkan-Forscher die 35 Jahre jüngere Emma Hart kennen und heiratet sie trotz des Standesunterschiedes.

Horatio Nelson (1758 bis 1805). Der gefeierte britische Admiral errang für die Briten viele Seesiege und fiel in der Schlacht von Trafalgar.

Fürst Franz (1740 bis 1817 ) hieß mit vollem Namen Leopold III. Friedrich Franz (Anhalt-Dessau). Der Aufklärer schuf in Wörlitz den ersten großen Landschaftsgarten auf dem Kontinent.

Doch was hat die skandalumwitterte Lady Hamilton, eine Engländerin, die nach ihrem übel beleumdeten sozialen Aufstieg als 33-Jährige in Neapel auch noch den Seeadmiral und Napoleon-Bezwinger Lord Nelson an sich band und dann mit beiden berühmten Männern in einer offenen Dreiecksbeziehung lebte, überhaupt mit dem Musterländchen Anhalt-Dessau zu tun? Das soll die Ausstellung „Eros & Attitüde“ klären, die noch bis zum 18. September im Schloss Wörlitz zu sehen ist und den „Schönheitskult“ und die „Antikenrezeption in der Goethezeit“ zum Thema hat.

Wer hoch versicherte Exponate zu sehen hofft, wird enttäuscht sein. In den neun kleinen Räumen finden sich auch Kopien und Nachbauten. Eine repräsentative Zusammenschau der vielen Porträts, die zu Lady Hamiltons Lebzeiten und auch nach ihrem Tod 1815 angefertigt wurden, wollen die Ausstellungsmacher gar nicht leisten. Zwei Räume werden Gritta und Moritz Götze reserviert, zwei Gegenwartskünstler aus Halle, die sich unbeschwert und fröhlich mit der Ikone der Romantik auseinandersetzen.

Respekt! Die Kulturstiftung DessauWörlitz hat sich auf eine Tugend besonnen, die das Lebenswerk von Fürst Franz (1740–1817) ebenso auszeichnet. Der Herrscher über nur 35 000 Untertanen in einem von der Landwirtschaft geprägten Land begnügte sich oft pragmatisch mit Illusionen und Miniaturen. Die grandiosen Bauwerke in den Wörlitzer Anlagen, die Fürst Franz von seinem Freund Erdmannsdorff errichten ließ, kommen oft mit bemalten Brettern aus, wo in Rom oder London teuere Materialien wie Marmor oder Edelmetall zum Einsatz kamen.

Die Kulturstiftung, namentlich der Wissenschaftler Uwe Quilitzsch, besetzten mit äußerst beschränkten Mitteln das populäre Thema, das seit mehr als 200 Jahren in den Köpfen der Menschen als Skandalgeschichte herumspukt. Dabei bedurfte es gar keiner umständlichen Konstruktion, um die märchenhafte Erzählung vom Aufstieg und Fall einer begehrenswerten Frau nach Wörlitz zu holen und mit dem eigenen märchenhaften Gartenreich zu verknüpfen.

Untermauert wird der Coup durch einen üppigen Katalog, der durch die Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Casa di Goethe in Rom möglich wurde. In ihm wird den Verknüpfungen zwischen Neapel und London, Wörlitz und Weimar auf den Grund gegangen. Fürst Franz war erstmals 1766 bei dem Vulkan-Forscher William Hamilton in Neapel zu Gast, den er schon von einer England-Reise her kannte. Hamilton war noch in erster Ehe glücklich verheiratet und ahnte noch nicht, dass er als 56-jähriger Witwer 20 Jahre später für die 31-jährige Emma Hart entbrennen würde. Der Fürst bestieg den Vesuv und beschloss 22 Jahre später, in Wörlitz einen künstlichen Vulkan zu errichten. Dafür verwendete er riesige Findlinge aus der Umgebung und Schlacke-Stein aus dem Mansfelder Land. An der Rückseite des Vulkans ließ er später noch eine Mini-Ausgabe der Villa Hamilton bauen, Villa Emma genannt.

Am 14. Oktober 1800 passierten Sir Hamilton, die Lady, und der einäugige und einarmige Seeheld Nelson das Gartenreich. Sie stiegen auf dem Weg nach England in Vockerode aus. Warum es zu keinem Treffen mit Fürst Franz kam und zu keiner Besichtigung des Vulkans und der Villa Emma, blieb ungeklärt. Vielleicht war Fürst Franz nicht im Lande, vielleicht, so spekuliert Kurator Quilitzsch, waren auch politische Gründe ausschlaggebend. Denn Lady Hamilton war mittlerweile tief in die Intrigen der europäischen Großmächte verstrickt. Fürst Franz, Nachbar des erstarkten Preußens, musste sich oft wie ein Spielball fühlen. Gegen die Ohnmachtsgefühle fand er aber Trost im schönen Park.

Von Karim Saab

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