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Erwachte Mumie und ausgebüxte Schnecken

Die Autorin und Verlegerin Dorothea Flechsig aus Finkenkrug (Havelland) Erwachte Mumie und ausgebüxte Schnecken

Dorothea Flechsig aus Finkenkrug (Havelland) lässt in ihrem gerade erschienenen Hörbuch für Kinder „Ritter Kahlbutz – Besuch aus der Vergangenheit“ die Mumie wieder auferstehen und allerhand mit Kindern des Dorfes erleben. Und Petronella Glückschuh aus ihren zwei Büchern ist genauso neugierig wie die 48-jährige Autorin und Verlegerin als Kind.

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Die 48-jährige Autorin und Verlegerin Dorothea Flechsig aus Finkenkrug (Havelland)

Quelle: Maria Conradi

Potsdam. Was für eine Szenerie im Donnergrollen auf der Brücke über dem Flüsschen Schwenze bei Kampehl! Eben noch hatten die Dorfjungs Sven und Toni Mumie Kahlbutz aus der Gruft der Wehrkirche geklaut und am Laternenpfahl festgebunden, um den dicken Nils zu erschrecken, und nun das: „Ein gruseliges Geräusch ließ die beiden aufhorchen. Es klang wie das Knacken von Knochen. Das Licht der Laterne flackerte nervös, und eine sich räuspernde Männerstimme fragte: ,Wen soll ick herzallerliebst begrüßen?’ Aus den dunklen Augenhöhlen der Mumie glotzten zwei schwarze Pupillen in großen weißen Augäpfeln die Jungen an. Sven schrie: ,Der lebt! Der lebt!’“

Vom Blitz getroffen ist Ritter Christian Friedrich von Kahlbutz, seit 1702 tot und nie verwest, auferstanden. Jedenfalls in Dorothea Flechsigs gerade erschienenem Hörbuch „Ritter Kahlbutz – Besuch aus der Vergangenheit“.

Kahlbutz sieht ein Auto und versteht die Welt nicht mehr

Wie kam die 48-Jährige aus Finkenkrug (Havelland) überhaupt auf die Idee, den ollen märkischen Schwerenöter, der dereinst den Bräutigam von Magd Maria Leppin erschlagen haben soll, literarisch ins Diesseits zu befördern? „Als ich vor zwei Jahren für einen Kinderkulturführer für den Landkreis Ostprignitz-Ruppin recherchierte und vor Kahlbutz’ Sarg stand, dachte ich: Was würde der wohl zu seiner Verteidigung sagen, wenn er wieder lebendig wäre?“, sagt Dorothea Flechsig. „Und wenn er nun auf das Hier und Jetzt in seiner alten Heimat trifft, wie käme er damit zurecht?“ So mit dem Auto, das über die Schwenze-Brücke düst. „Kahlbutz sah dem dröhnenden Wagen mit angstgeweiteten Augen nach. ,Was war das? Ein rasend tönendes, stinkendes und grell leuchtendes Ungeheuer!’“, heißt es im Hörbuch. Kahlbutz versteht die Welt nicht mehr.

Und: „Er muss sich seiner Vergangenheit stellen, bereut, tut Gutes und wird erlöst“, sagt Dorothea Flechsig. Den Schatz, den er zu Lebzeiten vergraben hat, die Goldrandtaler, gibt er Marie und ihrer Familie, damit sie in Kampehl wohnen bleiben können, denn ihre alleinerziehende Mutter hat Mietschulden. Die können nun getilgt werden. Nils, Sven, Toni, Marie und deren kleine Geschwister können ihm verzeihen. Aber es geht auch um Themen wie Mobbing – gegen den beleibten Nils. Und damit der Ritter seine Sprache aus längst vergangenen Zeiten sprechen kann, hat Dorothea Flechsig die Briefe Martin Luthers gelesen und Jürgen Schmidt, der auf der Plattenburg Führungen als Junker macht, zu Rate gezogen. Fängt das Hörspiel, das ansonsten lustig ist, nicht ein bisschen gruselig an? Dorothea Flechsig lacht und meint: „Wir haben uns als Kinder doch selber gerne Schauriges erzählt.“

Geschichten erzählen und schmökern im Buchladen ihrer Mutter – das machte sie als Mädchen gerne. Und welche aufschreiben. Als Siebenjährige eine über den Weihnachtsbaum, der nach dem Fest abgeschmückt und ausrangiert am Straßenrand steht. „Über dessen Gefühle hab ich geschrieben, über seine Traurigkeit.“ Am liebsten waren ihr aber Erzählungen mit Tieren.

Überhaupt: All die Kreaturen in der Natur. Sie fuhr mit dem Fahrrad rund ums oberfränkische Dorf Niederfüllbach, wo sie aufwuchs, auf Entdeckungstour. „Ich wusste, wo im Wald die ersten Leberblümchen und die Buschwindröschen sind“, weiß die Autorin noch. Vorm leeren Fuchsbau hockend hoffte sie, endlich einen Reineke zu sehen. Sie lief durchs Wasser des Baches, fand Scherben, Versteinerungen, Knochen – Schätze, die sie hortete.

Sie wollte wissen, ob Hühner auch Eier fressen

Da war auch die Sache auf dem Bauernhof der Großtante. „Ich wollte wissen, ob Hühner auch Eier fressen.“ Erst schlug sie eines in deren Futternapf auf. Das schleckte das Federvieh gierig aus. „Dann hab ich alle frisch gelegten Eier verfüttert und stolz erzählt: Hühner fressen total gerne Eier. Das fand ich ’ne große Entdeckung.“ Die Großtante war entrüstet. Es waren die Eier aus dem Gelege ihrer Zuchthühner, für die sie schon Preise gewonnen hatte.

So neugierig wie Dorothea Flechsig ist auch ihre Petronella Glückschuh, die mal Tierforscherin werden will, in den bislang zwei erschienenen Bänden. Vieles, was man da lesen kann, sind Flechsigs Kindheitserlebnisse. Auch das: Sie ging mit ihrer Familie wandern, es regnete. „Da hab ich Dutzende Weinbergschnecken gesammelt und in meine Regenmanteltasche gesteckt. Wir kehrten in einer Gaststätte ein. Mein Vater hing unsere Garderobe im Flur an die Haken. Als er zur Toilette ging, sah er, dass alle meine Weinbergschnecken ausgebüxt waren und die Wände des Lokals entlangkrochen. Ihre Schleimspur war auch auf den Sachen der anderen Gäste. Vater war das peinlich, er zahlte schnell und wir sind abgehaun.“

Die Autorin und Verlegerin

Geboren ist Dorothea Flechsig 1968 in Coburg. Sie war viele Jahre als freie Journalistin für Zeitungen und Magazine tätig. Mittlerweile veröffentlichte die in Finkenkrug (Havelland) lebende Autorin Geschichten für Kinder in ihrem 2011 gegründeten Glückschuh-Verlag. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin und unterrichtet auch Erwachsene und Kinder im Kreativen Schreiben.

Im Glückschuh-Verlag erschienen bisher ihre Bücher und Hörbücher wie „Petronella Glückschuh – Tierkindergeschichten“, „Petronella Glückschuh – Naturforschergeschichten“, der Kinderatlas „Petronella Glückschuh – Umwelt, Tiere“, für den sie drei Preise erhielt, „Sandor – Fledermaus mit Köpfchen“, Sandor – Abenteuer in Transsilvanien“, „Sandor – Not macht erfinderisch“, „Pünktchen, das Küken“, „Pünktchen, das Küken feiert Geburtstag“, „Chacha-Casha, das kleine Chamäleon“, „Ritter Kahlbutz – Besuch aus der Vergangenheit“.

Ihr Kinderreiseführer „Theos Entdeckungen – Auf den Spuren Fontanes“ durch Ostprignitz-Ruppin kam 2015 heraus.

2012 schrieb sie das Drehbuch für „Zeig Gewalt die rote Karte“, gefördert vom Landespräventionsrat Brandenburg/ Ministerium des Innern. Die Polizei nutzt den Film als Präventionsfilm zum Thema Gewalt an Schulen.

Info www.glueckschuh-verlag.de

Dorothea Flechsig will Kinder ermuntern, zu beobachten, zu experimentieren. Bei einer ihrer Lesungen an Schulen fand ein Junge, das könne man doch alles im Internet nachlesen. Zum Beispiel, ob kleine Weinbergschnecken schon ein Häuschen haben. „Na ja, das stimmt, aber es ist doch viel schöner, es selber zu sehen und zu erleben“, antwortete sie. Oft wird sie gefragt, ob das stimme, dass sie geschwänzt habe wie Petronella Glückschuh. „Ja, sage ich, das hab ich in der ersten Klasse manchmal gemacht, weil ich die Zeit vergessen hab am Bach. Manche Lehrer lächeln dann, andere schauen streng. Dann erklär ich, dass ich schon mit fünf eingeschult wurde und eigentlich noch nicht die Schulreife hatte, ein bisschen verträumt und für mich die Natur interessanter war.“

Noch immer mag sie die. Auf dem Finkenkruger Grundstück gackern sechs Hühner. Katze Minusch schnurrt um ihren Schreibtisch herum. Von da aus kann Flechsig in den verwunschenen Garten blicken. An den Hagebuttenstrauch hat sie einen Meisenknödel gehängt. Und im nahen Mischwald läuft sie so gerne herum.

Sandor, die kleine sprechende Fledermaus  aus Transsilvanien mit dem Knick im Ohr

Sandor, die kleine sprechende Fledermaus aus Transsilvanien mit dem Knick im Ohr.

Quelle: Verlag

Hat sie da beim Spaziergang ihren Sandor, die sprechende Fledermaus mit dem Knick im Ohr aus ihren Büchern erfunden? „Nein. Mein Neffe kam in der Schule nicht so gut mit. Da kam mir der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn der so’n kleinen Freund kriegte, der ihm bei den Hausaufgaben hilft und mehr Selbstvertrauen gibt“, erzählt Dorothea Flechsig. Eine kleine geheime Fledermaus in der Schultasche fällt nicht auf. „Fledermäuse brauchen die Wechselwärme mit anderen Fledermäusen, sonst sterben sie. Auch ein Mensch kann nicht isoliert leben. Der Junge Jendrik und Sandor sind Einzelgänger und helfen sich gegenseitig, wieder unter ihresgleichen Fuß zu fassen.“

Um Tierisches geht es auch in „Chacha-Casha. Das kleine Chamäleon“ für Kinder, die etwas ängstlich sind. Da wird das furchtsame kleine Chamäleon zum Helden als es die anderen Chamäleons aus einem Terrarium befreit.

„Es ist viel Arbeit, aber ich hab’s nie bereut, 2011 meinen eigenen Glückschuh-Verlag zu gründen“, sagt Dorothea Flechsig. Mittlerweile sind die Petronella- sowie Sandor-Geschichten sogar auch in 22 Ländern in Nord-, Mittel- und Südamerika erschienen. Gerade sitzt sie am dritten Petronella-Buch. Es wird wieder was mit Tieren sein. Wie mit Waschbären, die durch die Katzenklappe in den Keller kommen und großen Unfug treiben.

Von Angelika Stürmer

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